Mit „Streuner“ präsentierte Manuel Charisius seinen wölfischen Debütroman und „Magischen Bestseller“ in dem Verlagshaus Heyne. Mit ihm eröffnete er der Fantasy Welt das Volk der Streuner und das Land der Sieben Könige.
Erfreulicherweise hat sich Manuel Charisius bereit erklärt ein paar Fragen zu seinem Buch, dessen Entstehung und Fortsetzung zu beantworten, sowie über seine mögliche Lebensweise im Mittelalter, traditionsreiche Erzählkünste, die Faszination von Mischwesen, den Tod der makellosen Helden uvm. zu berichten.

Viel Spass mit dem Interview mit Manuel Charisius!

Im März 2009 standest du als ein Gewinner der Heyne Ausschreibung um den Magischen Bestseller fest. Unter 1402 eingereichten Manuskripten wurde Streuner geehrt und im Juli 2010 als Roman, als der Magische Bestseller, veröffentlicht.
Wie war deine Reaktion damals auf die Juryentscheidung und wie hat es sich angefühlt das erste Exemplar deines eigenen Buches in den Händen zu halten?

Vierzehnhundert Einsendungen! Ich kann’s noch immer kaum fassen … Natürlich war ich hocherfreut, als der Anruf von Heyne kam, ich sei im Finale. Als es dann „nur“ für den dritten Platz reichte, stellte sich im ersten Moment Ernüchterung ein, aber wer die Minuten der Preisverleihung bei YouTube gesehen hat, weiß ja jetzt, dass Bernhard Hennen richtig lag mit seiner Prognose bezüglich der dritten Plätze. 😉 Außerdem ist mit Victoria Schlederers Des Teufels Maskerade völlig zu Recht ein herausragendes Werk prämiert worden, dessen Lektüre ich nur wärmstens empfehlen kann!

Aber zurück zu STREUNER. Das fertige Buch schließlich in Händen zu halten war ein angenehm papiernes Gefühl, das in Kombination mit dem Duft druckfrischer Seiten einen schwer zu beschreibenden Gemütszustand irgendwo zwischen leicht high und schwer begeistert hervorrief.

Als Debütautor mag es sein das du noch nicht jedem Fantasy Freund bekannt bist. Wer verbirgt sich hinter dem Namen Manuel Charisius und wie bist du zum Schreiben gekommen?

Manuel Charisius ist kein Pseudonym, falls die Frage die Vermutung implizieren sollte. Ich heiß wirklich so. Als Jugendlicher galt ich bei meinen Mitschülern wohl ein bisschen als Außenseiter und Träumer, heute schätzen mich meine Freunde als einen, der seinen Traum lebt. Im Mittelalter wäre ich wohl ein fahrender Spielmann, Schauspieler, Troubadour oder so geworden; heutzutage schreibe ich halt. Das allerdings erst seit meiner späten Schulzeit. Es klingt paradox, aber mit Erzählaufsätzen und dergleichen tat ich mich früher immer schwer! Entsprechend ungelenk fielen auch meine ersten, durch massenhafte Lektüre inspirierten eigenen Schreibversuche aus. Im Rückblick kann ich ganz gut damit leben, dass alle Manuskripte, die ich vor STREUNER verfasst habe, von sämtlichen Verlagen abgelehnt wurden. Da ich aber kein Mensch bin, der die Dinge (vor)schnell aufgibt, blieb ich am Ball – und merkte, dass ich mit der Zeit durchaus Fortschritte machte.

Das abrupte Erkranken und Sterben meiner älteren Schwester im Jahr 2003 riss dann nicht nur ein klaffendes Loch in die bis dahin intakte Sphäre unserer Familie, sondern brachte mich in einem jahrelangen Prozess des Trauerns und Grübelns auch zu einer (vorläufigen) Antwort auf die Frage, was ich in und mit meinem Leben anfangen will: Schreiben. Und natürlich gelesen werden.

Welche Bedeutung hat Fantasy Literatur, als Leser und Autor, für dich?

Ich halte die Fantasy für eine der traditionsreichsten und damit der für die Menschheit wichtigsten und wertvollsten Spielarten der Erzählkunst. Es ist kein Zufall, dass vielen für die heutige Fantasy typischen Elementen sozusagen Vorbilder in den ältesten überlieferten mythischen Stoffen zugrundeliegen. Man denke nur etwa an die germanischen und griechischen Heldensagen, die nordischen Sagas, die Artuslegenden und so weiter. Schon vor tausend Jahren hat eine Geschichte am winterlichen Kaminfeuer, die von Drachen handelte, offenbar mehr Interesse geweckt als eine über den Pflugochsen im Stall nebenan.

Vielleicht rührt es daher, dass ich schon in meiner Jugend lieber mit Bastian Balthasar Bux in den Haulewald eintauchte oder mit Frodo in Richtung Schicksalsberg aufbrach, als meine Zeit mit „pädagogisch wertvollen“ Problembüchern zu verschwenden.

Als ich dann irgendwann selbst den Stift (bzw. die Tastatur meines damaligen 486ers) in die Hand nahm, lag es nur nahe, ebenfalls eine sekundäre phantastische Welt mit ihren eigenen Gestalten und Gesetzen zu erschaffen und davon in epischer Breite zu erzählen. Bis heute kann ich mir nicht vorstellen, jemals damit aufzuhören.

Mit den Streunern hast du ein eigenentwickeltes Volk in den Mittelpunkt deines Romans gestellt. Wie sind diese wolfsähnlichen Wesen entstanden?

Mischwesen und Gestaltwandler faszinieren mich schon lange. Als die Plotidee zu STREUNER entstand, wusste ich nur, dass die Hauptfigur ein anthropomorphes Wesen mit Schnauze und Fell und ohne die Fähigkeit zur Verwandlung sein sollte. Außerdem stand zu Beginn der Arbeit am Manuskript fest, dass die Streuner gute Nasen und Ohren haben würden. Sehr bald sind dann Fein- und Eigenheiten wie der (auch) vierbeinige Gang, Schwänze, der Schnuppergruß und natürlich der für die Streunerschaft prägende Komplex aus sozialer Struktur und mythischem Hintergrund hinzugekommen.

Wolf von Tanár, die Hauptfigur der „Streuner“, schickst du auf die vermeintliche Fährte des meuchelnden Königsmörders. Wie ist es zu der Idee der Palastmorde, eines inneren Feindes, gekommen, dessen heimtückisches Wirken die Sieben Königreiche erschüttert?

Die Vorstellung, dass ein einzelnes Individuum zufällig vom geplanten Umsturz der bisherigen Weltordnung erfährt, dass es mit diesem Wissen umgehen und daraus Konsequenzen ziehen muss, treibt mich ebenfalls schon seit langer Zeit um. Herkunft und tatsächliche Identität des „Schnitters“ (die ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten werde) waren mir ursprünglich allerdings genauso schleierhaft, wie sie es Wolf zu Anfang des Romans sind! Der Antagonist hat sich parallel zu den Hauptfiguren und dem Volk der Streuner entwickelt, gab quasi immer mehr von sich preis, bis dann zum Abschluss der Planungsarbeiten – die übrigens bis weit in den Schreibprozess des Manuskripts hinein andauerten – alle Puzzleteile wunderbar zusammenpassten. Den Showdown zwischen Wolf und dem „Schnitter“ zu verfassen war denn auch schließlich geradezu ein Spaziergang (für mich, nicht für Wolf)!

Lag ein Reiz der Geschichte auch in der Gegenüberstellung / Konfrontation eines Tavernengängers und „Strassenköters“ mit der schillernden, durchprotokollierten Welt der Paläste?

Absolut! Was hatte ich einen Spaß daran, Wolfs Begegnungen mit Vertretern der Herrschaftsordnung, mit Skriptoren oder den ihm anfangs noch sehr entfremdeten Militärkameraden zu beschreiben! Außerdem ergab sich gerade aus dieser Diskrepanz der unterschiedlichen Welten, in denen die Figuren leben, oft genug ein gewisses Konfliktpotential – und nicht zuletzt sorgte sie mitunter sogar für komische Momente. Man denke nur an Wolfs naiv-unbeholfenen Auftritt bei General Várun oder an seine Unterhaltung mit Nachtschatten kurz nach der Schlacht um Hylándia; nicht zu vergessen seine sich langsam anbahnende, unausweichliche Entwicklung hin zu … Halt, das verrate ich besser nicht. 😉

Wolf könnte ein strahlender Schwarzfell Held sein, wenn da nicht seine heftige Eifersucht wäre. Er hat eine Lebensgefährtin, die er liebt, scheut sich jedoch nicht eine Romanze mit einer verführerischen felllosen Frau einzugehen. Warum diese Abkehr vom glanzerfüllten, tugendhaften Dasein eines vorbildlichen Helden?

Gegenfrage: Sind glanzerfüllte, tugendhafte, vorbildliche Romanfiguren nicht vor allem eins – unendlich langweilig? Selbst ein Aragorn hat seine Momente des Zweifels, der inneren Zerrissenheit (Tolkien hat nicht versäumt, sie wenigstens anzudeuten)! Makellose Helden sind tot. Sie atmen nicht.

Kennt nicht außerdem jeder von uns Momente und Phasen im Leben, in denen wir von einem Versuch zum nächsten Irrtum stolpern, wo wir unsere vermeintlich so ehernen Prinzipien in ihren Grundfesten erschüttert sehen – oder wo die Welt selbst für uns in sich zusammenzufallen scheint wie die Pappkulissen einer billigen Theaterbühne? Dieser Zerrissenheit, dieser real erfahrbaren Macht- und Heimatlosigkeit erlaube ich mir hin und wieder meine Romanfiguren auszusetzen. Damit sie lebendig werden. Damit sie atmen.

Neben den Streunern sind auch die Scherenschrecken eine Eigenkreation, welche jedoch eine Nebenrolle in deinem Magischen Bestseller spielen. Werden diese eigenwilligen Geschöpfe in Zukunft eine zentralere Rolle in deinen Werken einnehmen können und wie kam es zu ihrer Erschaffung?

Rikkulin ist ein Eindringling. Der typische Plotaufmischer. Er war nicht geplant, stand einfach plötzlich im Raum und beschloss, sich vor Wolf und mir in Szene zu setzen. Und das hatte er wirklich drauf! Alle seine Passagen, inklusive denen gegen Ende des Romans, sind mir schreiberisch sehr leicht von der Hand gegangen. Vielleicht liegt das am comic relief, das die Figur der Scherenschrecke fraglos garantiert; für einen eigenen vollständigen Roman wäre das möglicherweise jedoch nicht tragfähig genug. Aber mal sehen … ein paar Geheimnisse haben Rikkulin und sein Volk durchaus noch auf Lager!

Das Fantasygenre hat seit seinem Bestehen die unterschiedlichsten Kreaturen und Wesen hervorgebracht. Welchen Reiz haben selbstentworfene Völker und ihr Entstehung als solche, gegenüber den Klassischen, für dich?

Selbst wenn man sich als Autor altbekannter phantastischer Völker und Kreaturen annimmt, tut man meiner Meinung nach gut daran, ihnen einen neuen Aspekt, eine unverwechselbare Note zu verleihen. Fantasy, die bloß schon Dagewesenes wiederkäut oder mit reinen Schablonen arbeitet, ist für mich wie schales Bier. Außerdem will ich beim Schreiben ja auch selber etwas Neues entdecken. Wie die Streuner aussehen, wie sie sich verhalten, wie sie arbeiten und leben, was sie in sozialer, historischer und mythologischer Hinsicht prägt – all das (und mehr) hat sich parallel zum Plot entwickelt und ihn unendlich bereichert. Zum Glück, denn ich selbst erwarte von mir als Autor das Besondere, und ich denke, die Leser wohl auch. 🙂

Über welche, auch selbstentwickelte, fantastische Wesen würdest du gerne einmal schreiben und welche könntest du dir gar nicht als Romanfiguren vorstellen?

Seit meinen ersten Schreibversuchen habe ich, wie schon angedeutet, ein besonderes Faible für Gestaltwandler. Gut möglich, dass ich irgendwann zu ihnen zurückkehre – wobei auch das Potenzial der Streuner mit diesem einen Roman noch keineswegs voll ausgeschöpft ist! Ansonsten wäre ich nicht abgeneigt, irgendwann einmal Drachen oder Zauberern einen eigenen Roman zu widmen.

Weniger vorstellen könnte ich mir beispielsweise über Vampire zu schreiben. Für deren Wesenszüge fehlt mir irgendwie die Faszination …

Wie viel Zeit es hat in Anspruch genommen den Roman von einer ersten Idee bis zum fertigen Bestseller zu erschaffen?

Bestseller, na ja –  hoffen wir’s mal. 😉 Am Manuskript habe ich (mit Pausen) anderthalb Jahre geschrieben, danach kam mindestens ein weiteres halbes Jahr Überarbeitungszeit hinzu. Bis es dann mit der Veröffentlichung geklappt hat, ist nochmal ziemlich viel Wasser den Schattenstrom hinuntergeflossen. Insgesamt stecken in STREUNER fast vier Jahre harte Arbeit. In dieser Zeit sind mir buchstäblich die ersten grauen Haare gewachsen!

Wenn du eine deiner Figuren persönlich treffen könntest, welche wäre es und warum?

Sie wäre natürlich ein Streuner. Zilber zum Beispiel. Zum einen ist er einfach cool, zum anderen sagt er an einer Stelle des Romans sinngemäß, dass ein Streifzug durch die Wildnis mit ihm eine kurzweilige Sache sei. Das glaub ich ihm nach all den Abenteuern in STREUNER aufs Wort!

Zum Abschluss verrate uns doch bitte ein wenig über deine zukünftige schriftstellerische Planung. Woran arbeitest du gerade und wird es einen zweiten Streuner Roman geben?

Zur Zeit arbeite ich – wie könnte es anders sein – an einem neuen Fantasy-Roman, der im Gegensatz zu STREUNER allerdings in einem eng umgrenzten Setting spielt und um einiges ernster und düsterer zu werden verspricht. Außerdem hat eine direkte STREUNER-Fortsetzung die Planungsphase schon hinter sich. Es bleibt abzuwarten, was die Gespräche mit dem Verlag ergeben werden. Ich bin selber gespannt wie ein Flitzebogen!

Vielen Dank für die tollen Antworten!

Danke ebenfalls, hat Spaß gemacht! 🙂