Von seinen eigen erschaffen Kindern verraten und in die Niederhöllen gezwungen, verfällt der Göttervater Aurelion nach und nach dem Wahnsinn. In seinem Gefängnis aus fliessendem Feuer beginnt er jedoch neue Pläne zu schmieden, in deren Zentrum sich ein nichtsahnender junger Jäger befindet.

Stephan R. Bellem vollzieht die Abenteuer vierer Helden, aus deren Sichtweise, nach und lässt sie zu Teilen einer Entwicklung werden, welche das bekannte Leben in Kanduras zu überrollen droht.
Der Rückzug der Götterkinder in ihre Himmelsfestung hat für Aurelion einen Pfad eröffnet, wieder Einfluss auf die Geschicke in Kanduras zu nehmen. Zwar sind seine Möglichkeiten noch begrenzt, aber das Jahr 5711 wird in die Annalen eingehen, als das Jahr in dem der Herold Aurelions, Sohn der Finsternis, Fuss auf Kanduras gesetzt hat.

Karandras Macht ist zunächst noch eingeschränkt und der ehemalige Jäger weiss nicht wie er sie sich zu nutzen machen soll. Sein Streifzug, im Namen des Göttervaters, beginnt mit einer handvoll Trollen und erbarmungslosen Überfällen auf kleinere Menschensiedlungen. Doch der Genuss des Abschlachtens, welcher der Trollhorde deutlich ins Gesicht geschrieben steht, erfüllt den dunklen Herold nicht lange mit Zufriedenheit über sein Tun. Es gilt einem grösseren Ziel entgegenzustreben, die Gefüge der bekannten Welt zu erschüttern, eine Armee nie da gewesenen Ausmasses zu erschaffen. So scharrt Aurelions kriegerischer Missionar Trolle, Goblins und andere Geschöpfe um sich, bis es ihm sogar gelingt in die Herzen der starrköpfigen Zwerge vorzudringen und aus ihnen die Gnome zu formen. Der Klang von Kriegstrommeln hallt über Kanduras und Karandras macht sich auf, in die Wissensstätte der Magie, um aus einem Obsidianamulett, sein mächtigstes Artefakt zu schaffen.

Die Stämme der Menschen liegen in Misstrauen und Zwietracht gefangen. Jeder Herrscher ist auf die Umsetzung eigener Pläne bedacht und gezwungen seine Untergebenen vor nahen Gefahren, wie Barbaren und umtriebigen Orks zu schützen. Die regelmässigen Versammlungen der Stammesführer verkommen zu ergebnislosen Treffen, welche die Reise um teilzunehmen nicht lohnt. Eine dieser Versammlungen wird jedoch zum Ausgangspunkt eines unerwarteten Ereignisses, als ein Bauer in Begleitung eines Dorfschmiedes, von den Stammesfürsten eine Armee unter seinem Kommando fordert…

Stephan R. Bellems „Bluttrinker“ entpuppt sich als episches Fantasy Abenteuer mit klassischen High Fantasy Elementen. Das Bluttrinkertum spielt in seinem Roman nicht die zentrale Rolle, dafür platziert er die Wege verschiedener Figuren in einer Welt, deren gewohnter Lauf kurz vor einem mächtigen Kollaps steht. Ein weiser Meister arkaner Künste, eine erfahrene Söldnerin, ein Bauer der nach Rache sinnt, ein Heiler den seine Schuld zum Blutjäger macht, ein Stammesführer, der im vergessenen Norden Kanduras auf unerwartete Bündnispartner stösst,…

Stephan R. Bellem vermag diese verschiedenen Personen und ihre Wege durchaus nachvollziehbar und spannend zu beschreiben, jedoch verharren nahezu sämtliche Protagonisten in der Oberflächlichkeit, einer ihnen zugeschriebenen und offensichtlichen Rolle. Zwar verfügen alle Akteure über eine individuelle Vergangenheit, aber eine Persönlichkeit ist mehr als das Ergebnis einer prägenden Erfahrung. Mangelnder Facettenreichtum, das Vermissen charakterliche Schattierungen und Widersprüchen sind es, die eine Grosszahl der Handlungen vorhersehbar machen und die Figuren eher an Prototypen von Rollenspielcharakteren erinnern lassen. Hierdurch leidet auch das gesamten Fortschreiten der Handlung und die immer wieder sehr gut aufgebaute Spannung verfliesst in absehbare und geradlinige Entwicklungen.

Was Stephan R. Bellems „Bluttrinker“ jedoch interessant macht, sind die Völker der vermeintlich dunklen Seite. An Orks, Trollen und Goblins können sich High Fantasy Leser erfreuen und der Autor spielt sehr schön mit ihren Völkerklischees und eigenen Ausformungen. Hinzu kommen reichlich dynamische Kämpfe in einem zügigen Schreibstil. Für Einsteiger in das Genre der klassischen Fantasy ist „Bluttrinker“, aufgrund seiner Geschichte, Figuren und des Weltenbaus, eigentlich ideal. Man findet beinahe alle Aspekte vor, welche die High Fantasy, in ihrem Gewand eines Tolkiens, zu bieten hat.

Stephan R. Bellems „Bluttrinker“ – ein Landkartenabenteuer, welches seine Möglichkeiten bei weitem nicht ausschöpft. Möglicherweise wäre die Geschichte in Form einer Trilogie, durch mehr Raum, aufgeblüht, so ist sie für eine Otherworld Veröffentlichung überraschend enttäuschend.

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Buchfakten:
Stephan R. Bellem
Bluttrinker
Otherworld
440 Seiten
13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-8000-9515-5

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