Ringil aus dem Hause Eskiath hat alles was ein Veteran des Echsenkrieges braucht. Eine Kneipe in der er Reisenden seine Heldengeschichten erzählen kann, kostenlose Unterkunft und stets einen Tropfen Alkohol in seiner Nähe. Eineinhalb Meter kiriathischer Stahl über dem Wirtshauskamin; sein Schwert Rabenfreund. Lange hat es nicht mehr gesungen, in den Händen des gefeierten Helden, des Überlebenden der Galgenschlucht, des besten Schwertkämpfers in den Tieflanden und des verachteten Schwulen.

Dieses beschauliche Leben in der Provinz erlebt ein jähes Ende, als Ringils Mutter ihren Sohn aufsucht und um einen bezahlten Gefallen bittet. Rabenfreund lässig geschultert, macht sich der kaltschnäuzige Krieger auf den Weg eine Sklavenbefreiung durchzuführen und schlägt sich dabei mitten in eine Beschwörung um vergessene Mächte, launische Götter und einen drohenden Krieg gegen die gesamte Menschheit.

Drei Anti-Helden auf ihren eigenen getrennten Wegen, jeder für sich eine lebende Legende.

Egar Drachentöter – ein ehemaliger Kriegskamerad Ringils, ist in seine Heimat, die weite Steppe, zurückgekehrt und hat das Amt des Klanherren übernommen. Jedoch sind seine Qualitäten für diese Aufgaben und seine mangelnde Traditionspflege nach und nach immer mehr Klan ein Dorn im Auge. Und so schwillt untergründig ein Zorn gegen einen Klanführer, der lieber mit blutjungen Frauen durch seine Jurte turnt und von seinem ausschweifenden Leben im Süden schwärmt, als durch Weisheit und Vorbildlichkeit die Sharanak zu führen.

Archet lebt und arbeitet als königliche Beraterin in Yhelteth für Lord Jihal. Sie ist die letzte ihres Volkes der Kiriath, welches mit Not in die Gestade der Menschen gelangt war und eben so schnell von ihnen wieder vertrieben wurde. Als ehemalige Kampfgefährtin von Ringil und Egar, wird sie von König Jihal auf Missionen geschickt, welche Anforderungen stellen, für die nur sie in Frage kommt. An die 207 Jahre alte Arched wendet er sich in den speziellen Fällen und just so einer schickt sie nun zu den Ruinen einer überfallenen Hafenstadt, aus der nicht ein einziger Wertgegenstand entwendet wurde.

Drei Gefährten, unter den wachsamen Augen der Götter, deren Wege sich in der Stunde grösster Not kreuzen werden…

Richard Morgan, der sich durch seine erfolgreichen Science Fiction Veröffentlichung bereits den Ruf als „Bad Guy“ eingehandelt hat, wird diesem auch in seinem ersten Fantasy Roman absolut gerecht. „Glühender Stahl“ ist ein episches Sword and Sorcery / Low Fantasy Abenteuer für Erwachsene mit assozialen, kaltschnäuzigen und -blütigen Hauptfiguren. Die Klischeebilder mutiger Vorbildschwiegersöhne, stolzer Friedenskämpfer oder wackerer Weltretter sucht man bei ihm vergebens. Finden wird man einen schwulen Berserker, mit einem Leben in sexuellen Ausschweifungen, regelmässigen Rauschzuständen und reichlich Spass am Töten.

Wo andere Autoren vorsichtig versuchen eine leichte Provokation in ihre Werke zu legen, streckt Morgan den Moralisten dieser Welt seinen gestreckten Mittelfinger grinsend entgegen. Der Autor lässt seine männlichen Figuren Ringil und Egar durch diverse Betten tollen und diese Beschreibungen müssen ohne Übertreibung als durch und durch pornographisch bezeichnet werden. Den Roman, aufgrund seiner Hauptfigur, jedoch als reine Gay Fiction abzustempeln, wird dem Buch nicht gerecht. Neben reichlich vergossenem Blut, abgetrennten Körperteilen und gebrochenen Knochen, entwickelt Morgan eine sehr interessante, facettenreiche, sowie bedrückende Fantasywelt und baut eine gelungene Nähe zu seinen abgehalfterten Charakteren auf. Statt die Welt, ihre Geschichte, Mythen und Entwicklung ausschweifend zu erläutern, lässt der Autor den Leser sie an der Seite Ringils, Egars und Archets durchwandern und baut so Schritt für Schritt das Bild einer komplexen Realität mit verwischenden Grenzen.

„Glühender Stahl“ – ein derber Fantasy Auftaktroman mit einem faszinierenden, eigenständigen Weltenbau, voller Action, spannenden Wendungen und sympathischen, heruntergekommen Anti-Helden.
Richard Morgan wird mit diesem Buch polarisieren, anecken, Ekel und Scham hervorrufen, aber auch begeistern und bannen. Ein Fantasy Roman den man entweder nach den ersten Seiten verflucht oder der durch seine Zügellosigkeit in jeglicher Hinsicht, die Freude, mit diesem Werk etwas wirklich anderes in den Händen zu halten, überzeugt.

Richard Morgan kennt sehr wohl die Grenzen des „guten Geschmacks“ – in „Glühender Stahl“ interessieren sie ihn nur nicht.

Mehr zu dem Buch: Glühender Stahl

Buchfakten:
Richard Morgan
Glühender Stahl
Roman
Originaltitel: The Steel Remains
Originalverlag: Del Rey
Aus dem Englischen von Alfons Winkelmann
Paperback, Broschur, 576 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-52591-7
Verlag: Heyne

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