Niemand kennt die wahre Person hinter dem Dunkelelfen-Ritter Sarius, ebenso wenig die des Barbaren BloodWork oder des Zwerges Sapujapu. Sie alle sind Charaktere in einem Computerrollenspiel, einer virtuellen Fantasywelt, welche auf Geheimhaltung basiert. „Erebos“ macht die Runde an einer Londoner Schule, von Tasche zu Tasche, begleitet von der Forderung den Schwur der interaktiven Welt, des Kreises der Eingeweihten, zu leisten. „Erebos“ bietet nur eine Chance. Wer in dem Spiel stirbt wird es nicht erneut gestartet bekommen. „Erebos“ sortiert, trennt die Spreu der Spieler vom Weizen und formt einen inneren Kreis der Tapfersten, denn das Spielziel verlangt von jedem absoluten Gehorsam.

Nick ist ein „Erebos“ Spieler. Ungeduldig hat er verfolgt wie kleine Päckchen in seiner Schulklasse kursierten, stets begleitet von eindringlichem Geflüster und kontrollierenden Schulterblicken. Dann kam es zu den ersten Krankheitsfällen und sonderbaren Verbrüderungen. Schüler erschienen nicht zum Unterricht und wenn doch dann übermüdet und angespannt. Nicks bester Freund Colin plaudert auf einmal mit den „Häkelschwestern“ und meidet ihn wie einen Aussätzigen. Dann findet „Erebos“ endlich einen Weg zu ihm und auch Nick leistet ungeduldig den Schwur zu vollständiger Verschwiegenheit. Am heimischen Rechner wirft er die gebrannte DVD ein und betritt die fantastische, höchst realistische und äusserst ungewöhnliche Spielwelt von „Erebos“…

Ursula Poznanski hat mit „Erebos“ einen äusserst spannenden Urban Fantasy Roman der besonderen Art geschrieben. Die Geschichte pendelt zwischen der realen Welt, welche für viele Spieler immer farbloser und abweisender wird, und der Virtuellen. Nick begegnen mit seinem ritterlichen Dunkelelfen unterschiedliche Questen, Rätsel und Kämpfe. Stets im Mittelpunkt des Geschehen ist der Bote, ein untoter Reiter, welcher mit Levelanstieg, neuer Ausrüstung und Fähigkeiten belohnt oder abstraft und verdammt.

Dieser Jugend- bzw. All Age Roman besticht durch sein Wechselspiel der Welten und ihrer unterschiedlichen Anforderung. In dem gleichen Maße wie „Erebos“ zu einem Strudel des virtuellen Heldentums wird, entwickeln sich  seine Auswirkungen in der realen Welt immer fataler. „Erebos“ gewährt Eintritt in seine fantastische Welt und verlangt dafür auf die Reale einwirken zu können. Die Autorin verfasste „Erebos“ in einer leicht bekömmlichen Sprache, welche jedoch dem Tiefgang der Geschichte und der Glaubwürdigkeit ihrer Figuren keinesfalls schadet. Durch diesen Stil ist ein Fantasy Jugend Roman entstanden, der eine spannende Fantasywelt mit den Schicksalsschlägen seiner Spieler verbindet und eine dramatische Symbiose bildet. Durch das Wechselspiel zwischen den Persönlichkeiten der Spieler und der Wunschvorstellung ihrer selbst im virtuellen Raum, entsteht ein facettenreiches und äusserst interessantes Bild der Akteure, welches schon als solches ein spannender Lesegenuss ist.

„Erebos“ hingegen blitzt nur auf so bald sich ein Spieler eingeloggt hat und lässt so einen Blick auf seine Gestade zu. Diese Momentaufnahmen seiner Schrecken und schönen Seiten sind äusserst ausgeglichen zugeschnitten, so das sich dem Leser zwar ein Weltenbild zusammensetzt, für eigene Vorstellungen und Weiterspinnungen jedoch Raum gelassen wird, diese sogar angereizt werden. Erfreulicherweise richtet sich dieser Roman nicht speziell an Spieler und versucht auch nicht sie von Computerspielen abzuhalten. Es gibt keinen erhobenen Zeigefinger und auch kein pädagogisches Eingesäusel, dafür einen sehr nahen Blick in ein Fantasyspiel mit dessen Verlockungen und Abgründen. Der Autorin gelingt es hervorragend ihre Figuren in den Wahnsinn einer Scheinwelt zu führen, welche Ruhm und Anerkennung verspricht, und sie der Realen immer weiter zu entziehen.

Ursula Poznanskis „Erebos“ – Ein äusserst spannendes und dramatisches Fantasyabenteuer, ein Jugendroman der die Thematik Onlinespiel(sucht) behandelt und aus ihr eine Geschichte voll Dramatik und überraschender Enthüllungen zaubert. Mit einfühlsam gezeichneten, individuellen Figuren, einer bildstarken fantastischen Welt, sehr gelungener Atmosphäre, der Geschichte einer ersten Liebe und einem irrealen Netz aus Versprechungen und Verrat, welches unserer realen Welt entgegen grinst, mit der Verlockung in ihr über sich selbst hinauswachsen zu können.

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Buchfakten:
Ursula Poznanski
Erebos
Loewe Verlag
ab 12, erschienen Januar 2010
488 Seiten, 14.0 x 21.5 cm
ISBN 978-3-7855-6957-3
Klappenbroschur

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