Im Frühjahr 2010 ist Oliver Plaschkas Fantasy Roman „Die Magier von Montparnasse“ bei Klett Cotta / Hobbit Presse erschienen und entführte den Leser nach Paris in das Jahr 1926. Durch die Eigenständigkeit seiner Geschichte und den Wortzauber des Autoren, ist dieses Werk zu einem Lesegenuss geworden, welcher seinesgleichen sucht. Um so erfreulicher ist es, dass Oliver Plaschka sich bereit erklärt hat ein paar Fragen zu „Die Magier von Montparnasse“ zu beantworten, ein wenig über deren Entstehung zu plaudern und aufzuklären wie er zu Peter S. Beagles Bodyguard geworden ist.

Viel Spass mit dem Interview mit Oliver Plaschka!

Bevor wir uns den Magiern von Montparnasse widmen, verrate uns doch ein wenig über dich und wie du zur Schriftstellerei gekommen bist.

Manchmal frage ich mich eher, wie die Schriftstellerei zu mir gekommen ist – es ist jedenfalls so lange her, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann, und hat mich wohl auch davon abgehalten, einen „vernünftigen“ Beruf zu ergreifen. Studiert habe ich Anglistik und Ethnologie in Heidelberg.

Welchen Reiz hat phantastische Literatur als Autor und Leser für dich?

Ich bin mit dieser Art von Literatur einfach aufgewachsen, und habe das lange auch nie in Frage gestellt. Das Spiel mit der Wirklichkeit und ihrer Aufhebung kann eine Menge Reize haben; vom Wunsch nach reinem Eskapismus über ein kreatives Spiel mit Mythen und möglichen Zukünften bis zu einem kriminalistischen Versteckspiel mit der Wahrheit. Ich als Autor stelle mir einfach gerne die Frage, wie Menschen in Situationen reagieren würden, die sich in unserer Wirklichkeit wahrscheinlich niemals ereignen werden, und ich erschaffe gerne fiktionale Welten. Warum ich das gerne tue, stelle ich eigentlich nach wie vor nicht in Frage.

War dir zu Beginn deiner Arbeiten an „Die Magier von Montparnasse“ bereits bewusst, dass es ein „… Meilenstein postmoderner Bohème-Literatur … mit dem Versprechen einer Rückbesinnung auf jenen (durch einen erfolgreichen Film der frühren Neunziger populär gemachten) Kunstgriff temporaler Rekursion auf höchstem Niveau…“ (Rainlights Gazette) wird?

An dieser Stelle möchte ich auf das Impressum meines Blogs verweisen: bitte immer daran denken, dass er als Satire gemeint ist! Aber um die Frage zu beantworten: Dass der Roman ziemlich „bohemisch“ werden würde, war wirklich von vornherein klar, denn schließlich hatte ich mich für ein sehr beengtes Setting entschieden, in dem die meisten Personen ihre Zeit vor allem mit Gesprächen und dem Konsum von Alkoholika verbringen. Ob es ein „Meilenstein“ werden wird, lassen wir mal dahingestellt. Und das mit der Postmoderne sollte man generell nicht zu ernst nehmen …

Und täglich grüsst das Murmeltier. Warum gerade eine Anlehnung an diesen Film und das Spiel mit der Zeit?

Der Arbeitstitel des Romans, den ich heute noch mit ihm verbinde, lautete „Solang wir uns wiedersehen“. Dieser Halbsatz, der zweimal im Roman fällt und nun auch der Titel des Nachspiels ist, bringt für mich die Kernidee der Geschichte auf den Punkt: die Endlosigkeit eines freundschaftlichen Zusammenseins in einem kleinen Pariser Straßencafé, und die Bedingung, die die Charaktere darüber gleichsam an ihr Schicksal knüpfen. Es ist eine Geschichte über Zeit, und vor allem über Möglichkeiten. Die Zeitschleife ist also nur Mittel zum Zweck; was mich wirklich fasziniert, sind Geschichten über Paralleluniversen, die „unrealized realities“, wie es in Farscape einmal hieß. Man braucht aber keinen Science-Fiction-Kontext für solche Geschichten über nie gelebte Leben.

Wie viel Recherchearbeit steckt in deinem Roman? Im Nachwort führst du einige Literaturquellen auf und zudem heißt es ja, dass du die Handlungsorte selbst einer ausgiebigen Inspektion unterzogen hast…

Ziemlich viel. Ehrlich gesagt so viel wie nie zuvor. Ich habe Wochen mit der Suche nach Informationen über Straßenbeläge und die Funktionsweise verschiedener Lichtquellen verbracht, mir Pläne der Pariser Katakomben ausgedruckt und stapelweise Bücher kopiert. Irgendwann war ich wider Willen auch Experte für Linsenteleskope, Absinthrezepturen, Sir Arthurs Feenforschung und Harry Houdinis und anderer Zaubertricks. Selbst Nebenfiguren wie der Barkeeper, der Gaspard Hemingways Adresse gibt, stammen aus diversen Quellen. Und ja, ich war dann auch selbst dort und habe mir alles angesehen. Es war toll – wie in einer bizarren Verfilmung der eigenen Geschichte herumzulaufen. Das nennt man wohl Realitätsverlust …

Wie lange hast du dann an dem Roman gearbeitet, von der ersten Idee bis zum fertig gedruckten Buch?

Von der ersten Idee zum ersten Belegexemplar vergingen knapp zwei Jahre. Intensiv geschrieben habe ich etwa ein Dreivierteljahr — in dieser Zeitspanne bewegt es sich meistens bei mir.

In „Die Magier von Montparnasse“ entsteht der Eindruck, dass du jede Entwicklung sehr genau geplant hast. War dem auch so, bzw. wie sah deine Arbeitsweise an dem Buch aus?

Am Anfang habe ich mir noch eine gewisse Spontanität erlaubt, weil zuviel Planung in einem frühen Stadium meines Erachtens ebenso viel schadet, wie sie nützen kann. Die letzten Kapitel entstanden aber wirklich auf dem Reißbrett, mit jeder Szene, jedem Perspektivwechsel und jedem Handlungstwist genau geplant. Das war eine neue Erfahrung für mich, und ich hätte früher auch nicht gedacht, dass ich das einmal tun würde. Es war bei einer so komplexen Geschichte aber unumgänglich.

Du wechselst in „Die Magier von Montparnasse“ munter zwischen den Sichtweisen der Akteure, behältst aber stets die Ich-Perspektive bei. Wie kam es zu dieser Vorgehensweise und was waren ihre Tücken und Vorteile?

Die Tücken liegen auf der Hand: Die Handlung kann nur vorangehen, solange eine der berichtenden Figuren auch dabei ist. Besonders grausam war, dass nur zwei Erzähler – Ravi und Barneby – einen Überblick über alle Geschehnisse haben, und von einem beliebig fernen Zeitpunkt in der Zukunft aus auf die Geschichte zurückblicken können. Die Gefangenen der Zeitschleife dagegen, wie Alphonse und Esmée, können immer nur maximal vom selben Abend aus auf die Geschehnisse zurückblicken, oder müssen sie aus einer unmittelbar erlebenden Perspektive heraus schildern. Die Einschübe aus Blanches Perspektive, die heute zu meinen Lieblingspassagen gehören, wurden schon deshalb nötig, weil ich auch eine Art allwissende Draufsicht auf die Handlung benötigte, die die Geschehnisse verstehen und auch kommentieren kann.

Was die Wahl der Erzählweise betrifft: Eine sehr wichtige Inspiration war hier der „Innkeeper’s Song“ von Peter S. Beagle. Dieser Roman spielt in einer Fantasywelt und erzählt von drei Frauen, die einem alternden Magier bei seinem letzten Kampf beistehen. Das Bemerkenswerte an dem Roman ist aber, dass er fast ausschließlich in einer kleinen Herberge an einer Wegkreuzung spielt, und aus den wechselnden Ich-Perspektiven verschiedener Haupt- und Nebenfiguren erzählt wird. Das schöne an dieser intimen Art der Erzählweise ist, dass die Figuren sich in einem beständigen Dialog miteinander und auch mit dem Leser befinden, und man Figuren verstehen und auch lieben lernt, zu denen man andernfalls vielleicht keinen Zugang gefunden hätte. Ich fand immer, dass der „Innkeeper’s Song“ stilistisch und formal Peters bester Roman ist, und ich hoffe, dass er es mir nachsieht, dass ich in den „Magiern von Montparnasse“ etwas Ähnliches versucht habe. Ich kann das Buch (dt. „Es kamen drei Damen im Abendrot„) wirklich nur jedem ans Herz legen.

„Deine Worte“, sagte er. „So wie du sie immer sagen wolltest, bevor andere Gedanken dir in die Quere kamen und dich ablenkten. Freunde, die dich mit ihrer Meinung verunsicherten, Frauen, die nur um deine Aufmerksamkeit buhlten. Dies ist die einzige Fassung deines Buches, die das Zeug hat, zu überdauern.“ (Die Magier von Montparnasse, Seite 344)

Trifft diese Aussage auch auf die Entstehung deines Romanes und die Arbeit mit dem Hobbit Presse Lektorat zu?

Was der scharlachrote Mann Gaspard in dieser Szene präsentiert, ist eine Autorenfantasie. Schriftsteller wie Hemingway waren möglicherweise der Ansicht, dass eine solche Fassung eines Textes, in der jedes Wort perfekt gewählt ist und an der unverrückbar richtigen Stelle steht, existiert. Ich glaube das nicht. Ich glaube, es gebt eine gewisse Schwelle von Perfektion, jenseits derer kleinere Änderungen keinen Unterschied mehr machen. Dasselbe gilt für die Fehler oder das technische Unvermögen, mit denen ein Buch und sein Autor leben müssen. Sprich, es gibt ein „so-gut-es-eben-geht“, das ich auch immer zu erreichen versuche. Aber wie W.H. Auden schon sagte, Texte werden nie vollendet, nur aufgegeben. Irgendwann muss man einfach damit aufhören, an ihnen herumzufeilen, und sie loslassen.

In „Die Magier von Montparnasse“ begegnet uns der junge Schriftsteller Gaspard, welcher alles auf eine Karte setzt. Der mit seinem Manuskript unter dem Arm den Weg nach Paris wagt und dort auf einen Verleger hofft. Wie viel Oliver Plaschka steckt in diesem angehenden Autoren?

Gaspards Name, ebenso wie der Justines, ist bis zu einem gewissen Grad auch ein sprechender Name. Gaspard ist ein Narr, ein netter, unerfahrener junger Mann, der sich einer Aufgabe stellt, die eigentlich zu groß für ihn ist, und sie verrückterweise und gegen alle Wahrscheinlichkeit bewältigt. Von daher habe ich ihn beim Schreiben weniger als Identifikationsfigur gesehen als viele andere Figuren. Dennoch weiß ich glaube ich sehr gut, wie es ist, in seiner Haut zu stecken: Gaspards eigentliche Motivation in Paris ist ja, Hemingway zu treffen, auch wenn er nicht genau weiß, was er eigentlich von ihm will. Ich bin einmal nach Slowenien gefahren, um Peter S. Beagle zu treffen, und zu Beginn dieser Reise habe ich mich wohl ein wenig wie Gaspard gefühlt. Ich kann seine Haltung aber nur befürworten, denn ich möchte dieses Abenteuer um nichts missen. Wenn einem etwas wirklich wichtig ist, sollte man es tun.

Du bist nach Slowenien gefahren um Peter S. Beagle zu treffen? Wie kam es denn dazu und wie verlief diese Zusammenkunft?

Naja, ich war in jungen Jahren wohl ein ziemlicher Fanboy und „unicorn buff“, und hatte Peter schließlich einen Song geschickt, den ich nach einem seiner Gedichte aus dem „Letzten Einhorn“ eingespielt hatte. Darüber entspann sich ein loser Mailkontakt, und irgendwann schrieb er mir, dass er wegen einer PEN-Konferenz in Bled sei – was ja quasi direkt um die Ecke ist, wenn man es aus amerikanischer Perspektive betrachtet … Also bin ich mit einem guten Freund dorthin gefahren, um ihn zu treffen. Was soll ich sagen, es war toll. Peter ist ein sehr höflicher und zuvorkommender Mensch, wir haben uns gut unterhalten, und zum Abschluss gab es dann noch einen Empfang des damaligen Außenministers, auf dem wir als Peters „Bodyguards“ auftraten. Es war ein Riesenspaß.

Welche Figur aus Montparnasse würdest du am liebsten persönlich treffen?

Ich glaube, ich würde einfach gerne einen sonnigen Tag in der Closerie des Lilas verbringen, und Hemingway und den anderen beim Schreiben & Diskutieren zusehen.

Mal Hand aufs Herz. Im Frühjahrsprogramm der Hobbit Presse, dem Verlag der Mittelerde nach Deutschland gebracht hat und der für hochqualitative Fantasy bekannt ist, steht dein Buch neben den Werken von Tad Williams, Neil Gaiman und J. R. R. Tolkien. Was ist das für ein Gefühl für dich?

Ich sehe das als ernormen Glücksfall und bin natürlich sehr froh darüber. Natürlich setzt mich das aber auch unter den Druck, dieses Niveau jetzt zu halten!

Woran arbeitest du gerade? Gibt es bereits ein neues Romanprojekt?

Darüber reden wir zur Zeit gerade. Es gibt mehrere Projekte, die ich gerne in den nächsten Jahren angehen würde, aber es ist noch zu früh, etwas Definitives dazu zu sagen. In der Zwischenzeit erscheinen noch ein Multiautorenprojekt, das ich mit zwei Freunden für Feder&Schwert geschrieben habe, sowie mehrere Kurzgeschichten.

Welche Gemeinsamkeiten haben ein guter Bühnenzauberer und ein guter Fantasy Autor?

Er muss sein Publikum an etwas glauben machen können, von dem das Publikum genau weiß, dass es nicht existiert.
Danke für das Interview!

Danke für die tollen und ausführlichen Antworten!

Rezension zu Oliver Plaschkas Roman: Die Magier von Montparnasse

Die Homepage von Oliver Plaschka: Rainlights Net

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