„Weit ist die Welt… und dunkel.“

das_lied_der_dunkelheit_fantasyMit seinem Debütroman hat Peter V. Brett die Tür zu einem Fantasy Epos, in einer düsteren postapokalyptischen Welt, aufgestossen.

Menschen vergessen. Sie haben den Hang eine einstige Wirklichkeit zu Geschichten, Legenden und Mythen werden zu lassen. Zu Schauermärchen die am gemütlichen Kaminfeuer erzählt werden oder als Schreckensgeschichten übereifrige Kinder nah an Haus und Hof halten sollen.

Die Menschen waren sorglos geworden nachdem „Der Erlöser“ sie von der Plage der nächtlich auftauchenden Dämonen befreit hatte. Auch wenn dieser, in den Augen der Bevölkerung, gottgleiche Krieger gemahnt hatte das die Dämonen nicht vernichtet sonder sich lediglich in ihren Horc zurückgezogen hatten. So vergassen die Menschen in Thesa die alten magischen Symbole und Zeichen zum Schutz und Krieg gegen die Horclinge. Die Rückkehr der Dämonenwesen kam so überraschend wie grausam. Ganze Städte und Landstriche fielen unter ihrem blutdürstigen Ansturm. Die Zeit der Dämonen, die Zeit in der sich der Horc Nacht für Nacht öffnet und sie entsteigen lässt, hatte erneut begonnen.

Drei junge Charaktere begleitet der Leser bei ihrem Aufwachsen in „Das Lied der Dunkelheit“.

Arlen, ein Junge in der abgelegenen Ortschaft Tibbets Bach, ist einer der wenigen der sich nicht an die nächtlichen Angriffe der Horclinge gewöhnt hat und nicht gewöhnen will. Die Resignation seiner Landsleute, das Verbarrikadieren der Häuser und Ställe, die allgegenwärtig schwer lastende Angst vor jedem Sonnenuntergang, ist für ihn nicht nachvollziehbar, ist für ihn weit jenseits einer erstrebenswerten Lebensvorstellung.

Viele Opfer haben die Horclinge in dem kleinen Dorf bereits gefunden. Ein leicht abgeblättertes Schutzzeichen an einem der Holzhäuser genügt um das Netz aus magischen Symbolen wirkungslos werden zu lassen. Nacht für Nacht werfen sich hungrige Feuer-, Wind-, Stein-, und auch Baumdämonen gegen die Schutzsiegel. In einer Nacht passiert für Arlen das Unfassbare, seiner Mutter gelingt es nicht rechtzeitig das schützende Haus zu erreichen. Aus Nebelschwaden am Boden steigen die ersten Dämonen hervor und stürzen sich auf die wehrlose Frau. Der Vater des Jungen hatte ihm einst versprochen, das er wenn Frau und Kind Gefahr durch Horcling drohe, die schützenden Siegel verlassen und für seine Familie kämpfen würde. In dieser Nacht stürzt der junge Arlen aus dem Haus um sich den Dämonen entgegenzuwerfen und das Leben seiner Mutter zu retten, in dem Vertrauen auch sein Vater würde seinen Worten Taten folgen lassen…

Leesha, in den Augen ihrer selbstverliebten Mutter eine „unnütze Göre“, verbringt jeden Tag mit harter Arbeit im Dorf der Holzfäller. Ihr Vater ist ein gutmütiger Mann der sich jedoch der Tyrannei seiner Ehefrau kaum zu erwehren vermag. Seit geraumer Zeit erhebt der junge und kräftige Holzfäller Gared Anspruch auf Leesha als zukünftige Frau. Leesha ist bei Jungen ihres Alters durchaus begehrt in ihrem Heimatort und manch einer von ihnen machte aufgrund dessen bereits ausgiebig Bekanntschaft mit Gareds Fäusten. Der Traum von einem romantischen Leben in einem eigenen Haus mit Gared ist es der Leesha die täglichen Demütigungen ihrer Mutter Elona überstehen lässt. Gared ist ihr Traummann und zukünftiger Vater ihrer Kinder. Dieser Wunsch droht jedoch eines Tages zu platzen als die junge Frau erfährt das das ganze Dorf von einer angeblichen Liebesnacht zwischen ihr und Gared munkelt. Für Leesha gilt es nicht nur ihren Ruf zu verteidigen sondern auch eine Lüge aus der Welt zu räumen. Unerwartete Schützenhilfe erfährt sie hierbei von der uralten unsympathischen Kräuterkundigen und Dorfheilerin Bruna, die sich mit respektlosem Wort und eifrig geschwungener hölzerner Gehhilfe auf ihre Seite schlägt.

Rojer führt ein glückliches Leben in Flussbrücken. Zu seiner grossen Freude taucht eines Tages der Jongleur Arrick in dem Ort auf und bittet um Unterkunft im Gasthaus seiner Eltern. Rojer liebt es den Kunststücken der Jongleure zuzusehen, ihren Geschichten und Gesängen zu lauschen und heftet sich sofort an den bunten Reisenden. Bei dem Jongleur handelt es sich um einen Vorboten des bald eintreffenden Herzogs. Ihm zu Ehren wird die Ortschaft auf Hochglanz poliert und besonders die Schutzsiegel der steinernen Brücke aufwendig erneuert. Dieser, optisch eindrucksvollen wenn auch überflüssigen, Arbeit ist es geschuldet das der Bannzeichner kaum Zeit für die Siegel an den Häusern und Höfen der Ortsbewohner hat. Als die Nacht hereinbricht tritt ein wovor Rojers Vater seit längerem gewarnt hat. Die magischen Siegel versagen, die Horde der Dämonen bricht durch das Schutznetz in die Gaststube. Entschlossen stellen sich Rojers Vater und ein Gast den ersten Horclingen während der junge Rojer von seiner Mutter in den Schutzraum der Taverne gezerrt wird. Doch erste Feuerdämonen sind ihnen auf der Spur und Rojers Mutter muss ihn in die Arme des fremden Jongleurs geben…

Peter V. Bretts selbst erklärte „World Domination Tour“ mit seiner Romanreihe hat auch Deutschland die Eroberung erklärt. Ein glücklicher Umstand.

Angst ist das Hauptthema seines Auftaktbands und es gelingt dem Autor diese in ihren verschiedenen Facette gekonnt einzufangen und festzuhalten. Er präsentiert das Leben seiner Protagonisten in ihrem Alltag, häufig von Armut und harter Arbeit geprägt aber auch mit Träumen und Wünschen aus diesem Kreislauf auszubrechen. Gerade dieses tägliche Leben stattet der Autor mit reichlich spannenden Ereignissen und Entwicklungen aus. Hierbei verfällt er nicht in das romantisierte Bild armen Bauernkinder die sich in ein Abenteuer begeben, sondern stellt sie und ihre Lebensumwelt auch als verzweifelt und widersprüchlich dar. In „Das Lied der Dunkelheit“ sind es nicht nur die Dämonen die ein hässliches Antlitz tragen.

Die nächtliche Gefahr durch die Bewohner der Horcs stellt er sehr authentisch dar, so werden die Horclinge und ihre Grausamkeit nicht als Spektakel inszeniert sondern sind einfach eins. Nacht für Nacht, ohne durch sie künstliche Spannung aufbauen zu wollen, erfährt sie der Leser als Alltag in einer Welt die vor ihr in grossen Teilen kapituliert hat. Sehr ansprechend und doch eher zurückhaltend präsentiert sich die Magie in dem Roman. Sie ist existent jedoch nur in Form verschiedener Siegel vermag sie eine Wirkung zu entfallten. Ein sehr gelungener Verzicht auf stabschwingende und langbärtige Magier.

Peter V. Brett legt einen ansprechenden Schreibstil vor und entgeht zudem der Versuchung seine Hauptfiguren schnell zu einer Gruppe zu formen. Einen Grossteil des Buches begleiten wir die drei Charaktere separat und über Jahre hinweg in ihren Entwicklungen und in mit ihr einhergehenden Wirrungen. Hierbei spart der Autor kein Thema aus welches eine Bedeutung für das Erwachsenwerden hat. So wird auch die Sexualität einer jeden Figur thematisiert, nicht ausgiebig aber doch in einer Regelmässig die schnell ermüdend wirkt. Dieses kann als einziges Manko an dem Auftaktband betrachtet werden, welcher ansonsten durch eine eigene Fantasywelt und die Abenteuer des Überlebens in ihr besticht. Obwohl Brutalität eine Rolle in dem Werk spielt gleitet der Autor nicht in Gewaltexzesse ab sondern integriert sie gekonnt.

Durch eine dichte Atmosphäre aus Momenten der Lebensfreude und des Überlebenskampfes, einer eigenständigen Magie, sehr gelungenen Charakteren, spannenden Abenteuern, Geheimnissen und einer Welt die man beim Lesen wirklich erkundet, hat Peter V. Brett ein Fantasybuch geschaffen welches nicht nur High Fantasy Fans in seinen Bann ziehen wird.

Ein aussergewöhnliches Werk welches der Fantasy Literatur mehr als gut tut.

Weitere Infos und Leseprobe: Das Lied der Dunkelheit

Buchfakten:
PETER V. BRETT
Das Lied der Dunkelheit
Originaltitel: The Painted Man
Originalverlag: HarperVoyager
Aus dem Englischen von Ingrid Herrmann-Nytko

Paperback, Klappenbroschur, 800 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-52476-7
Verlag: Heyne

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