„Wohin verschwinden die Körper und Seelen der Menschen? Was hat es mit Sedia_Geheimden Vögeln auf sich? Die geheimnisvolle Spur führt in den Untergrund im doppelten Sinn, den einer mythisch dunklen Märchenwelt und den der Moskauer Mafia. Ein dunkler Großstadtroman zwischen Magie und Realität. Episch und verspielt wie Neil Gaiman; kraftvoll und witzig wie Sergej Lukianenko. Eine Sternstunde russischer Fantasy.“

(Klapptext)

Gerade die Andeutung auf Neil Gaiman und  seine Bewertung des Buches als „Abgründig, dunkel und aussergewöhnlich“ haben mich bewegt mir diesen Roman, eine Mixtur aus russischen Mystik und Phantastik, verfeinert mit der  angenehmen Erzählkunst der Autorin, zuzulegen. Und es hat sich durchaus gelohnt.

Galina ist eine junge Frau, wohnhaft in Moskau, die jeden Tag ihrer Arbeit als Übersetzerin nachgeht und in ihrer Familie, bestehend aus ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Mascha, eine Art schwarzes Schaf ist.

Galina leidet einer seltenen Art der Schizophrenie, seit früher Kindheit sieht sie Sachen und Wesen die andere nicht wahrnehmen und die trotz Psychaterieaufenthalte  stets am Rand ihrer Wahrnehmung existieren.

Eines Morgens ist es soweit, Mascha die Lieblingstochter der Mutter, bekommt ihr Baby. Die Badezimmertür ist von Innen verschlossen, jedoch dringen die Schreie des Neugeborenen in die Wohnung. Nachdem Galina es gelingt die Tür aufzubrechen und mit ihrer panischen Mutter in den Raum stürzt machen sie eine erschütternde Entdeckung. Das Baby liegt auf dem Boden aber von der Mutter fehlt jede Spur, nur das kleine Fenster steht offen und Galina blickt voll Angst die Etagen hinunter. Keine Leiche ihrer Schwester ist zu sehen, dafür schwingt sich aber eine Dohle auf den Fenstersims, verweilt einen kurzen Augenblick und erhebt sich so schnell wie sie aufgetaucht ist wieder in die Lüfte.

Galina ist sich sicher, das war ihre Mascha.

Dieser Vorfall soll jedoch nicht der einzige dieser Art in Moskau bleiben. Jakov, ein resignierter Polizist in Moskau, der längst die Machtlosigkeit seines Berufsstandes in der russischen Metropole erkannt hat, beobachtet beim Frühstück einen Mann der sich, eben noch mit dem Hund spazierend, in einen Vogel verwandelt und aufgescheucht davon fliegt.

Die beiden Personen treffen bald zusammen und Galina überredet den Polizisten sie nach Feierabend mit zu einem heruntergekommenen Strassenkünstler zu begleiten der ihnen etwas zu zeigen hätte. Jakov gibt der drängelnden jungen Frau bei und sie begeben sich zu Fjodor, einem Zeichner und Alkoholiker, der nach unter dem Motto „Andere brauchen ihre Medizin, ich den Alkohol“ einen Weg gefunden hat sich mit seiner Realität zu arrangieren.

Fjodor führt die beiden in eine entlegene Gasse zu einer Regenpfütze aus der sich plötzlich ein ganzer Schwarm Vögel erhebt, eine Runde fliegt und wieder in sie eintaucht. Fassungslos beobachten Galina und Jakov dieses Schauspiel, aber Fjodor hat noch etwas mit ihnen vor. Er führt sie in eine U-Bahn Station und sie warten am Gleis auf die nahende Bahn. Als diese an ihnen vorbei zischt können die drei in der Spiegelung der rasenden Fenster ein weiteres Tor entdecken und Fjodor packt kurzentschlossen ihre Hände und springt in die Scheiben.

Ekaterina Sedia präsentiert eine wundersame und einmalige Welt hinter der brüchigen Fassade der Moskauer Gesellschaft mit individuellen Charakteren voller Ängsten, Schwächen, Eigenarten, aber auch Stärken und Mut. Sie entführt an einen Ort an dem Zeit keine oder zumindest eine andere Rolle spielt als an der Oberwelt. Wir begegnen russischen Mythen- und Märchenwesen und es ist wirklich spannend sie kennen zulernen. So reist der Leser u.a. gemeinsam mit der Himmelskuh Zemun und dem dürren Kaschtschei auch „Der Todeslose“ genannt.

Kaschtschei hat es mir persönlich angetan, er erinnert stark an einen alten, mürrischen Magier und dieser Vergleich ist vielleicht auch gar nicht so falsch, wenn seine nur selten vorkommenden sadistischen Fantasien nicht wären. Eine Besonderheit an ihn ist dass er durch die Tatsache, dass er seine Seele außerhalb seines Körpers aufbewahrt, sehr schwer zu töten ist bzw. als unsterblich gilt. Sie ist in einer Nadel versteckt, welche sich in einem Ei befindet, welches in einer Ente ist, die wiederum in einem Hasen steckt, der in einer eisernen Kiste sitzt, die unter einer Eiche auf der Insel Buyan vergraben liegt, welche weit draußen im Meer liegt.

Aber bei ihm und Zemun hört die Liste der mythischen Wesen noch lange nicht auf und auf dem Abenteuer durch die geheime Welt tief unter der Stadt Moskau begegnen dem Leser z.B. einigen Rusalki (ostslawische Wassernymphen), Licho der einäugigen Geist des Unglücks und des bösen Schicksals und sein Kumpane Zlyden der Geist der Unterwelt.

Neben diesen eindrucksvollen Bösewichten lässt Sedia uns auch ein paar wundervolle und strahlende Wesen der russischen Mythologie kennen lernen, die mich wirklich in ihren Bann gezogen haben.

Hier tut sich, gerade dem Nicht-Kenner der russischer Sagen eine komplett neue und unvertraute Welt auf, die einem aber doch behutsam eröffnet wird und  zum Staunen einlädt.

Ein tolles und auf seine Weise einmaliges Abenteuer.

Weitere Infos und Leseprobe zu dem Buch: Hobbit Presse

Buchfakten:

Ins Deutsche übertragen von Olaf Schenk (Orig.: The Secret History of Moscow), gebunden mit Schutzumschlag, Auflage: 1. Aufl. 2009, Seiten: 329
ISBN: 978-3-608-93873-9

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