Geheimnisse – gibt es sie noch? Erik Schreiber, Herausgeber des „Phantastischen Bücherbriefes“ und Buchautor, begibt sich in dieser Serie mit versierten Jungautoren auf die Suche nach den letzten Mysterien der Zeit. Auch hier finden sich Trolle, Zauberer und Dämonen. Doch ihr Weg in unsere Welt geht unter die Haut. Es sind die kleinen Frösteleinheiten, die den Blick unters Bett herausfordern, während das Leben scheinbar weiterläuft. Für die erste Anthologieveröffentlichung geheimnisvoller Geschichten konnten die AutorInnen Maximilian Weigl, Petra Jörns, Michael Buttler, Andreas Groß, Holger Kuhn und als „Headliner“ Markus Heitz gewonnen werden.

Markus Heitz kann schreiben, spannend schreiben. Diesen Umstand belegt er in seiner Kurzgeschichte „Fliegenopfer“, dem Eröffner der Anthologie deutlich. Gustavsburg, August 2010. Ein seltsames Lichtspiel in der gegenüber liegenden Villa veranlasst das neugierige Ehepaar Kolling ihr Fernglas zur Nachbarschaftsspionage sinken und zum Telefon greifen zu lassen. In der selben Nacht betritt Jaromir Kaloffke von der Sonderkommission Ritual das Anwesen. Formeln aus der Beschwörungsmagie, mit Kreide auf einen Holztisch gezeichnet, in einer verwüsteten Bibliothek und nur eine Überlebende mit einer unglaublichen, geheimnisvollen Geschichte.

Markus Heitz hält was sein Name verspricht und dieser scheint gerade für Kurzgeschichten fast prädestiniert zu sein. Eine schummrige Atmosphäre in der das Düstere, Unbekannte lauert, verstrickt mit der gespenstischen Stimmung eines Beschwörungsrituals, begangen aus Halbwissen, Neugier, jugendlichem Leichtsinn und einer altersentsprechenden Erlebnisorientiertheit, erschafft der Fantasy Bestsellerautor. Es sollte ein Abend gruseliger und spannender Unterhaltung werden und genau das wurde er auch…
Markus Heitz eröffnet die Anthologie mit einer sehr spannenden Kurzgeschichte, in der es nicht nur phantastisch zugeht, sondern auch actionreich, rasant und höchst dramatisch. Sie fesselt vom ersten Wort an und strebt spannungsgeladen, mit einem Augenzwinkern an das Märchen vom „Rumpelstilzchen“, ihrem dämonischen Höhepunkt entgegen.

Es folgt „Königsmord“ von Andreas Groß und hier ist der Geschichtentitel Programm. Arnac von Hohenfels, ehemals höchst angesehener Ritter des Reiches, steht in Ketten gefangen und in Lumpen gehüllt vor dem Tribunal seiner Majestät. Die Anklage lautet auf das schwerste Verbrechen des Reiches – Königsmord. Arnacs letzte Hoffnung, dem Galgen zu entgehen, besteht in einem Vieraugengespräch mit der verwitweten Königin, um ihr erschütterndes über das Lebens seines verehrten Königs zu offenbaren…

„Königsmord“ ist das, was man unter einer guten mittelalterlichen Kurzgeschichte versteht. Andrea Groß überzeugt durch das Enthüllen eines geheimnisvollen Komplotts im Königshaus, in dessen Zentrum der edle Ritter Arnac von Hohenfels geraten ist. Eindringlich schildert er die Figur des Angeklagten und gibt Stück für Stück den Blick hinter die noblen Kulissen der Königsfamilie, samt ihrer Intrigen und Verschwörungen, preis. Eine Kurzgeschichte die, würde ihr nicht der Makel eines groben logischen Schnitzers anheften, absolut zu begeistern wüsste.

Holger Kuhn führt den Leser in „Fingerbeiß“ zurück in das Jetzt unserer Realität bzw. in eine Realität phantastischer Offenbarungen. Fingerbeiß hat der Hunger auf Menschenfleisch gepackt. Dies ist kein bei ihm einmaliger Vorgang. Alle Trolle werden in Abständen von der Versuchung zarter humanoider Hüftsteaks überwältigt und begeben auf die Jagd, nach dem begehrten Genuss. Fingerbeiß folgt dem grauen Band, welches die Menschen in Blechkisten bereisen, um in schummriger Nacht auf ein grillendes Pärchen zu stossen. Diese Begegnung soll weit mehr für ihn werden, als ein bloßer Hungerstiller…

„Fingerbeiss“ ist schlichtweg höchst amüsante Unterhaltung in einer Fantasy Kurzgeschichte. Der Troll, sein Denken und Handeln, wirkt beinahe natürlich, als erzähle der Autor eine Anekdote aus dem Leben seines Nachbars. Somit macht es nicht nur Spass diesem Geschöpf bei seiner Jagd zu folgen, es offenbart sich auch ein interessanter Charakter hinter dem scheinbar hungergesteuerten Menschenverschlinger. Als besonders gelungenes i-Tüpfelchen präsentiert Holger Kuhn einige trollspezifische Sprachausdrücke und Deutungen der Welt aus Sicht, eben dieser phantastischen Geschöpfe. Eine spannende Geschichte mit Humor und unerwartetem Charme.

„Déjà-vu“ von Michael Buttler entpuppt sich als ein spannendes Familiendrama, eingebettet in die Konkurrenzgeschichte zweier Handelshäuser. Als Antoine vor den verwüsteten Trümmern der Lebensanstrengungen seiner Familie steht und in ihnen die Leichen seiner Geliebten findet, gilt sein Schwur der Rache. Die einzige Überlebende des Mordanschlags ist seine verängstigte Schwester, welche er in einen sicheren Unterschlupf schickt. Mit, durch Verrat, gebrochenem Herzen schleicht Antoine durch die Nacht, seiner Liebe ihren Vater und dem Mörder seiner Familie das Leben zu nehmen…

Michael Buttler hat eine Kurzgeschichte geschaffen, welche zwischen Liebe und Verzweiflung pendelt. Eine Geschichte der grossen Gefühle und des Abgrunds eines persönlichen Schicksals. Keine Spur von Schwülstigkeit und Gefühlsduselei, dafür gibt der Autor eine spannende Geschichte, mit einem bösen Erwachen, zu besten.

Petra Jörns wendet sich in „Die Macht der Götter“ dem Romantischen zu und bettet dies in den tiefen, kriegerischen Zwist zweier Brüder ein. Edaine steht kurz vor ihrer Hochzeit mit Molan. Die Treffen mit dessen Bruder Neas müssen heimlicher werden und die Verzweiflung, ihrer Liebe vollends entsagen zu müssen, nagt unaufhörlich an dem Liebespaar. Neas und Edaine flüchten überstürzt in die Abgelegenheit des Hochlands, zu einem Cousin der Braut. Doch Neas Bruder ist ihnen auf der Spur und bereit mit dem Schwert seine Vermählung zu erzwingen…

Petra Jörns führt eine schöne Liebesgeschichte in ein spannendes Abenteuer aus Flucht und der Bereitschaft zum Brudermord. Doch damit nicht genug, haben auch die Götter ihre Finger im Spiel und bei ihnen handelt es nicht um die Göttin der Liebe. Nach und nach verdunkelt sich diese phantastische Kurzgeschichte zu einem schicksalhaften Abenteuer seiner Akteure. Durch ihre unvorhersehbare Entwicklung kann hier von einer romantischen Erzählung der ganz besonderen Art gesprochen werden, welche Fantasy Leser begeistern wird.

Den Abschluss der Anthologie „Geheimnisvolle Geschichten“ bildet Erik Schreiber selbst mit „Spielen wir Marslandung“. Äusserst angenehm gestaltet sich der Umstand das der Herausgeber seine Geschichtensammlung nicht als Plattform benutzt um sich und sein Können in den Vordergrund zu drängen. Stattdessen erzählt der Autor eine kurze fiktive Anekdote, oder doch eine weise Voraussicht auf zukünftige Ereignisse? „Spielen wir Marslandung“ bildet einen sehr schönen und gelungenen Abschluss dieser Anthologie, welche wahrlich Lust auf mehr gemacht hat und durch ihre exzellente Auswahl an Geschichten und AutorInnen ein fantastisches Lesevergnügen geworden ist.

Mehr zu dem Buch: Geheimnisvolle Geschichten

Buchfakten:
Geheimnisvolle Geschichten. Anthologiereihe von Erik Schreiber.
Wunderwaldverlag
148 Seiten, Softcover
ISBN 978-3-940582-29-4

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