Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Genau dieser Williams_Tad_DrachenTinkerfarm_FantasyAusspruch verwirklicht sich für Lucinda und Tyler, zwei Stadtkinder, die von ihrer Mutter auf die abgelegene Farm ihres unbekannten Onkel Gideon Goldring in die Ferien geschickt werden. Widerwillig werden die Geschwister in den Zug verfrachtet damit ihre Mutter ein Urlaubsangebot speziell für Alleinstehende wahrnehmen kann. Für die Fahrt hat ihr Onkel den beiden eine kleine Reiselektüre geschickt welche jedoch recht seltsamen Inhalts ist. Ein landwirtschaftlicher Ratgeber der über die Pflege von feuerspeienden und fliegenden Kühen aufklärt.

Auf der Tinkerfarm angekommen eröffnet sich diese den beiden Kindern als verwirrende Aneinanderreihung von unzähligen Gebäuden, welche auch in ihrem Inneren teilweise auf ähnlich eigenwillige Art konstruiert sind. Onkel Gideon erweist sich als leicht schrulliger alter Mann, dessen Lieblingskleidungsstück ein abgetragener Bademantel zu sein scheint, mit gelegentlichem Hang zu Wutausbrüchen und einer Vorliebe für Geheimniskrämerei. Nach und nach lernen die Geschwister weitere Bewohner der Farm kennen und diese scheinen ein recht bunt zusammengewürfelter Haufen von Aussteigern und eigenwilligen Charakteren zu sein.

Dem jungen Taylor, einem Experten für Videospiele, wird das Leben auf der weitläufigen Farm schnell zu langweilig und als jemand der reichlich Actionfilme geschaut hat, macht er sich auf das Anwesen zu erforschen. Sein grösstes Interesse gilt natürlich jenen Orten die ihm ausdrücklich verboten wurden zu betreten. Allen Warnungen über Einsturzgefahren und ähnlichem Erwachsenenzeug, von dem Tyler überzeugt ist das es seine wohlverdienten Ferien nur vermiesen soll, zum Trotz sucht er als erstes genau diese Orte auf.

Dem Entdeckerdrang des Jungen ist es geschuldet das die Tinkerfarm nicht sämtliche ihrer wohl gehüteten Geheimnisse vor den beiden Geschwistern verbergen kann. Zwar beherbergt der Hof keine Kühe oder Schweine, dafür aber Tiere welche auf der Tinkerfarm ihren letzten Zufluchtsort gefunden haben. Und so trauen die leicht reizbare Lucinda und Tyler ihren Augen kaum als sie einem der letzten Drachen dieser Welt gegenübertreten. Damit jedoch nicht genug. Da die Kinder nun Kenntnis über die Existenz der Drachin haben, beschliesst Gideon Goldring ihnen die weiteren tierischen Bewohner seiner Farm vorzustellen. So begegnen Tyler und Lucinda Einhörner, fliegende Affen, geflügelte Schlangen, Basilisken, ein Faun, eine riesige Seeschlange, ein Schwarzhörnchen mit einem Spionageauftrag und eine Erscheinung von der Tyler sicher ist das es sich bei ihr um einen Geist handeln muss.

Mit diesem Wissen ist jedoch die Neugier der beiden Gäste kaum gestillt, sie ist vielmehr noch bestärkt werden. Denn der Eindruck das all diese Tiere und Fabelwesen nur eines unter vielen Geheimnissen der Farm sind, lässt die Kinder weitere Nachforschungen anstellen. Obwohl diese in aller Heimlichkeit unternommen werden, entgehen sie doch wachsamen Augen nicht und bald stellt sich für Lucinda und Tyler die Frage wer auf der Tinkerfarm noch Freund und wer gar schon zu einem Feind geworden ist…

Fazit:

Tad Williams und seiner Frau Deborah Beale ist ein durchaus ansprechender Auftaktband zur ihrer Fantasy Jugendbuch Triologie gelungen. Die „Drachen der Tinkerfarm“ entführt den Leser auf eine staubige Farm, erfüllt jedoch die Erwartung an einen Jugendroman dieser Art nicht unbedingt. Die Farm, der Hort diverser Fabelwesen, stellt sich zwar als fantastisch in allen Facetten dar, verliert jedoch recht bald seinen märchenhaften Charakter. Schnell bemerkt der Leser eine gewisse Spannung zwischen den Farmbewohnern und eine gedämpfte, fast düstere Atmosphäre auf dem Anwesen. Die Tinkerfarm ist alles andere als eine heile Welt in der sich eine bunte Mischung aus Fabelwesen friedlich in der Sonne tummeln.

Es gibt Sachen die dem Buch gut getan hätten. In der Breite der Fantasy Geschöpfe wäre sicherlich mehr möglich gewesen und eine etwas weniger starke Fixierung auf bestimmte Fabelwesen, hätten den Leser sicherlich tiefer in diese fantastische kleine Welt eintauchen lassen können. Zeitweilig zieht sich die Handlung, trotz der 380 Seiten, etwas hin obwohl es mehr als genug Aspekte gäbe die weiter vertieft werden könnten. Die Charaktere in dem Roman sind recht aussergewöhnlich, jedoch kratzen wir nur an ihrer Oberfläche, trotz der einen oder anderen spannenden Enthüllung.

Obwohl dieses Buch in sich abgeschlossen ist, schafft es es eine gewisse Neugier bei dem Leser auf den Folgeband zu erzeugen. Gerade weil doch noch recht viele Fragen offen geblieben sind, weitere Geheimnisse erkundet, geöffnete Türen auch betreten und Personen tiefer kennengelernt werden wollen.

Ein fantastisches Jugendbuch welches zwar nicht vergeblich seinesgleichen sucht, jedoch eine interessante Leseempfehlung darstellt. Ein guter Auftaktband zu einer Triologie, mit einer angenehmen eigenen Interpretation der Verschmelzung von Fantasy- und Alltagskomponenten. „Die Drachen der Tinkerfarm“ macht neugierig auf mehr.

Band II der Reihe erscheint im Herbst 2010.

Weitere Infos zu dem Buch sowie eine Leseprobe: Klett Cotta

Homepage des Autors: Tad Williams

Buchfakten:

Aus dem Amerikanischen von Hans-Ulrich Möhring (Orig.: The Dragons of the Ordinary Farm)

Auflage: 1. Aufl. 2009

Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag, illustrierte Kapitelanfänge, Lesebändchen

Seiten: 380

ISBN:
978-3-608-93821-0

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