Als der junge Jardir in den Wirren des Basars aufgegriffen wird, ahnt er noch nicht, welch Märtyrium ihm bevor steht und doch folgt er gehorsam dem Ruf der Ehre. Für ihn beginnt die Tortur einer Ausbildung zum Krieger, welche mit Peitsche und erzwungenem Verzicht geführt wird. Doch der Wüstenjunge lernt schnell und weiss sich durchzusetzen, so dass seine Entwicklung ihn zu einem Kämpfer heranwachsen lässt, der die Welt in Schrecken versetzen wird.
Als ihm in den Gruben, zwischen gefangenen Dämonen, sein nordländischer Freund und Kurier, der Par’Chin, einen mit Kampfsiegeln versehenen Speer zeigt, ist Jardir klar, das diese Waffe ihn zum Erlöser, zum Führer des heiligen Krieges, machen kann…

Arlen, der tätowierte Mann, zieht durch die Dörfer des Nordens, um die wiederentdeckten Kampfsiegel unter die Menschen zu bringen und sie im Gefecht gegen die Horclinge zu unterstützen. Als Erlöser von den einfachen Menschen verehrt und den Machthabern gefürchtet, spürt er wie wenig Zeit ihm noch für diese Aufgabe bleibt. Der Ruf des Horcs wird stärker, das Gehen auf siegelgeschützen Strassen immer schwerer, das Sonnenlicht stetig greller in seinen Augen. Der Horc öffnet seine Pforte für Arlen und Nebel umwirbelt seinen Körper, doch dann erfährt der tätowierte Mann von einem gewaltigen Kriegszug aus der Wüste, gen Norden und an dessen Spitze reitet ein Mann, dem er einst Vertrauen schenkte. Jardir, der ihm den Siegelspeer entrissen und in der Wüste ausgesetzt hatte. Eine Konfrontation der beiden Erlöser und ehemaligen Freunde scheint unvermeidbar…

Peter V. Brett beginnt den zweiten Teil seiner Dämonenreihe mit einem Zeitsprung in die Vergangenheit und Kindheit Jardirs. So stellt sich das erste Drittel von das Flüstern der Nacht als Entwicklungsroman in der arabisch nachempfundenen Wüstenmetropole Fort Krasia dar. Hier eröffnet der Autor eine gnadenlose Kastengesellschaft und lässt in ihr den jungen Jardir zu einem Krieger herandrillen. Wer märchenhaften Wüstenflair a la 1001 Nacht sucht, dürfte hier kaum findig werden, zu unerbittlich stellt sich der tägliche Überlebenskampf im Herzen der Wüste dar, als das ein romantisches Bild exotischer Sandweiten aufkommen könnte. Doch dieser Rückgriff in der Zeit erweist sich als durchaus spannend und interessant, obwohl natürlich ein wenig Geduld mitgebracht werden muss.
Den zweiten Teil des Romans füllen Arlens und Leeshas Erlebnisse, die in ihren Turbulenzen und Abenteuern kaum denen von Jardir nachstehen. Natürlich lässt das Effektmoment der aufsteigen Dämonen des Nachts mit dem Roman nach, doch Peter V. Brett weiss dieses sehr gut durch seine Gesellschaftsbauten zu kompensieren. So vervollständigen sich zwei unterschiedlich und gegensätzlich wirkende Kulturen, welche jedoch als herausstechende Gemeinsamkeit das Tolerieren sexueller Gewalt besitzen. Bleibt diese in den nördlichen Gegenden auf die Vergewaltigung und den Missbrauch von Frauen beschränkt, weitet sie sich in den Wüstengefilden als Demütigungsakt auch gegen Männer aus. Wie bereits im Vorgänger Das Lied der Dunkelheit informiert der Autor auch in Das Flüstern der Nacht über das Sexualleben, die Potenz und Fruchtbarkeit beinahe jeder Figur, schafft es jedoch dieses in einen sinnvolleren Zusammenhang zu setzen.

Das Flüstern der Nacht entpuppt sich als Zwischenband, der sein Augenmerk auf die Geschichte und Entwicklung der beiden Figuren Jardir und Arlen fokussiert hat. Hier wird nichts kaschiert oder schön geschrieben, Peter V. Brett zeigt realistische Gesellschaften in einem Fantasy Roman auf, die detailliert durchdacht sind und zu fesseln wissen. Wer ein wenig Geduld investiert, wird mit einem epischen Abenteuer belohnt, das sich als eigenständige High Fantasy herausstellt, mit Intrige und Verrat gespickt wurde und sich traut einen „Clash of Cultures“ herbeizuführen, der unübersehbar von aktuellen politischen Geschehnissen beeinflusst wurde.

Peter V. Bretts „Das Flüstern der Nacht“ – Ein spannendes, gnadenloses Zwischenspiel im Krieg gegen die Dämonen. Ein Roman, der kein Blatt vor den Mund nimmt und dadurch zu überzeugen weiss. Epische Fantasy mit ein wenig Magie, Erotik, reichlich Blutvergiessen, gerissenen Intrigen und eindrucksvollen Figuren.

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Buchfakten:
Peter V. Brett
Das Flüstern der Nacht
Originaltitel: The Desert Spear
Originalverlag: HarperVoyager
Aus dem Englischen von Ingrid Herrmann-Nytko
Paperback, Klappenbroschur, 1008 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-52611-2
Verlag: Heyne