Im Verlag Carl Ueberbeuter ist sie Anfang August erschienen, eine Fantasy Fantastische_Kreaturen_FantasyAnthologie, die nicht nur mit brillanten AutorInnen aufwartet sondern auch mit eben solchen Kurzgeschichten. Den Mittelpunkt einer jeden Geschichten bildet, mit unterschiedlicher Präsenz, ein Fantasy Geschöpf -eine fantastische Kreatur- und hier werden dem Leser keineswegs ausgeschöpfte Stereotypen von Bösewichten oder eine Zusammenfassung der sog „Völkerromane“ angeboten.

Stattdessen lassen 14 AutorInnen ihrer Kreativität freien Lauf und haben es geschafft mit sehr individuellen Umsetzungen ein wahrlich fantastisches Feuerwerk in Buchform zu entfachen. Ein absoluter Hochgenuss für jeden Fantasy Fan.

14 Kurzgeschichten in einzelner Vorstellung:

Christoph Marzi – Erlkönigskind

Der erste Schreck dieser Fantasy Anthologie setzt mit dem letzten Wort Marzis ein. Hat die Anthologie etwa mit der Erstplatzierung von Marzis wundervollen Geschichte ihr ganzes Pulver bereits verschossen? Kann nach dieser Geschichte überhaupt noch etwas qualitativ gleichwertiges kommen? Jedoch sei an dieser Stelle bereits beruhigt, Erlkönigskind ist zweifellos eine heraus stechende Arbeit in diesem Band, aber die Vielseitigkeit der folgenden Geschichten vermag weitere Neugier aufrecht zuhalten.

Christoph Marzi, einer der bekanntesten deutschen Fantasy Autoren, präsentiert mit Erlkönigskind eine Adaption des Grimm Märchens „Hänsel und Gretel“. Was im ersten schnellen Vorurteil als ein Aufbacken eines altbekannten Märchens abgetan werdem könnte, entpuppt sich als liebevoll umgesetzte Geschichte, die zwar auf alten Pfaden wandert, diese aber mit neuem Leben zu füllen weiss. Hier entfaltet der Autor aus einem alten runzeligen Kokon einen wirklich farbenfroher Schmetterling und dies gerade weil Marzi die Adaption als so offensichtlich darstellt.

Zwei Kinder werden von ihrem Vater und ihrer Stiefmutter in die Tiefen eines Waldes geführt. Während die Eltern Holz beschaffen wollen, weisen sie die Kinder an ein Feuer zu errichten und auf sie zu warten. Die Nacht bricht schwarz und beängstigend herein, von den Eltern fehlt jedoch jede Spur und noch etwas scheint seltsam. Der Junge, der mit seiner jüngeren Schwester ausharrt, scheint sich zu verändern. Wenn auch nur in Nuancen, die auch ein Trugbild der Dunkelheit sein könnten. Eine verzweifelte Reise durch einen Wald in Finsternis beginnt…

„Hänsel und Gretel“ – „Das kennt man, war ja klar das das jetzt passiert“ mag einem beim lesen von Marzis Kurzgeschichte hin und wieder durch den Kopf gehen, um sich kurz darauf wieder in der Geschichte verloren zu finden, in einer Spannung die fast greifbar ist und einer Welt mit zwei Hauptfiguren die so liebevoll beschrieben sind das sie dem Leser, trotz Kürze der Geschichte, unglaublich schnell ans Herz wachsen. Marzi vermag es, beim Leser Erstaunen, Mitgefühl und Anspannung, genau so wie Angst und eine Unsicherheit die bei einer Märchenadaption fast nicht möglich ist, auszulösen. Eine absolut spannende, fantastische und überraschend überraschende Geschichte.

Katja Brandis – Der Greif von Xanthia

Nor ist ein mächtiger, eindrucksvoller Greif. Einst der Stolz der Menschenstadt Xanthia und ihr gefürchteter wie verehrter Beschützer. Nor ist ein gebrochener, verstossener Greif dem an manchen Tagen nicht einmal das Sonnenlicht Jar’khars die Seele zu erwärmen mag…

Katja Brandis, die in diesem Herbst ihren neuen Fantasyroman „Jerusha“ präsentiert, erzählt in „Fantastische Kreaturen“ ihre eindrucksvolle  Geschichte um den Greifen Nor und den jungen Thronerben Xanthias Arkash. Doch das Experiment, den Greifen als Beschützer und Wappentier des Reiches zu gewinnen, droht tragisch zu enden…

Aus der rückblickenden Perspektive der Greifen erzählt Katja Brandis die Kurzgeschichte, die wohl als die zwischenmenschlichste (wenn es sich um einen Menschen und nicht um einen Greifen handeln würde) dieser Anthologie gehandelt werden kann. Der Greif ist exotisches Wesen, fantastische Kreatur und zu gleich eine Figur der man unglaublich nah kommt. Die Autorin vermag es den Leser durch Greifenaugen blicken, und Freude und Leid hautnah miterleben, zu lassen.

Eine wundervoll erzählte Geschichte um das Verhältnis zwischen einem Menschen und einem Fabelwesen, der Spielgefährte, Wappentier, Freund und Haustier sein soll, und der Brisanz die diese Erwartungen bergen. Eine faszinierende Kurzgeschichte die es dem Leser eigentlich nicht möglich macht kein Mitgefühl zu zeigen. Wundervoll geschrieben, mit einer ganz eigenen Spannung, zeigt Katja Brandis in „Der Greif von Xanthia“ das die ganz grossen und gefährlichsten Schlachten auch in den Köpfen und Herzen einzelner Wesen toben können.

Bernd Rümmelein – Der Drache des dunklen Wassers

Bernd Rümmelein der mit seinem Fantasy-Roman „Kryson“, der im September bei Ueberreuter unter dem Label „Otherworld“ erscheint, den Wolfgang-Hohlbein-Preis 2009 gewonnen hat, war der Autor auf dessen Kurzgeschichte ich persönlich am meisten gespannt war. Verspricht doch die anstehende Veröffentlichung bei „Otherworld“ das hier ein Schreiber jenseits mittelmässiger Fantasyerzählungen am Werk ist. Diese Hoffnung und vorfreudige Erwartung hat sich allemal erfüllt!

Bernd Rümmelein entführt den Leser in eine tropisch wirkende Sumpflandschaft, einen Mangrovenwald. Neben allerlei Getier und einer vielfälltigen Fauna, die das Interesse des sammelfreudigen Herrschers von Gabatanien auf sich gezogen hat, lebt in den Windungen des Flusses Lurk. Lange bevor die ersten Menschen einen Fuss zwischen die Mangroven setzten war dieser Ort bereits sein Domizil, er war Herr in diesem verwinkelten Streifen wilder Natur. Lurk ist der „Drache der dunklen Wasser“, von den ersten Menschen gefürchtet und vergöttert zugleich. So brachten sie ihm Opfergaben dar um seinen Hunger zu stillen und ihn zu ehren. Eines Tages als Lurk erneut eine Jungfrau an einem Baum gebunden vor fand, geschah etwas einmaliges. Die junge schöne Frau begann zu singen und gab ihm einen Namen. Valandor Satafar – Drache des dunklen Wasser. Ihr Name war Misama und Lurk entführte sie tief in sein wildes Reich…

Bernd Rümmelein ist nicht der Versuchung erlegen einen 08/15 Drachen zu präsentieren und ihm lediglich als kleinst-exotisches Moment unter Wasser lebend zu schaffen. Lurk ist… eine vollkommen eigene und nicht zu kategorisierende fantastische Kreatur. In ihm verschmelzen diverse (Fabel)Tierformen ohne ihn jedoch zu überladen. Eine absolut eindrucksvolle Schöpfung und die, für mich, fantastischste Kreatur dieser Anthologie. Die Geschichte von Rümmelein ist eine packende und hochspannende. Ein Fantasyabenteuer in das der Autor all sein Können gelegt hat. Bernd Rümmelein entführt den Leser in eine eindrucksvolle Dschungellandschaft und lässt ihn einen Blick auf das Leben des uralten Geschöpfs unter der Wasseroberfläche werfen. Obwohl man beim lesen den Wasserdrachen kennenlernt, von seinen Gedanken, Wünschen und Träumen erfährt, bleibt er doch ein Wesen welches dem Leser stets etwas Unbehagen bereitet. Eine wahrhaft ungeheuerliche Geschichte, ein tolles Fantasy Abenteuer, voller Spannung und einer begeisternden Kreativität des Autors. Bernd Rümmelein – ein Name den man sich in Sachen Fantasy ganz oben auf den Merkzettel setzten sollte. Eine der stärksten Werke in dieser Anthologie.

Susanne Gerdom – Das große Rennen

Susanne Gerdom und fantastische Kurzgeschichten, eine Kombination die einfach passt. Ohne überflüssige Schnörkel und Ausschweifungen erzählt die Fantasy Autorin eine Geschichte die den Leser in die fantastische und mythische Welt irischer Sagen entführt.

Flann McManus ist ein Leprechaun, ein kleinwüchsiges Wesen das grob in die Gattung der Kobolde eingeordnet werden kann und ein hervorragender Schuhmacher, leidenschaftlicher Trinker und durchaus auch als Faulpelz zu bezeichnender Bewohner der verborgenen Leprechaunsiedlung. Wie jeder seiner Artgenossen verfügt auch Flann nicht nur über verborgene alkoholische Reserven sondern ebenso über eine stattliche Summe angesammelten Goldes in einem gut gewählten Versteck. Der „Jahrestag“ ist hereingebrochen und die Stimmung ausgelassen. Nur bei Flann vermag sich die Feierlaune nicht vollständig zu entfalten, steht doch das grosse Rennen unter den wachsamen Augen des Dorfdruiden an, welches er im Vorjahr als drittletzter absolviert hat. Und da Flann in diesem Jahr wieder nicht übermässig viel Zeit mit dem Training für das rituelle Rennen verbracht hat, droht ihm erneut eine schlechte Platzierung und die Rüge des Druiden. Noch ist dem Leprechaun nicht bewusst das die Tadel des Ältesten ein mildes Los im Vergleich zu dem sind was ihm Laufe dieses Abenteuers widerfahren wird.

Irish Fantasy a la Susanne Gerdom, das ist nicht nur spannend, überraschend und liebevoll beschrieben sondern macht auch einfach Spass gelesen zu werden. Obwohl dies sicherlich nicht die Kurzgeschichte mit der grössten Tiefe ist, ist sie nah am Geschehen orientiert und es kommt unweigerlich der Eindruck auf das die Autorin selbst eine Zeit ihres Lebens zwischen eben jenen fantastischen Kreaturen verbracht hat. Es wirkt fast als würde die Autorin über etwas für sie völlig selbstverständliches, fast alltägliches schreiben. Eine ungewöhnliche Leseerfahrung und deshalb empfehlenswert.

Nina Blazon – Feuerherz

Nina Blazon eine Autorin die für wundervoll geschriebene Geschichten, liebevoll entworfene Charaktere und Welten die den Leser sanft und doch schnell in ihrem Bann ziehen, steht. Dies vermag sie auch in Kurzgeschichten.

Namida, eine Feuernymphe wagt den Sprung aus ihrem heimischen Flammen hinaus in die Welt der Menschen. Angezogen von dem Künstler Tian war es die Liebe zu diesem Mann und das unstillbare Verlangen nach seiner Nähe, welche die Nymphe den Feuern entsteigen liess. Doch der Preis für dieses neue Leben ist hoch. Wie hoch, würde Namida erst im Laufe der Zeit zu verstehen lernen…

Eine fantastische Geschichte die einem ab der ersten Seite an´s Herz geht. Nina Blazon versteht es erneut auf ihre einmalige Weise den Leser in ihren Bann zu ziehen. Wo andere AutorInnen seitenlang ihre Völker beschreiben um dem Leser einen Eindruck von ihnen zu vermitteln, ist man bei Nina Blazon bereits nach dem ersten Absatz unglaublich nah an der Figur der Feuernymphe. Eine wunderschöne und doch grausame Geschichte, eine fantastische Romanze, ein Abenteuer der ganz besonderen Art, ein Konflikt zweier Lebenswelten, so liebevoll geschrieben wie es wohl nur Nina Blazon vermag. Eine der stärksten Geschichten dieser Fantasy Anthologie!

Monika Felten – Doron-Fennas

Eine Urban Fantasy Geschichte die in einer Stadt in Irland spielt, präsentiert Monika Felten. Mr. Ó Briain, frischer Harvard Absolvent in internationalem Management, hat es geschafft durch eiserne Disziplin und Fleiss, sich einen Posten bei der Woodhard KG zu ergattern. Sein Aufgabenbereich, die Abholzung des tausendjährigen Eichenwalds Doron-Fennas. Seine beiden Vorgänger sind an dieser Mission, durch plötzliche Schicksalsschläge, gescheitert. Natürlich richtet sich in der Bevölkerung Widerstand gegen das profitgierige Unternehmen und dessen Ignoranz gegenüber dem verbreiteten Glauben das Elfen in den Tiefen des Waldes hausen. Mr. Ó Briain soll seine ganz eigene Erfahrung mit dem Mythos der Waldelfen machen…

Monika Felten verbindet fantastische Elemente mit akuten Problemen und gesellschaftlichen Prozessen unserer Zeit. Eine angenehme und ausgeglichene Mischung von beidem macht diese Kurzgeschichte zu einem spannenden Werk. Gerade ihr Spiel mit dem Mythos der Elfen verleiht der Kurzgeschichte eine interessante Note und dem Leser eine durchgehende Ungewissheit was die Existenz dieser fantastischen Kreaturen angeht.

Stephan R. Bellem – Pfad der Bestimmung

Hier haben wir sie endlich, einen Klassiker der fantastischen Kreaturen: Orks. Ul’Goth, ein junger Ork, muss dem Weg der Mannwerdens, der seit Generationen auf gleiche rituelle Weise beschritten wird, erfolgreich meistern. Sein Vater, das Oberhaupt des Orkclans, hat an seinem Erfolg nicht den geringsten Zweifel. Doch ist es auch dieser Umstand, gepaart mit dem Unverständnis der alten Tradition gegenüber und der Angst vor dem Versagen, welcher den jungen Ork, an sich, seinem Können und seiner angeblichen Bestimmung zweifeln lässt. Doch der Tag des Rituals, welches bereits von den Ahnen Ul’Goths vollzogen wurde, ist gekommen. Ein junger Ork stellt sich seiner Furcht, doch nicht alle Stammesmitglieder hoffen auf ein erfolgreiches Abschneiden der Prüfung…

Stephan Bellem erschafft seine Orks nicht als stumpfe Masse blutgieriger Unholde. Seine fantastischen Kreaturen leben als Jäger und Sammler, verdrängt von den Menschen auf unfruchtbarem Boden, in einer archaischen Gesellschaft mit spirituellen und magischen Elementen, in tief verwurzelten Traditionen und Riten. Diese Kurzgeschichte ist keine kampflastige a la Stan Nicholls, sondern vollzieht auf sehr persönliche Weise einen der wichtigsten Lebensabschnitte eines jungen Orks nach. Nicht zu menschlich, nicht zu sehr gut gemeinten Jugendroman, sondern orkisch, mit Biss und Spannung. Dieser Ork wird seine Freunde unter den Lesern finden.

Christoph Hardebusch – Ewigkeit

Der bekannte Fantasy Autor entführt den Leser in die Wüsten Nessaths, auf die Reise einer Karawane, die sich von Wasserloch zu Wasserloch durch die sandigen Dünen schlängelt. Dharan, ein noch junger wenn auch bereits erfahrener Wüstenläufer, geleitet eine Karawane von Menschen durch die heisse Einöde. Das die endlose Weite kein ungefährlicher Ort ist, weiss der junge Mann nur zu genau, hier tummeln sich Räuber und Raubtiere, aber die grösste Gefahr die die Wüste bereithält, hat es bereits auf die Reisenden abgesehen…

Christoph Hardebusch hat eine äusserst interessante Umgebung für seine Geschichte gewählt, die mehr Reize enthält und offenbart als der erste Eindruck vermuten lässt. Gespickt mit ein wenig Mythologie der Wüstenvölker, wächst aus dem Meer aus Sand schnell eine eigene faszinierende Welt. Eine spannende Geschichte, die in ihrem Kern nur einen recht kurzen Zeitraum einfängt, diesen aber in all seiner Groteske, Schönheit und Verlockung darstellt.

Evelyne Okonnek – Feuer im Meer

Sie durften natürlich auf keinen Fall fehlen und Evelyne Okonnek nimmt sich ihrer in faszinierender Weise an. Drachen. Zwei von ihnen bilden den Mittelpunkt dieser fantastischen Erzählung. Dorossim ein mächtiger Wasserdrache und sein Bruder der Feuerdrache Daarobinham.

Dorossim besitzt so etwas wie eine Neugier für Menschen, ihr Verhalten und ihr Miteinander. Gerne beobachtet er sie klammheimlich in den verschiedenen Häfen der Welt und nicht selten findet der eine oder andere auch einen Weg in seinen Schlund. Bei seiner letzten Beobachtung ist er jedoch fahrlässig geworden und hat eine verräterische Spur hinterlassen, die die Neugier der Menschen wecken würde. Diese wird jedoch nicht nur von ihnen entdeckt sondern entgeht den wachsamen Augen des Feuerdrachens ebenfalls nicht. Obwohl beide von einander wissen wo sich der andere in etwa aufhält, nimmt Daarobinham die Fährte auf um seinem Bruder nach ewig währender Rivalität endlich den Gar auszumachen. Es gibt nur einen Erstgeborenen unter ihnen und der Feuerdrache will dafür Sorge tragen das sein Bruder dies endgültig zu verstehen lernt. Womit beide Drachen jedoch nicht gerechnet haben ist das ihnen noch jemand auf der Spur ist…

Evelyne Okonnek präsentiert eine unglaublich gelungene Drachengeschichte. Hier gibt es keinen guten Freund eines Menschen der diesem als Reittier dient und auch keine instinktreduzierten Fressmaschinen. Die Autorin hat es geschafft zwei beeindruckende eigenständige Geschöpfe zu kreieren und eine hochspannende Geschichte um sie herum zu weben. Die Essenz eines uralten Konflikts zweier Drachen, die imposanter kaum sein könnten, wird hier auf ein paar Seiten gezaubert. Ein atemberaubendes Abenteuer mit faszinierenden Kämpfen und eine gute Dosis Magie machen diese Geschichte zu einem ganz besonderem Fantasy Leckerbissen. Zwei fantastische Kreaturen in einer absolut empfehlenswerten und spektakulären Umsetzung.

Brigitte Melzer – Return of the living Fred

Welch grandiose Kurzgeschichte! Der Titel verrät bereits durch seine Anspielung an den Zombie Klassiker Film von 1985 „Return of the living dead“ was den Leser zu erwarten. Eine Zombiegeschichte vom aller feinsten. Fred, eine junge Frau die mitten im Leben steht, ist tot. Von einem Bus überfahren, kurz nachdem ihre beste Freundin Liz ihr anvertraut hatte das ihr Freund Marc sie betrügen würde. Nun lag sie da, in ihrem Sarg, in entspannter Erwartung einem Licht folgen oder in einen sich auftuenden Tunnel treten zu können. Statt in den Genuss ewiger Ruhe zu kommen, beginnt jedoch eine Stimme penetrant ihren Namen zu rufen. Zu erst genervt beginnt Fred dann noch genervter mit der Befreiung ihrer selbst aus dem Erdreich. Auf dem kleinen beschaulichen Friedhof steht eine Zombie aus ihrem Grab auf und stolpert in die verschiedenen Desaster ihrer neuen Existenz.

Diese Kurzgeschichte kann mit Fug und Recht als das „i-Tüpfelchen“ dieser Anthologie angesehen werden, als ein Extrabonbon, als die Sahnespitze. Der Leser begleitet die junge Fred bei ihrem Werdegang zum Zombie und das auf herrlich komische und erfrischende Art und Weise. Eine Hauptfigur und ihr Schicksal welche dem Leser eine ganze Palette an Emotionen anbietet. Witzig, spannend, überraschend, liebevoll. Auf sehr persönliche Weise lernt man Fred kennen und lieben, ihren Macken und Stärken, und verfängt sich sehr schnell im Netz einer Frauenfreundschaft welches undurchsichtiger kaum sein kann. Zombies und Humor – eine Kombination die bei Brigitte Melzer zu einem herrlichen Lesevergnügen wird.

Jonas Torsten Krüger – Marsyas

Eine spannende Urban Fantasy Geschichte hat Jonas Torsten Krüger aufs Papier gebracht. Marsyas ist ein Faun auf einer heiklen Mission. Zwar wurde ihm dringlich von dieser Unternehmung abgeraten aber er kann einfach nicht untätig zusehen wie Dr. Phöbus seinen Aktivitäten nachgeht. Dr. Phöbus ist unter den „Zweifüsslern“ nicht nur ein angesehener Mediziner, Militär und Millionär, er ist auch ein Sammler. Dieser Sammlung, der besonderen Art, gilt Marsyas Interesse und er bricht auf, um in das Anwesen, des bei Fabelwesen gefürchteten, Doktors einzudringen…

Diese Kurzgeschichte könnte auch ebenso eine Szene in einem Film sein. Gebannt verflogt man das Geschehen, jeden Schritt des Faun, seine Versuche der Gefahr einer Entdeckung zu entgehen. Kopfkino, dieser Begriff trifft auf dieses Werk wohl am besten zu. Obwohl die Handlung in einem zeitlich engen Rahmen gesetzt ist, offenbart sie dadurch ihre ganze Spannung, Dramatik und ihren ganzen Nervenkitzel. Eine fantastische Geschichte die man nicht einfach mittendrin abbricht sondern bis zum Schluss liest. Eine aufreibende Entdeckungstour eines mutigen Fabelwesens.

Martin Clauss – Menschenwinter – Feenfrühling

Urban Fantasy in ihrer absolutesten Form. Die Menschen sind tot, von einer Seuche ausgelöscht. Es hat nur ein paar Tage gedauert aber jetzt stehen ihre Städte und Dörfer leer. Fast leer. Denn nach und nach schlüpfen die erste neugierigen Fabelwesen aus ihren Verstecken um die Welt wieder die Ihre nennen zu können. Zu manchen dieser fantastischen Kreaturen ist jedoch der Ruf von Freiheit noch nicht vorgedrungen oder sie zögern, unfähig das grosse Glück zu begreifen. Hier tritt Eoiyr auf den Plan. Er ist ein Fee und zudem einer der Freiwilligen die es sich zur Aufgabe gemacht haben die Kunde einer menschenleeren Welt unter den fabelhaften Lebewesen zu verbreiten und diese aus ihren ewigen Unterschlupfen zu holen. Ein letztes Geschöpf gilt es noch zu wecken und da der Feen mit dieser Tat gewiss nicht nur seine Angebetete Dyxxa beeindrucken würde, nimmt er diese Mission an. Sie soll wie keine seiner vorherigen werden…

Der Autor eröffnet dem Leser hier eine fantastische Welt die gerade wieder neu am entstehen ist, man wird sozusagen Zeuge ihrer Geburtsstunde. Das ist nicht nur eine wirklich bemerkenswerte Idee sondern liefert auch Stoff für eine spannende, fantastische und packende Geschichte. Fantasy die Spass macht und den Leser ins Staunen versetzt, mit sehr schön gezeichneten Figuren und Wesen, der passende Menge Magie und Momenten die eben nur unter fantastische Kreaturen möglich sind.

Lynn Raven – Hic sunt Vampyres!

Hier kommt sie nun, die Vampirgeschichte der Anthologie, die aber mit den romantischen Exoten zahlreicher aktueller Fantasy Veröffentlichungen so gut wie nichts gemein haben. Dies ist die Geschichte zweier Jäger, zum einen Prof. Dr. Dr. Ambrosius Hortnesius und seiner Begleiterin Maximilia von und zu Braunschwans. In einer kleinen Ortschaft ist sich der Professor und selbsternannter Vampirexperte absolut sicher, hier hausen Blutsauger und die von ihnen geplagte Bevölkerung sehnt nach Erlösung von ihnen. Zu seiner Enttäuschung zeigen sich die Dorfbewohner weder erfreut noch wissen sie überhaupt etwas von der Plage die auf ihnen lasten soll. Bis auf einen jungen Mann. Er scheint mehr zu wissen bzw. zu sagen als die anderen und bietet dem Lehrmeister und Maximilia an, sie zu einer Ruine ausserhalb des Ortes zu führen.

Eine Vampirgeschichte, die den Vampir zwar nicht neu erfindet, durch ihre interessante Erzählweise jedoch erheiternd, lustig und spannend ist. Der nicht offen ausgetragen Streit über das wahre Wesen der Vampire und der leicht skurrile Professor bilden den Bodensatz für allerhand Humor und Mythenbildung – und abbau um die Nachtschwärmer. Erzählt mit Witz, ist diese Geschichte eine angenehme Abwechslung zu den vampirischen  Liebesgeschichten aktuell auf dem Markt.

Wolfgang Hohlbein – Vatertag

Natürlich ist auch der Herausgeber, Vielschreiber und bekannter Fantasy Autor Wolfgang Hohlbein mit einer Kurzgeschichte in „Fantastische Kreaturen“ vertreten. Auch wenn man es eigentlich nicht will und noch weniger vor hat, ergibt sich bei jeder Anthologie die Erkenntnis das es neben guten und sehr guten Geschichten auch eben eine gibt, die die schwächste ist. Diese ist „Vatertag“ von Wolfgang Hohlbein.

Der Autor geniesst einen Abend ohne seine Frau als es unvermittelt an der Haustür klopft. Mittlerweile leicht alkoholisiert versucht Wolfgang Hohlbein zunächst die konstante Aufforderung herein gelassen zu werden zu ignorieren. Als der unbekannte Klopfer sein Tun beharrlich fortsetzt und die Stimmung des Autors auf dem Nullpunkt angekommen ist, beschliesst er, trotz böser Vorahnung, die Tür zu öffnen. Eine Entscheidung, die nicht nur Freude bei ihm auslöst, warten doch, zu seiner Verblüffung, fantastische Kreaturen vor seiner Tür und diese sind ihm nicht völlig unbekannt…

Die Grundidee sich selbst in den Mittelpunkt einer Geschichte zu stellen, mag vielleicht nicht unbedingt nachvollziehbar sein, im Sinne künstlerischer Freiheit ist sie natürlich vollkommen legitim und kann durchaus auch zu einem interessanten Ergebnis führen. Dies geschieht jedoch in den meisten Fällen nicht, in denen dieser Ansatz genutzt wird um sich selbst eine Plattform zur Selbstdarstellung – und beweihräucherung zu geben. Und genau dieser Eindruck entsteht bereits nach ein paar Sätzen und zieht sich beharrlich wie ein roter Faden durch die gesamte Kurzgeschichte. So wird die eigentliche Handlung immer wieder geschmückt von Eindrücken aus Wolfgang Hohlbeins Leben. Hier kommen jedoch keine erheiternden Jugendsünden zu Tage sondern eine Ansammlung von Nachweisen das der Autor zum einen ein ganz wilder Typ, ein absoluter Erfolgsautor und stinkreich ist. So wird dann erzählt das der Einstieg in den Abend mit sechs Bieren verbracht wird und drei Schachteln Zigaretten für die Nacht reichen sollten. Das der Autor eine 170cm – 200 Hertz HD Flachscreen Fernseher, natürlich mit Multifunktionsbedienung für die Elektrik im ganzen Haus, einen Luxuskühlschrank in einer Designeinbauküche, eine „sauteure“ Replik des Schwertes Excalibur, kostbare Tiffanylampen, usw besitzt wird dem Leser ebenfalls kundgetan. Dann wird natürlich erwähnt das der Autor bereits über zweihundert Bücher geschrieben und eine Million verkauft hat, wobei vielen von ihnen mehrfach gelesen werden und man sich gar nicht vorstellen kann wie die Leute mache Szenen lieben. Das sich relativ zügig einstellende Fremdschämen beim Leser wird leider nicht durch so etwas wie Spannung in der Geschichte unterbrochen. Die Handlung tröpfelt dahin und wirkt wie Beiwerk zu Hohlbeins Selbstdarstellung und auch das Einbinden von Beschreibungen wie das die noble Küche nach ihrer Zerstörung wie ein Truppenübungsplatz aussieht u.ä. offenbaren eher die Schwäche der Geschichte als das sie sie zu etwas spannendem machen. Da sie die letzte Geschichte in der fantastischen Anthologie ist, kann man sie durchaus als ruhigen Ausklinger bezeichnen.

Weitere Infos zu der Fantasy Anthologie: Ueberbeuter

Buchfakten:

Fantastische Kreaturen
14 Storys

Illustrator: Jörg Hartmann

18,0 x 24,0 cm
320 Seiten
EUR: 19,95 CHF: 34,80

ISBN: 978-3-8000-5483-1

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