©Isa Scharfenberg

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Mit „Die Zombies“ schuf Thomas Plischke einen spannenden Roman um die „Underdogs“ des Paranormalen, welcher Anfang des Jahres 2010 bei Piper erschienen ist. Anhand der sympatischen Hauptfigur Lily erfährt der Leser den Gang in ein untotes Dasein, unterfüttert mit verschiedenen Mythen um wandelnde Tote.
Erfreulicherweise erklärte sich Thomas Plischke bereit über seinen Roman, dessen Entstehung und Hintergründe zu plaudern, sowie einen Ausblick auf zukünftige Buchprojekte zu geben.

Viel Spass mit dem Interview mit Thomas Plischke!

Die Erstauflage deines aktuellen Romans „Die Zombies“ wurde bereits vor dem Verkaufstart komplett abverkauft und musste in den Nachdruck gehen. Es gibt wahrscheinlich Schlimmeres, was einem Autor widerfahren kann…

Thomas Plischke: Ich muss gestehen, dass mich der gute Start persönlich etwas überrascht hat. In den letzten Jahren konnte ich eine ganze Reihe von Wunschprojekten umsetzen, die eher ungewöhnliche und teils sehr eigene Wege gehen. Die fertigen Romane gefallen nun natürlich nicht jedem, und gerade Fantasy-Fans scheinen zu den eher konservativen Lesern zu zählen, was das Brechen von Genrekonventionen anbelangt.

Da auch in „Die Zombies“ recht ruppig mit den Genrekonventionen umgesprungen wird, bin ich momentan noch etwas geschockt, dass dieses Buch nun sehr positiv und teilweise richtig begeistert aufgenommen wird. Aber es stimmt schon: Es hätte wesentlich schlimmer kommen können.

Wie kam es zu der Idee, einen Roman über das „Proletariat der Untoten“ zu schreiben, und welchen Reiz üben diese Wesen auf dich aus?

Thomas Plischke: Mit Untoten setze ich mich auf die eine oder andere Weise seit Jahren auseinander, und irgendwie sind Zombies nach und nach zu meinen Favoriten geworden – früher war es vielleicht der Vampir, der mich am meisten fesselte, doch der gute alte Blutsauger ist inzwischen mit solch multimedialer Gewalt in eine ganz bestimmte Schiene gezwungen worden, dass ich das Interesse an ihm teilweise verloren habe.

Die Zombies sind für mich immer auch Symbol – gerade der Vergleich „Proletariat der Untoten“ gefällt mir gut: Zombies sind zwar vor allem erst in der Gruppe und in der Masse gefährlich, aber gemeinsam können sie es mit fast allem aufnehmen. Aber auch allein auf weiter Flur steht der Zombie für spannende Themen, wie etwa die Entfesselung des eigenen Hungers, die Verwandlung von etwas Geliebtem in etwas Schreckliches und für die rein animalische Seite des Menschen.

Du hast in deinen Roman eine Dokumentation verschiedenster Interviews durch Lily eingeflechtet, welche alle dem Mythos lebender Toter nachgehen.
Sind diese, nicht nur sehr gelungenes Stilmittel und Lesegenuss, auch eine Art Überblick deiner Recherche und war dir zuvor bewusst, dass dieser Mythos so weltumspannend ist?

Thomas Plischke: Schon zu Beginn des Projekts war recht klar, dass mein Co-Autor Ole und ich einen Überblick über möglichst viele verschiedene Arten von lebenden Toten geben wollten, also haben wir uns überlegt, wie man das am besten anstellt. Max Brooks „Wer länger lebt, ist später tot: Operation Zombie“ hat uns wirklich beeindruckt – eine bloße Kopie dieses Konzepts wollten wir allerdings nicht abliefern. Bei uns steht eher die persönlich angehauchte Erzählung im Vordergrund, die wir lediglich mit quasi-realen, pseudo-dokumentarisch aufbereiteten Fakten unterfüttern wollten. Zugleich schimmert in den Interviews auch immer wieder Lilys Persönlichkeit durch und verleiht der Figur so ganz unauffällig noch mehr Tiefe.

Durch meine jahrelange Auseinandersetzung mit den Untoten konnte ich natürlich auf viele verschiedene Aspekte zurückgreifen, die mir schon länger bekannt waren. Beim eigentlichen Recherchieren jedoch wurde klar, dass die Idee von kannibalischen Toten, die zurückkehren, um die Lebenden heimzusuchen, viel weiter verbreitet ist, als ich je gedacht hätte. Im ersten Band haben wir versucht, eine sinnvolle Auswahl zu treffen und einige markante Beispiele zu finden. Im zweiten Teil graben wir da noch ein bisschen tiefer in den Untergrund…

„Die Zombies“ läuft bei Piper unter Fantasy, könnte jedoch auch problemlos als Horror- oder Mystery-Roman durchgehen. Wolltest du dich bewusst zwischen diesen Genres, in der Großschublade Phantastik, bewegen? Oder anders herum, warum spielt „Die Zombies“ z.B. in keinem klassischen mittelalterlichen Fantasy-Setting?

Thomas Plischke: Piper begreift die Fantasy nicht als eng eingegrenzten Bereich, in dem wirklich nur ganz klassische Settings zu finden sind, sondern eher als breite „Phantastik-Kategorie“, die eben aus Fantasy, Horror/Mystery und Science-Fiction besteht. Das liegt nicht zuletzt am wirklich hervorragenden Programmleiter, Carsten Polzin, der sich nicht nur in allen drei Untergenres auskennt, sondern auch noch seine ganze eigene Note setzt und Wert auf eigene Entdeckungen legt (wie beispielsweise uns).

Leider sind aber die Begriffe „Horror“ und „Sci-Fi“ bei Buchhändlern alles andere als beliebt. Daher verwendet man häufig den größten, offensten und bekanntesten Begriff, „Fantasy“. Übrigens eindeutig die richtige Entscheidung, denn aktuell vollzieht sich da ein starker Wandel in der Begriffsbedeutung.

Die große Schublade „Phantastik“ liebe ich aber auch heiß und innig in all ihren Spielarten. Ich vermische also gerne Elemente, die man eigentlich aus anderen Bereichen kennt.

„Zombies im Quasi-Mittelalter“ empfände ich aber als krassen Stilbruch, der wohl vielen Lesern übel aufgestoßen wäre. Deshalb habe ich das lieber in einer Kurzgeschichte verarbeitet: „Der Hunger nach der Schlacht“ erscheint in der Anthologie „Hunger“ im Scratch-Verlag und ist übrigens Teil des Universums von „Die Zombies“ – aber das nur am Rande.

„Die Zombies“ besticht eigentlich weniger durch marodierende Horden blutrünstiger Toter, auch droht der Menschheit keine Apokalypse, wie sie in zahlreichen Zombiefilmen beschworen wird. Wieso eigentlich nicht?

Thomas Plischke: Weil es schon so schreckliche viele Vertreter dieser Art von Geschichte gibt! *lacht* Die Themen, die man in solchen Büchern, Filmen und Comics verarbeiten kann, ist gelinde gesagt sehr überschaubar: Konflikte zwischen den Überlebenden sind meist der einzige Stein des Anstoßes, und man führt haufenweise Figuren ein, damit man sie nach und nach dahinmetzeln kann. Das hat sicher auch seinen Reiz, aber mich interessieren einfach andere Dinge. Die psychologische Komponente findet sich in all meinen Büchern. Gerade die Verwandlung in einen lebenden Toten ist ein unglaublich spannender Vorgang – und zwar nicht nur in körperlicher Hinsicht. Daher ist das auch Dreh- und Angelpunkt meiner Geschichte.

Als weiterer Unterschied zum klassischen Zombiebild, welches eher den untoten hellhäutigen Mann sieht, hast du dich für eine weibliche Hauptfigur of colour entschieden. Wie ist Lily entstanden und war sie schon als eine bewusste Abgrenzung gegenüber dem erwähnten Bild geplant?

Thomas Plischke: In einem der Klassiker des Zombiefilms gibt es den (frei zitierten) Spruch „Mein Großvater war ein Priester auf Trinidad. Er sagte immer: Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde.“ Dieses kleine Sätzchen ist so einprägsam, dass es unter anderen auch Die Ärzte in Anti-Zombie zitiert haben. Und da Zombies auch mit der Karibik assoziiert werden, bot es sich also an, dieses Konzept mal aufzugreifen.

Lily selbst ist rein äußerlich an eine Bekannte von Ole und mir angelehnt, vom Charakter her gibt es aber einiges an Unterschieden. Noch dazu war es mir ein Bedürfnis, mal eine vermeintliche Randgruppe in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen. Mensch bleibt Mensch, egal ob schwarz, weiß, kariert oder grün gepunktet – oder eben untot.

Wie verlief das Schreiben von „Die Zombies“? Planst du einen Roman von Anfang bis Ende detailliert durch, bevor es ans Tippen geht, oder folgst du während des Schreibens eher spontanen Inspirationen?

Thomas Plischke: Gemeinsam mit meinem Co-Autor plane ich normalerweise sehr genau vor, und bevor ich ein Kapitel anfange, erstelle ich einen Ablaufplan, in dem sogar schon einzelne Textschnipsel zu finden sind. So umgeht man ein wenig das Problem des völlig leeren, weißen Blattes, dem man sich als Autor sonst stellen müsste. Während des Schreibens ändert sich aber selbstverständlich einiges, weil man auf neue Ideen kommt oder sich gegen bestimmte Entwicklungen entscheidet. Gerade was die Nebenfiguren angeht, kann sich da im Laufe eines Romans vieles ändern.

Das Ende meiner Bücher steht aber in den allermeisten Fällen von Anfang an fest und wird dann nur leicht angepasst.

Welche deiner Figuren aus „Die Zombies“ würdest du am liebsten einmal persönlich treffen und in welchem Daseinszustand?

Thomas Plischke: Die kenne ich doch jetzt alle schon, und manche sogar besser, als es mir lieb wäre! Einige von ihnen werde ich wohl in nächster Zeit noch besser kennenlernen, gerade Bille, Ben und Rochus haben noch einige Seiten, die es zu erkunden gilt, aber das mache ich dann lieber in schriftlicher Form – persönliche Kontakte sind vielleicht doch etwas zu gefährlich für meinen Geschmack.

Wer sich ein wenig mit dir und deinen Büchern beschäftigt, stößt schnell auf den Namen Ole Johan Christiansen. Welchen Anteil hat Ole an der Entstehung deines Zombie-Romans gehabt und welches Erfolgsrezept steckt hinter eurer langen Zusammenarbeit?

Thomas Plischke: Das Geheimnis unseres Erfolges ist wohl, dass Ole und ich einfach ein gutes Team sind. In vielen Dingen ergänzen wir uns perfekt, in anderen sind wir aber so unterschiedlich, dass es genug Reibungsflächen gibt, aus denen spannende Diskussionen und auch Streits erwachsen können, die fast immer produktiv sind.

Beim Schreiben fungiert Ole als mein Co-Autor und kümmert sich vor allem um Recherche, Planung, Entwurf, die Abwicklung meiner Projekte und das Vorlektorat. Dass wir auch privat miteinander verpartnert sind, tut sicher sein Übriges. So können wir eben immer auch über die Arbeit und das Schreiben sprechen und der Beruf des Autors wird damit nie einsam oder langweilig.

In „Die Zombies“ sollen ja autobiographische Züge zu finden sein. Wann hast du denn deine erste Taube angefallen?

Thomas Plischke: *lacht* Tauben sind mir ein echter Gräuel, gerade deshalb musste eine Taube Lilys erstes Opfer werden. Ich habe übrigens tatsächlich schon Tauben gegessen, wenn auch gegrillt. Bei einer Fahrt nach Paris, die ich als kleiner Junge mit meinem Großvater unternahm, wurde versehentlich Taube bestellt, obwohl eigentlich Hähnchen angedacht war. Soweit ich mich erinnern kann, war dieser Vogel alles andere als lecker.

Lilys Arbeit an der Dissertation und ihr Leben an der Uni spiegelt in Teilen natürlich meine und Oles Erfahrungen wider. Auch haben wir fast alle im Buch auftauchenden Orte schon selbst erkundet (oder zumindest ausgiebig recherchiert). Sie wurden zwar etwas verfremdet, aber ihrem Wesen sind wir immer treu geblieben.

Du hast dich in deinem Autorenleben ja bereits verschiedenen fantastischen Völkchen und Wesensformen gewidmet. Über welche fiktiven Geschöpfe würdest du gerne in der Zukunft einmal schreiben und bei welchen kannst du es dir überhaupt nicht vorstellen?

Thomas Plischke: Ich habe da noch eine ganze Reihe von Ideen für Geschichten um phantastische Kreaturen, aber welche das sind, will ich an dieser Stelle noch nicht verraten.

Wenig Interesse habe ich an rein martialisch geprägten Völkern aus der Fantasy. Geschätzte Kollegen wie Christoph Hardebusch und Michael Peinkofer haben sich da bereits ausgiebig ausgetobt, und das rein Kriegerische liegt mir schlichtweg nicht besonders.

Wird es „Die Zombies“ auch als Hörbuch geben?

Thomas Plischke: Puh, keine Ahnung, ehrlich gesagt. Diese Rechte liegen beim Piper Verlag, und der wird sich darum schon bei Zeiten kümmern. Das Hörbuch ist heutzutage eine tolle Ergänzung zum gedruckten Buch, da viele Menschen inzwischen beim Autofahren oder in der Bahn davon Gebrauch machen.

Ganz persönlich bin ich aber kein echter Hörbuch-Fan. Unsere Lebensgefährtin schwärmt zwar immer wieder davon und hört wirklich viel und gerne Hörbücher, aber ich selbst bin damit bisher noch nicht warm geworden. Mal sehen, kommt ja vielleicht noch …

Ein zweiter Zombie Roman soll bereits in Arbeit sein. Kannst du schon etwas über seinen Inhalt verraten und wann er in etwa erscheinen wird?

Thomas Plischke: Ich vermute mal, dass Teil 2 in knapp einem Jahr erscheinen wird, aber sicher können das nur die Planer im Verlag sagen. Noch ist da nichts spruchreif.

Inhaltlich geht es mit Lily, Gottlieb und Ben weiter. Im Mittelpunkt der Handlung steht diesmal die Familie Berger. Ein zentrales Thema wird der Konflikt zwischen Tradition und Innovation sein, denn Gottlieb will ganz andere Wege gehen, als es bisher der Fall war. Das wäre womöglich sogar noch durchzusetzen, wenn da nicht ein uralter und lange vergessener Feind wäre, der sich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Grab erhoben hat …

Zudem hat man auch von einer Fantasy-Thriller Idee gehört, die du gerade mit Ole ausbrütest…

Thomas Plischke: Da scheint ein kleines Missverständnis vorzuliegen. Das sind zwei unterschiedliche Projekte. Beides sind noch arg ungelegte Eier, sodass ich nicht zu viel verraten will, aber das Fantasy-Projekt ist tatsächlich meine Aussöhnung mit Tolkien. Ich möchte einmal den Genrekonventionen weitestgehend treu bleiben und in ihrem Rahmen eine spannende und trotzdem denkwürdige und außergewöhnliche Geschichte schreiben – wollen wir mal hoffen, dass mir das auch gelingt. Beim Thriller gehe ich (wie man wohl erwarten kann) in eine psychologische Richtung, und wiederum geht es um eine junge Frau. Mehr kann ich aber noch nicht verraten. Eine Herausforderung wird beides auf jeden Fall.

Bisher habe ich sehr stark Genres miteinander vermischt. Bei beiden genannten Projekten versuche ich nun, mich etwas mehr innerhalb des Genre-Gerüsts zu bewegen, anstatt es mit dem Hammer meiner Worte zertrümmern und dann neu errichten zu wollen. Bisher bin ich positiv überrascht, wie angenehm und produktiv es sein kann, einem etablierten Genre neue Seiten abzugewinnen, anstatt ganz fremde Elemente zu integrieren.

Vielen Dank für die tollen und ausführlichen Antworten!

Zur Rezension des Romans: Die Zombies

Thomas Plischke über die Entstehung des Buchcovers: Zombies-Special

Die Homepage des Autors: Thomas Plischke

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