Die polnische Erstausgabe von „Der Vampir“, aus der Feder des Literaturnobelpreisträgers Wladyslaw Stanislaw Reymont, erschien 1911 und stellt, so wird nachgesagt, eine Aufarbeitung eigener spiritistischer und okkultistischer Erfahrungen des Autors dar. Eine deutsche Übersetzung des fantastischen Gruselklassikers erschien 1914. Im Januar 2010 veröffentlichte der kleine Jens-Erik Rudolph Verlag eine ungekürzte Neuausgabe des 1914er Originals.
„Unheimliche Seancen, parapsychologische Phänomene, Fakir-Experimente und andere Geheimnisse durchdringen die Erzählung, welche vor der schaurig nebligen Londoner Kulisse ausgebreitet wird.

Reymonts Vampire rauben dabei ihren Opfern auf subtilere Art und Weise die Vitalität, als die gängigen Blutsauger. Der Leser wird von Beginn an von der geheimnisvollen Geschichte gefesselt. Unterstützt wird dies durch die poetische Sprache.“ (Verlagsangabe)

Zenon ist ein, durchaus erfolgreicher, Schriftsteller, der mit Freund und Familie in seiner polnischen Heimat gebrochen hat und das trübe, verregnete London nun sein Zuhause nennt. Von seinem guten Freund Yoe zu einer Seance überredet, nimmt der Rationalist mit Skepsis an dieser spirituellen Sitzung teil. Es soll ein Ereignis werden, welches einen Stein von Entwicklungen ins Rollen bringt, die den menschlichen Verstand zum Narren halten. Das Hotel, in welchem er und sein okkult veranlagten Freund untergekommen sind, beheimatet Gäste, welche nur als sonderbar beschrieben werden können. Seit kurzem ist ein lateinamerikanischer Guru dort einquartiert, unterrichtet Yoe in spirituellen Weisheiten und philosophiert mit ausgewählten Gästen über den Untergang der europäischen Kultur, durch ihren materialistischen Kapitalismus.
Neben weiteren Spiritisten und Sektenangehörigen, bewohnt auch Daisy ein Zimmer in dem Hotel, wobei sie durch eine scheue Ablehnung sozialer Kontakte, eher einer gelegentlich auftauchenden Erscheinung gleicht, denn eines Gastes in der Metropole Englands. Und doch ist es diese Frau, welche nicht nur Zenons erste Seance zu einer erschütternden Erfahrung werden lässt, mit ihrem Panther als Schosstier, die Zenon nach und nach in ihren Bann zieht.

W. S. Raymond präsentiert seinen fantastischen Roman „Der Vampir“ als ein eindrucksvolles Werk poetischer und höchst ausgefeilter Sprache. In diesem Roman existieren schlichtweg keine „normalen“ Sätze. Jede Beschreibung, jeder formulierter Gedanke eines Protagonisten erscheint in eindringlicher Form und im Lichte verschiedener Betrachtungen. Alltäglichkeiten verzerren sich zu düsteren Eindrücken, herkömmliche Örtlichkeiten wandeln sich in unwirkliche Räume. Der Autor fängt die Schatten des spärlichen londoner Lichtes ein und legt sie stattdessen wie einen Wickel um seine Erzählung. Was bei Reymond als ein subtiler Horror, ein Anschleichen des Fantastischen beginnt, entblättert sich als die leibliche Fratze des Teufels, dessen Wahn diese Geschichte durchtränkt und ihre Figuren in einen real gewordenen Albtraum führt.

Der Befürchtung, bei einem 1911 veröffentlichten Roman, auf unüberwindbare Schwierigkeiten in der Sprache zu treffen, ist bei „Der Vampir“ unbegründet. Der poetische Stil des Autors und seine permanente Intensität in der Beschreibung des Geschehens, machen es zwar notwendig sich auf diesen Stil einzulassen und wirken zwischendurch etwas überdramatisiert, stellen jedoch auch eine wirklich lohnenswerte Leseerfahrung dar. Wer auf der Suche nach einem schaurig-fantastischen Roman ist, der sich jenseits massenkompatibler Veröffentlichungen bewegt, und an einem wirklich „anderen“ Buch interessiert ist, dürfte mit „Der Vampir“ fündig werden.

Wladyslaw Stanislaw Reymonts „Der Vampir“ – ein eindringlicher Roman, welcher okkulte Experimente und die Verlockungen eines ursprünglichen, diabolischen Vampirs, in eine Dark Fantasy Geschichte formt. Zwischen religiöser Erleuchtung und den Abgründen des Wahnsinns, pendelt diese Geschichte, auf schriftstellerisch hohem Niveau erzählt.

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Buchfakten:
Autor: Wladyslaw Stanislaw Reymont
Titel: „Der Vampir“
Paperback: 220 Seiten
ISBN: 978-3-941670-07-5
Jens-Erik Rudolph Verlag (Jan. 2010)
Ungekürzte Neuausgabe des Originals von 1914

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