Bernd Rümmelein wurde am 23. September 1966 in Stuttgart geboren. rümmeleinBereits während seiner Schulzeit schrieb er Kurzgeschichten, Gedichte und zahlreiche Filmkritiken. Nach mehreren veröffentlichten Kurzgeschichten, von denen einige auch in Hörbuchform vertont wurden, ist mit „Die Schlacht am Rayhin“ sein erster Roman des „Kryson“ Fantasy Epos erschienen. Ausgezeichnet mit dem Wolfgang Hohlbein Preis kann Bernd Rümmelein wohl als die deutsche High Fantasy Entdeckung 2009 bezeichnet werden.

Im September 09 hat Bernd Rümmelein zudem seine Kurzgeschichte „Der stille Tod“ veröffentlicht. Eine gespenstisch angehauchte Vampirgeschichte die auf Literra gelesen werden kann.

Hier nun das Interview mit Bernd Rümmelein über das ich mich wirklich gefreut habe es führen zu dürfen. Viel Spass!

Mit dem Auftakband zu deiner „Kryson“ Hexalogie hast du 2009 den Wolfgang Hohlbein Preis gewonnen, an dieser Stelle nachträgliche Gratulation, und bist damit zu einem der Zugpferde für das erste neue Otherworld Verlagsprogramm geworden bzw. zu dem Zugpferd für High Fantasy aus dem Hause Otherworld. Wie geht es dir persönlich mit dieser Rolle und den daraus natürlich resultierenden Erwartungen der Fantasy Community an dich?

Zugpferde müssen immer schwere Lasten ziehen. Das ist eine mühsame und schweißtreibende Arbeit. Von daher sollte ich diese Rolle wohl lieber nicht einnehmen 😉 Aber Spaß beiseite, ich würde mich natürlich geehrt fühlen, wenn ich denn tatsächlich eines schönen Tages als “Zugpferd” gesehen werden sollte. Aber es fällt mir schwer, mir abseits von aktueller Marketing- und Pressearbeit in Wirklichkeit eine solche Rolle im Moment für mich vorstellen zu können. Ich bin – trotz der Auszeichnung mit dem Wolfgang Hohlbein Preis – ein Newcomer im Autorengeschäft. Mein Name ist in der Fantasy Community und darüber hinaus nicht sonderlich bekannt. Von daher wird es Zeit brauchen und sehr viel Arbeit kosten, bis eine solche Rolle überhaupt in Frage käme. Das hat einen entscheidenden Vorteil für mich. Der Druck ist zwar da, aber gefühlt derzeit noch nicht allzu hoch. Ich fühle mich also nicht eingeengt oder in besonderem Maße verpflichtet, bestimmte Erwartungen von Anfang an erfüllen zu müssen. Obwohl ich natürlich stets höchste Qualität abliefern will. Aber das ist ein Anspruch, den ich an mich selbst stelle. Ich lerne mit jedem Tag hinzu und will mich mit jedem Schritt – oder sollte ich sagen Wort – für die Leser und den Verlag kontinuierlich verbessern.

Mit Schrecken habe ich bei meinen „Recherchen“ für dieses Interview gelesen, dass du ursprünglich gar nicht vor hattest mit „Kryson“ an die Öffentlichkeit zu treten. Welcher Teufel hatte dich denn da geritten und wie kam es dann doch noch zum Wettbewerb bei Ueberbeuter?

Kein Teufel… oder vielleicht doch… nur trägt er halt den Namen “Vernunft”. 😉 “Kryson” ist das Buch, das ich schon seit sehr langer Zeit für mich selbst  schreiben wollte. Ich hatte bis zum Jahr der Wettbewerbsausschreibung auch nur selten mit dem Gedanken gespielt, Texte zu veröffentlichen. Zum Teil liegt das sicher an meinem beruflichen Werdegang. Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass ich einen “kreativen” Ausgleich zur Arbeit brauche. Andere Menschen malen, spielen, singen, musizieren, gärtnern oder basteln. Ich schreibe. Das hilft mir abzuschalten und dabei immer noch das gute Gefühl zu haben, etwas Sinnvolles und Produktives getan zu haben.

Die Idee zur Welt und einigen Charakteren gibt es schon seit mehr als zwanzig Jahren in meinem Kopf. Nur hatte ich es in all den Jahren nicht geschafft, dies alles zusammenhängend in einen Roman zu gießen. Nachdem der erste Band dann fertig geschrieben war und ich mit einigen Kurzgeschichten durch gutes Feedback erste kleine Erfolge erzielen konnte, wurde ein kleiner Verlag auf meine Texte aufmerksam. Ich gab ihnen das Manuskript zum Lesen. Sie waren von Kryson begeistert und wollten damals eine neue Fantasyschiene aufbauen. Allerdings scheiterte das Projekt dann kurz vor der Veröffentlichung aus finanziellen Gründen. Ich suchte nach Alternativen und habe dabei die Ausschreibung zum Wolfgang Hohlbein Preis entdeckt. Zunächst war ich skeptisch, ob “Kryson” als Wettbewerbsbeitrag passen würde, entschloss mich dann nach gutem Zureden von Freunden und Testlesern das Manuskript – sozusagen auf den letzten Drücker – doch noch einzusenden. Der Rest ist inzwischen bekannt ;-).

Bevor wir uns „Kryson“ weiter nähern vielleicht eine Frage zu deinen bisherigen Veröffentlichungen, insbesondere deiner Kurzgeschichte „Der Drache des dunklen Wassers“ in der Anthologie „Fantastische Kreaturen“. Wie ist dieses Geschöpf entstanden und warum hast du keinen feuerspeienden Goldberghorter gewählt?

Der “Lurk” oder “Valandor Satafar” entstand als Idee während eines beruflichen Auswärtsaufenthaltes in Florida. Dort wurde ich beinahe an jeder Ecke mit Alligatoren aus den Everglades konfrontiert. Die Everglades sind also das Vorbild der subtropischen Mangrovenlandschaft in der Geschichte “Der Drache des dunklen Wassers”. Und das trübe oder dunkle Wasser in den Sumpfgebieten kann sehr unheimlich und gefährlich sein, gleichzeitig birgt es viele Geheimnisse. Bei der Recherche wusste ich anfangs gar nicht, wie viele Menschen dort jährlich verschwinden und nie wieder gefunden werden. Ein ideales Setting für eine spannende Geschichte, wie ich fand. Ich hatte Ueberreuter damals eine Geschichte für die Anthologie zugesagt und war ohnehin auf der Suche nach einem passenden Geschöpf.

Ein ähnliches Wesen, die Sagar Echse, tritt übrigens auch in “Kryson” auf. Dort lebt es in den Grenzlanden und macht die Gegend unsicher. Jedenfalls sollte es fantastisch sein, aber es musste sich in meiner Vorstellung doch deutlich von den gängigen und allseits bekannten Kreaturen unterscheiden. Ein Schätze sammelnder und Jungfrauen entführender Drache wäre eher nichts für mich. Ein solch klassischer Drache trägt für mich zu viele märchenhafte Züge und ich wäre wahrscheinlich nicht in der Lage gewesen, ihm innovative Facetten anzudichten. Bei allen fantastischen Elementen die der Lurk in sich trägt, wird er doch in seiner Ausgestaltung wieder plausibel und nachvollziehbar. Diese Kreatur ist daher in ihrer Wirkung weit näher an der Realität dran als ein feuerspeiender Drache. Genau das fand ich an der Figur des “Valandor Satafar” interessant.

Die Schlacht am Rayhin“ ist der Auftaktband zu deiner sechsteiligen „Kryson“ Reihe. Für jene die sich mit dem Roman und der Hexalogie noch nicht beschäftigt haben, was erwartet den Leser in dem Buch und in der Welt „Kryson“?

Sagen wir es mal so, in jedem Band gibt es etwas Neues zu entdecken. “Kryson” ist eine eigene, neue Welt. Natürlich geht es um das Gleichgewicht zwischen den fortwährend um die Vorherrschaft kämpfenden Mächten. Gut schlachtamrayhinund Böse. Aber mit vielen Schattierungen dazwischen, ansonsten wäre es zu einfach. Im Grunde genommen ist es eine Mischung aus klassischer High Fantasy mit einem Hauch Dark Fantasy, die einige Anlehnungen an Figuren aus der griechischen Mythologie enthält. Es ist eine Serie für Erwachsene, die sich mit schwierigen Themen befasst und dabei auch Tabus nicht ausspart. Die Charaktere bewegen sich in einer barbarischen, mittelalterlich angehauchten, Leben verachtenden und düsteren Welt, die ihre Protagonisten mit Situationen konfrontiert, die nur schwer zu bewältigt werden können und ihnen in Grenzbereichen immer wieder ungewollt unmögliche Entscheidungen abfordert. Der erste Band ist eindeutig ein Kriegsszenario. Kampfbetont, düster und zuweilen schrecklich mit in den Köpfen hängen bleibenden Bildern. Es geht – dem Setting geschuldet – brutal und blutig zu.

“Kryson” hat mehrere Ebenen, die es zu erkunden gilt. Die erste Ebene ist einfach. Die sichtbare Ebene. Es geht zuweilen hart und realistisch zu und ich habe wert auf die Charaktere und deren Entwicklung gelegt. Die zweite Ebene ist die Magische und die dritte Ebene eine Metaphysische.

Worum geht es? Im ersten Band geht es um einen Eroberungskrieg durch schreckliche Invasoren und das Überleben eines Volkes. Das ganze Unheil gipfelt in einer verheerenden Schlacht und der Auseinandersetzung der Anführer der beiden verfeindeten Heere. In den anderen Bänden wird das Schicksal einzelner Charaktere weiter beleuchtet und konsequent fort entwickelt. Die Magie kehrt allmählich zurück, der dunkle Hirte erwacht und stürzt den Kontinenten Ell in eine finstere Zeit. Die Zeit der Dämmerung. Die Klan kämpfen – schwer angeschlagen –  verzweifelt um ihr Überleben. Die magischen Völker kommen wieder zurück und streben neben den magischen Brüdern erneut an die Macht.

„Die Schlacht am Rayhin“ ist ein Erwachsenenroman, vermutlich wie die folgenden Bände auch. Warum diese konkrete Ausrichtung? All Age ist doch gerade aktueller Fantasytrend…

Das stimmt. Es gibt aus meiner Sicht viele Leser, die mit dem aktuellen Trend nicht sehr viel anfangen können und händeringend nach etwas anderem suchen. Ich selbst zähle mich zum Teil auch dazu. Da ich das schreibe, was ich selbst kaufen und lesen würde, lag es – unabhängig vom aktuellen Markttrend – nahe, einen Roman überwiegend für Erwachsene zu schreiben. Zum Glück habe ich einen Verlag gefunden, der bereit war, in dieser Hinsicht ein gewisses Risiko einzugehen. Andererseits war und ist Ueberreuter immer bekannt dafür, selbst Trends zu setzen und eine gewisse Vorreiterrolle zu spielen. Der Verlag deckte mit seinem bisherigen Programm schon seit langer Zeit ohnehin einen Großteil mit wirklich guten “All Age” Titeln ab, hatte aber im Erwachsenenbereich eine Lücke, die es zu füllen galt. Zu diesem Zweck kam “Kryson” offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt. Vielleicht ist der Markt an All Age Titeln bald übersättigt. Der Trend dreht sich langsam und plötzlich wird wieder mehr nach Literatur für eine erwachsene Leserschaft gefragt.

Ein paar Wochen nachdem du mit dem Wolfgang Hohlbein Preis 2009 ausgezeichnet wurdest, hast du in einem Interview erklärt eine deiner Lieblingsfiguren in der „Kryson“ Reihe sei der Todsänger Nalkaar. Wieso ausgerechnet dieser Charakter, dem man sicherlich nicht gerade nachsagen würde ein Sympathieträger zu sein und was verbirgt sich hinter einem Todsänger?

Nalkaar… ja. Dieser fiese, untote Seelenfresser ist mir als Autor irgendwie ans Herz gewachsen. Das ist ein Bauchgefühl, das sich schwer erklären lässt. Sagen wir so, er interagiert im ersten Band sehr viel mit dem Anführer der Rachuren. In der direkten Gegenüberstellung mit Grimmgour sammelt Nalkaar in fast jeder Szene viele Sympathiepunkte. Das ist ein Effekt, den ich beim Korrekturlesen an mir selbst beobachtet habe. Er wirkt im Gegensatz zum “Schänder” geradezu kultiviert, klug und vernünftig. Außerdem besitzt er eine tragische Vergangenheit des Scheiterns, die ihn in eine ungewollte Abhängigkeit zu der Saijkalsanhexe Rajuru gebracht hat. Sie hat Nalkaar in der Hand, womit er mir schon wieder auf eigenartige Weise leid tut. Wirklich interessant finde ich ihn aber wegen seines vielseitigen Charakters und der besonderen Fähigkeiten. Ich habe mich viel mit der Figur beschäftigt und ihr bewusst eine Vergangenheit angedichtet, die sie “lebendig” und fühlbar dienerdesdunklenhirtenmacht. Die besondere Eigenschaft eines Todsängers besteht darin, dass er mit seinem melancholischen Gesang in der Lage ist, die Seelen aus den Körpern seiner Opfer hervorzulocken, um sich diese einzuverleiben. Seelen sind seine Nahrung. Er ist ein untotes, verlorenes Wesen, das irgendwo zwischen Leben und Tod angesiedelt ist. Natürlich finden sich in den Todsängern Anlehnungen an überirdische Wesen aus der griechischen Mythologie wieder, die mich von jeher besonders fasziniert hat. Das trifft auch auf andere Wesen im Roman gleichermaßen zu. Ein Beispiel wären die Chimärenkrieger der Rachuren. Aber zurück zu den Todsängern. Die Verbindung zwischen der traurigen Musik, Leben und Tod, die auf jeden Zuhörer unwiderstehlich wirken soll, ihn sodann zutiefst rührt und am Ende sein Leben aus freien Stücken dahingeben lässt, fand ich als Bild besonders spannend. Die Schönheit des Gesangs als tödliche Waffe ist bedrohlich. Nalkaar gehört vielleicht zu den gefährlichsten Gegnern auf “Kryson”. Seine Magie ist einzigartig. Auch dieser Aspekt macht ihn für mich faszinierend.

Wie der Titel des Auftaktbandes bereits verrät geht es in ihm recht kriegerisch zu, jedoch ist deinen Kriegsbeschreibung ungewohnt wenig heldenhaftes abzugewinnen und auch in dem Buch wird die Frage ob der Krieg Helden hervorbringt an verschiedenen Stellen aufgeworfen. Wie kam es das du dich für diese Herangehensweise an die Thematik Krieg und Heldentum in deinem Roman entschieden hast?

Das mag an meiner persönlichen Abneigung gegen Krieg, Gewalt und großspuriges Heldentum liegen. Wie gesagt, ich mag die strahlenden Helden nicht, die vom Glück geküsst mit Leichtigkeit durch die Geschichten springen und mit einem Fingerschnippen alles bekommen, was sie wollen. Am Ende werden sie gefeiert und alle Opfer sind vergessen. Das ist mir zu einfach. Du wirst daher in keiner meiner Geschichten den klassischen Heldentypus finden. Äußerlich vielleicht schon, aber innerlich werden sie entweder zerrissen oder als Antiheld angelegt sein. In einem Krieg kann es meiner Meinung nach immer nur Verlierer geben, selbst wenn er vereinzelt heldenhaftes Verhalten hervorbringen sollte. Krieg bedeutet Tod und Verderben und er bringt schwere Opfer mit sich. Wer etwas anderes behauptet, hat sich nie wirklich mit dem Thema beschäftigt. Ziel war es, ein Buch zu schreiben, das die Schrecken eines Krieges und die daraus resultierenden Folgen deutlich aufzeigt und zum Nachdenken anregt. Es sollte einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, Emotionen wecken und wurde daher als Buch gegen den Krieg angelegt. Ich glaube, dass “Kryson” – in die eine oder andere Richtung – am Ende keinen kalt lassen wird.

Dazu passend finden in deinem Roman auch immer wieder Frauen als Kriegsopfer Erwähnung und zwar in stärkerem Masse als dies viele herkömmliche Fantasyromane hergeben, besonders die Formen von sexueller Gewalt und Folter an Frauen, eine der grausamsten Kriegserscheinungen. Warum haben Frauen und ihr Kriegsleiden diesen Raum in deinem Buch bekommen?

Eine gefährliche Frage, deren Antwort – egal was ich darauf sage – wahrscheinlich nur falsch verstanden werden kann. Von daher muss ich gleich vorweg sagen, dass es in “Kryson” sehr sehr starke Frauen gibt, die alles andere als eine Opferrolle einnehmen. Sie sind wichtig für die Story und absolut gleichberechtigt.

Aber zurück zur Frage: Ich habe einige Jahre meines Lebens als Soldat damit verbracht, Zielgruppen psychologisch zu analysieren. Dabei sind wir auch historisch vorgegangen und haben diverse Materialien (Propagandamaterial, Analysen, medizinische Berichte) ausgewertet. Es ging unter anderem darum festzustellen, welche Informationen (in Wort und Bild) in welchem Kreis, in welcher Situation und mit welcher Wirkung aufgenommen werden. Ein Ergebnis davon war, dass in einem Krieg diverse unterschwellige aber auch offene Ängste bestehen, die eine Truppe oder einzelne Soldaten mehr oder weniger stark beeinflussen, demotivieren und ggf. zum Niederlegen der Waffen bewegen können. Interessanterweise sind die stärksten Ängste in der Krise nicht die vor dem eigenen Tod oder des Kameraden. Es sind die Angst vor Verstümmelungen und vor allen Dingen die Angst, der Frau und den Kindern könnte Gewalt angetan werden, die mit einer eigenen Machtlosigkeit einhergeht. Diese drastischen Bilder rufen meist die stärksten Emotionen hervor, wenn sie richtig eingesetzt werden. Von daher sind sie oft tabu und man setzt sie auch in der Regel nicht ein. Die Angst davor sitzt sehr tief bei den Menschen. Andererseits ist sie mehr als verständlich. Frauen sind etwas Besonderes und symbolisieren das Leben. Sie stehen dafür, Leben zu schaffen und nicht zu zerstören. Von jeher – für die folgenden Aussagen werde ich wahrscheinlich gelyncht – empfinden Männer Frauen daher als besonders schützenswert. Es geht um den eigenen Nachwuchs, den Erhalt und die Weitergabe der eigenen Gene. Das ist natürlich. Werden Frauen angegriffen, ist dies immer ein Angriff gegen das Leben selbst, der viel mehr als nur ein Leben zerstört und schwerer wiegt als manch anderer Angriff. Das trifft tief und löst Emotionen und unabsehbare Folgen aus. In einem Kriegs- oder Schlachtenszenario wanken die Wertvorstellungen gewaltig und es geht oft nur noch um das nackte Überleben. Der Mensch wird entmenschlicht, der Soldat ist nur noch eine Waffe oder wird als Material angesehen und wird in solchen Situationen oft auf seine reinen Instinkte reduziert.

In “Kryson” ist diese Darstellung eine Facette des Krieges. Vielleicht die Schrecklichste überhaupt. Auch wenn es ein Tabuthema sein sollte. Ich kenne keinen Krieg, in dem es nicht zu solchen Übergriffen auf Frauen gekommen wäre, selbst in der modernen Kriegsführung. Der Krieg zeigt seine hässlichste Fratze. Von daher war es eine Notwendigkeit für das Setting, in “Kryson” dieses heikle Thema zur Vervollständigung des furchtbaren Szenarios / Bildes mit aufzunehmen und möglichst ungeschönt und abstoßend zu verarbeiten. Wir sollten das Leben achten und niemand sollte sich aufgrund des Szenarios oder der Darstellungen im Roman daran stören, weil fälschlicherweise angenommen werden könnte, Frauen würden dadurch in ein schlechtes, feindliches oder schwaches Licht gesetzt oder in reine Opferrollen gedrängt. Das Gegenteil ist der Fall. Meine Hochachtung gilt den Frauen und dem Leben. Ich hoffe, dass ich das in “Kryson” einigermaßen vernünftig rüberbringen sollte. Es ging darum, eine furchtbare Realität aufzuzeigen, die abschrecken und zum Nachdenken anregen sollte.

Damit es Opfer geben kann bedarf es auch der Täter. Eine Figur die sich nachträglich in meinen Erinnerung festgesetzt hat ist Grimmgour, Heeresführer der Rachuren. Wie würdest du diesen Widerling charakterisieren und wie ist er entstanden?

Grimmgour ist dadurch entstanden, dass ich mir ein Bild eines obszönen Kriegers vorgestellt habe, das mich selbst zutiefst erschrecken würde. Wem wollte ich auf keinen Fall- weder am Tag noch in der Nacht – begegnen? Mit wem wollte ich – vorausgesetzt ich wäre ein Krieger – auf keinen Fall kämpfen? Diese Eigenschaften musste der Anführer der Rachuren erfüllen. Nachdem ich dieses Bild irgendwann im Kopf hatte, habe ich angefangen, Grimmgour mit Details auszuschmücken. Er trägt nun alle negativen Eigenschaften von Menschen, denen ich einst in meinem Leben begegnen musste, auf deren Gesellschaft ich aber gerne hätte verzichten wollen. Natürlich leicht überzogen. 😉

Seine Charakterisierung ist relativ einfach. Einerseits ist er ein Muttersöhnchen, der seine dominante Mutter hasst und doch vor ihrer Macht kuscht. Andererseits ist er ein Triebtäter und ein Berserker. Er verachtet das Leben, ist kalt, brutal und zynisch. Angst hat er nur vor seiner Mutter und vor Verstümmelung.

Du belässt deine „Fieslinge“ nicht hinter einem undurchsichtigen mythischen Nebel, du verzichtest auf das wage Böse, sondern lässt deine Leser diese Figuren sehr konkret kennen lernen z.B. die erwähnten Nalkaar und Grimmgour, teilweise sogar besser als man gerne würde. Wie ist es dir gelungen selber einer Figur wie Grimmgour dem Schänder so nah zu kommen und ist es für einen Autoren selber überhaupt gut, u.a. im Hinblick auf ruhige Nächte, eine solche Figur so genau, vielleicht zu genau, zu kennen?

I c h   b i n   G r i m m g o u r  und  N a l k a a r  in einer Person.
Von daher versteht es sich doch von selbst, dass ich ihnen sehr nahe komme ;-).

Nun ja… wohl eher nicht. Ich glaube, dass ich eine ganz gute Vorstellungskraft und ein gehöriges Maß an blühender Fantasie  besitze. Ich denke sehr viel in Bildern. Dadurch fällt es mir relativ leicht, mich in bestimmte Charaktere hineinzuversetzen. Mir ging es darum, die Figuren möglichst eingängig zu schildern, sie den Lesern fühl- und erlebbar zu präsentieren. Ziel war es, Grimmgour riechen zu können und Nalkaar in Gedanken singen zu hören. Sollte mir dies gelungen sein, wäre ich wirklich zufrieden.  Ruhige Nächte? Das geht doch nicht für einen Autor. Ich muss den Charakteren nahe kommen, um sie weiter träumen und entwickeln zu können. Aber ehrlich gesagt hatte ich bislang nur bei einer meiner Geschichten Probleme damit. Diese hat mich tagelang nicht schlafen lassen und mir tatsächlich Albträume bereitet. Sie wird nun für immer tief in der Schublade versteckt bleiben 😉

Nach diesen doch eher bedrückenden Themen nun zu den freudigen Seiten deines Romans, denn das Lesen deines Buchs macht einfach auch einen Heidenspass. Welche Figur, welches Ereignis – kurz was an „Die Schlacht am Rayhin“ hat dir persönlich am meisten Spass gemacht zu entwickeln?

Du meinst neben Grimmgour und Nalkaar? Das hört sich vielleicht eigenartig an. Aber am meisten Spaß hat mir im ersten Band die Entwicklung der Eiskrieger und des Settings in der Eiswüste gemacht, mit der auch der erste Band eröffnet wird. Warrhard, Fürst Corusal und später Baylhard im zweiten Band gehören zu den Figuren, die mir besonders am Herzen liegen. Die Schlacht war eine Herausforderung. Aber auch das Vater – Sohn Verhältnis von Sapius und Calicalar hat mir besonders viel Freude bereitet. Im zweiten Band ist es die Figur eines Naiki-Jägers und seines Schützlings und im dritten Band waren es ohne jeden Zweifel die Felsgeborenen. Tatsächlich fällt es mir schwer, mich genau festzulegen, es gibt so Vieles was in “Kryson” an Ideen und Ausarbeitung drin steckt, was mir besonders viel Spaß gemacht hat. Das Szenario mit Quadalkar aus dem zweiten Band wollte ich noch erwähnen, weil ich es persönlich als sehr spannend und gelungen empfinde.

Warrhard, stolzer Anführer der Eiskrieger, stösst bei seinen Aufenthalten in Eisbergen nicht nur auf freudige Reaktionen. Er weigert sich beharrlich, Wollpantoffeln mit Blumenmuster zu tragen… Ist es Arroganz oder seine Identität als Krieger, die ihn diesem Schuhwerk so negativ gegenüberstehen lässt?

Warrhard ist nicht arrogant. Er ist schlicht und ergreifend ein sperriger Charakter. Es ist ihm gleichgültig, was andere über sein Verhalten denken. krysonzeitderdammerungIch weiß nicht, ob der Begriff „bärbeißig“ vielleicht am besten auf ihn passen würde. Allerdings ist das nicht negativ gemeint. In jedem Fall ist er ein Typ, der dir in meinen Geschichten immer wieder begegnen wird. Ich mag seine sture, unbeugsame und konsequente Art, sich den Regeln zu widersetzen, die er für überflüssig und aufgesetzt hält. Etwas Rebellisches steckt in seiner Persönlichkeit und die Freiheitsliebe geht ihm dabei über alles. Die Wollpantoffeln symbolisieren für ihn Verweichlichung und  – das ist das Entscheidende daran – einen Identitätsverlust. Die Schönheit der möglicherweise filigranen und kunstvollen Stickerei will sich seinem Auge einfach nicht erschließen. Ein Banause. 😉

In der Frage hast du es im Grunde schon richtig selbst beantwortet. Warrhard ist in erster Linie ein stolzer Krieger und durch und durch ein Anführer. Er besitzt ein großes Charisma. Die ohnehin starken Eiskrieger folgen ihm, weil er so ist wie er ist und sie würden jederzeit für ihn sterben. Eine solche Stärke findet sich selten. Also muss  er so sein und handeln, um seine Identität gegenüber seinem Freund dem Fürsten und der Gesellschaft im Hause des Fürsten zu wahren und ihm ebenbürtig zu sein.

Aber jetzt mal ehrlich… würdest du die Wollpantoffeln etwa gerne anziehen? Jeder hat das Gefühl doch bestimmt schon mal selbst erlebt, wenn er irgendwo zu einem Fest eingeladen ist, sich dafür eigens in Schale – inklusive Schuhe – geworfen hat und dann vom Gastgeber an der Eingangstür dazu genötigt wird, sein Schuhwerk  gegen Haussocken oder Pantoffeln einzutauschen, um das neue Parkett oder den teuren Perserteppich nicht zu beschädigen. Ich behaupte, in uns allen steckt ein kleiner Warrhard ;-).

Wird die Eiswüste auch in den kommenden Bänden ein Schauplatz sein dürfen?

Ja. Die Eiswüste und ihre Einwohner spielen in „Kryson“ sogar eine ganz wesentliche Rolle. Die unwirtliche Gegend, die Kälte des Nordens und das ewige Eis fordert ihre Wesen bis an die Grenzen. Das Setting bietet also viel Raum für die Charaktere und den weiteren Verlauf der Geschichte. Selbst der dunkle Hirte hat seine Finger schon einmal in diese Richtung ausgestreckt. Was ihn daran wohl reizen könnte? Jedenfalls kommt die Eiswüste im zweiten und im dritten Band vor. Es gibt so Einiges, was sich darüber erzählen lässt. Unter anderem befindet sich dort eines der härtesten Gefangenen- bzw. Arbeitslager auf „Kryson“. Mehr sage ich jetzt nicht dazu, um nicht zu viel zu verraten. Ich werde immer wieder darauf zurückkommen und dort mit Sicherheit das ein oder andere Geheimnis lüften.

Autoren geben immer wieder an das es während des Schreibens Momente gibt in denen es zu einer Verselbstständigung ihrer Geschichte und der Protagonisten kommt. Gab es solche Situationen auch bei dir und wenn ja welche Figur musstest du am meisten im Zaum halten?

Oh nein, das gibt es bei mir nicht. Ich habe alle Figuren stets fest im Griff. Die einzige Figur, der ich in “Kryson” einen solchen Spielraum für die freie Entwicklung gelassen habe, ist der Todeshändler Jafdabh. Aber er war fair und hat sich in meinen Augen vernünftig verhalten. Ich musste ihn also nicht bremsen, obwohl er sein Vermögen immer weiter mehren wollte.

Bereits der Auftaktband deutet eine sehr komplexe Welt und vielschichtige Charakteren, mit jeweils ganz eigenen Hintergründen und Motivationen an. Dazu kommen verschiedene Völker, Orden und Gilden, eine äusserst eindrucksvolle Magiedarstellung und weiter Komponenten, die hier aber nicht verraten werden sollen. Wie lange hat es von der ersten Idee bis zur Vollendung der Welt „Kryson“ und von „Die Schlacht am Rayhin“ gedauert?

Fünfundzwanzig Jahre.

Wird es die Reihe eigentlich auch in Hörbuchform geben?

Ob es die ganze Reihe als Hörbuch geben wird, weiß ich nicht. Das hängt sicher davon ab, wie sich der erste Band als Hörbuch verkaufen wird. “Die Schlacht am Rayhin” ist allerdings schon komplett fertig produziert und wird zur Buchmesse in Frankfurt vom Griot Verlag vorgestellt. Ich kann nur sagen, dass dies eine ganz außerordentlich tolle Produktion geworden ist, auf deren baldiges Erscheinen ich mich wirklich sehr freue. Und das sage ich jetzt nicht, weil mein Text vertont wurde. Ich bin von der Qualität absolut überzeugt. Der erste Band wurde ungekürzt eingelesen und weist nun über eintausend Minuten Spielzeit auf. Das ganze Werk wird ca. sechzehn CD´s umfassen. Für die Produktion zeichnen Lutz Schäfer als Regisseur, Johannes Steck als Sprecher und Corvus Corax sowie ein eigens dafür engagierter Komponist verantwortlich. Jeder Charakter hat eine eigene Erkennungsmelodie kryson1-fantasyerhalten. Das ist wie in “Spiel mir das Lied vom Tod”! Alle Beteiligten sind im Fantasybereich sehr erfahren und erfolgreich unterwegs. Ich kann mir für die Bücher keine bessere Stimme als die von Johannes Steck wünschen. Da hatte ich aber ganz großes Glück, weil er meine Texte und  “Kryson” wirklich persönlich sehr schätzt, sonst hätte er das nicht gemacht.

Drei „Kryson“ Romane sind veröffentlicht worden. Gibt es unter ihnen einen Band der dir als „der beste“ erscheint und wie ist dein Arbeitsstand in Bezug auf die folgenden drei Bücher?

Das ist schwer zu sagen. Sie sind unterschiedlich und in jedem Band steckt sehr viel Arbeit und Herzblut von mir. Der erste Band hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt stehe. Von daher genießt er natürlich bei mir – auch wegen der Auszeichnung mit dem Literaturpreis – einen besonderen Stellenwert.

Persönlich schwanke ich zwischen Band zwei und Band drei. Heute ist es der dritte Band, den ich angefangen beim Cover am Schönsten finde. Den zweiten Band finde ich allerdings am Spannendsten. Hier tut sich sehr viel hinsichtlich der Charakterentwicklung und es kommt eines meiner magischen Lieblingsvölker hinzu.

Die übrigen drei Bände stehen vom Konzept schon seit längerer Zeit. An Band vier schreibe ich im Moment, aber ich hänge derzeit leider im Zeitplan etwas zurück.

Schwirren in deinem Kopf möglicherweise bereits erste Ideen für Buchprojekte nach „Kryson“ herum und magst du uns ein wenig daran teilhaben lassen?

Natürlich gibt es einige Ideen, die für eine Umsetzung in Frage kommen. Aber in dieser Phase, fällt es mir schwer, wirklich Näheres darüber zu berichten. Das mache ich tatsächlich auch nicht so gerne, weil sich das im Laufe des Schreibens anders als geplant entwickeln kann. Nur soviel vielleicht, es wird eine spannende Vampirgeschichte für Erwachsene  darunter sein und auch wieder High Fantasy mit sperrigen Charakteren.

Gibt es ein Geschöpf aus der, mehr oder weniger, klassischen Fantasy über das du dir nicht, oder nur sehr schwer, vorstellen könntest zu schreiben?

Klar! Ich muss mich wirklich nicht an Elben und Orks versuchen.

Zum Ende hin vielleicht ein kurzes Abgleiten in das private Leben von dir, soweit es gestattet ist. Wie sieht ein Tag im Leben des Bernd Rümmelein aus, küsst dich morgens oder mittags die Muse wach und ein Strom von Ideen und Inspirationen begleitet dich durch deinen Alltag?

Ich schreibe überwiegend im Urlaub, am späten Abend oder nachts, wenn alles schläft. Ansonsten führe ich ein schönes Familienleben mit meiner Frau und unseren beiden kleinen Söhnen. An Werktagen gehe ich morgens zur Arbeit und fahre abends wieder nach Hause, sofern auswärts keine Kundentermine anstehen. Tagsüber habe ich leider wenig Zeit, mir Gedanken um meine Geschichten zu machen. Das muss ich zwangsläufig ausblenden und die Ideen müssen warten. Von daher bleibt es meistens bei nächtlichen Einfällen.

Abschliessend eine allgemeine Frage zum Thema Fantasy. Wenn ich ein paar Jahre zurück denke war Fantasyliteratur nicht selten als ein Genre für ein junges Publikum, nicht erwachsen werden wollende Erwachsene und Menschen die Tendenzen zur Realitätsflucht aufweisen, verschrien. Wie erlebst du die Reaktionen als Autor auf phantastische Literatur heute?

Ehrlich? Teilweise zu meinem Bedauern immer noch ganz ähnlich, vor allen Dingen in manchen Medien und bei einigen Kritikerstimmen, obwohl die Fantasy tatsächlich heute deutlich salonfähiger geworden ist und weitaus mehr Leser hinzugewonnen hat. Die Aussagen zu Realitätsflucht, gefährlichen Gedanken, Verdummung und von Kind gebliebenen Erwachsenen sind doch blanker Unsinn und zeugen nur davon, dass sich manche Kritiker nicht mit dieser Art von Literatur beschäftigt haben oder den Siegeszug nicht wahrhaben wollen. Phantasie ist gut und kreativ. Sie hat ihre Berechtigung in der Literatur und ist ein Stilmittel, ein Genre sich mitzuteilen. Es gibt wirklich ganz tolle und anspruchsvolle Fantasybücher.

Ich glaube, dass man Fantasyliteratur – als ernstzunehmender Kritiker – heute nicht mehr ignorieren kann, welchen Erfolgszug sie inzwischen hinter sich und noch vor sich hat. Sie definiert doch derzeit eindeutig die Bestsellerlisten. Das wäre vor einigen Jahren kaum denkbar gewesen. Fantasy wird als Genre wahrgenommen. Mindestens beim Publikum. Und das völlig zu recht. Das sieht man auch in den Buchhandlungen, die inzwischen riesige Sortimente an Fantasybüchern auslegen und den interessierten Leser nicht mehr in die Schmuddelecke für Triviales schicken. Das ist gut so und für uns alle sehr erfreulich.

Vielen Dank für das tolle und ausführliche Interview!

Weitere Infos, Hörprobe und Web Video zum ersten Kryson Band: Die Schlacht am Rayhin

Infos zum zweiten Kryson Band: Diener des dunklen Hirten

Infos zum dritten Kryson Band: Zeit der Dämmerung

Zur Autoren Homepage: Bernd Rümmelein

Die Schlacht am Rayhin als Hörbuch: Griot Verlag