Japanische Phantastik ist heute nicht mehr eine exotische Nische, die nur wenige Leser findet. Spätestens seit dem weltweiten Erfolg des Autors Murakami Haruki stellt sie ein global verbreitetes Genre dar – ab dem 5. Oktober 2010 wird der große neue phantastische Roman des Meisters in deutschen Buchläden erhältlich sein; der Verlag erklärt den September zum Monat des freudigen Wartens auf 1Q84, der Trilogie Murakamis, die in Japan bereits exorbitant hohe Verkaufszahlen erzielt hat.
Während die japanische Phantastik sich auf diese Weise mit dem Erfolg von »Harry Potter« misst, gibt es in ihr auch noch zahlreiche unentdeckte Texte und Autoren.

Vormoderne Phantastik wartet mit den faszinierenden Stücken des Nô-Theaters auf, umfasst einen reichen Schatz an Mythen und Legenden, und die moderne Phantastik Japans lässt Geister, Schamaninnen und verlorene See­len auftreten. Ein Gegenwartsautor wie der Nobelpreisträger Ôe Kenzaburô spielt in seinen Texten mit der Präsenz magischer Räume, und auch die Genres Manga und Light Novel verorten ihr Geschehen häufig in Anderswelten.

Die diesjährigen 30. Wetzlarer Tage der Phantastik, die gemeinsam von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar und der Japanologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M. veranstaltet werden, widmen sich Japan und seiner reichen Tradi­tion des Phantastischen. Beispiele aus der klassischen Phantastik illustrieren diese Tradition ebenso wie die Berichte über unheimliche und seltsame Orte in zeitgenössischen Texten von faszinie­renden japanischen literarischen Phantasien. So kommen wir eventuell zu dem Schluss, dass die Japaner die Meister der Phantastik sind, Grenzgänger, Ex­zentriker, Träumer und überzeugte Adepten der anderen Welt, in die sie gerne flüchten, wenn sich die Gegebenheiten der Realität als zu niederdrückend erweisen, mit der sie aber auch die Realität spiegeln.

In das japanische »Schattenreich« entführt am Eröffnungsabend eine Lesung der unheimlichen Kurzgeschichten des Autors Uchida Hyakken. Ursula Gräfe wird aus der Übersetzerkammer ihre frische Übertragung von Mu­rakamis »1Q84« vorstellen und erste Textpassagen lesen – noch bevor der Roman offiziell im Buchhandel erscheint. Als sehr willkommenen Gast werden wir am Sonntag die bekannte bilinguale Schriftstellerin Tawada Yôko erleben, die in ihren Arbeiten phantastische Inhalte mit japanisch-deutschen sprachlichen Verfremdungseffekten kombiniert. Mit ihr können wir über die Intentionen japanischer Phantastik zwischen Modernekritik und künstlerischer Überwindung der Realitätsfesseln diskutieren. Dies ermöglicht, ebenso wie die zahlreichen fundierten japanwissenschaftlichen Beiträge, einen Blick auf Japans Literatur jenseits exotistischer Klischees – einen zeitgemäßen Blick auf die japanische Kunst der Phantasie.

Die Form des Symposions ist wieder eine gewogene Mischung aus Vorträgen, Lesungen, Ausstellungen und vor allem vielen Gesprächen. Und am Sonntag wollen wir die Tagung wiederum mit einem Literarischen Salon beschließen: Lesung und Gespräch in einer Runde, die mit ausgewählten und frisch zubereiteten kulinarischen Köstlichkeiten aus der japanischen Küche aufgelockert wird.

Nô-Theater, Manga und Nobelpreisträger – Eine Exkursion in japanische Anderswelten. Literarisches Symposion der Phantastischen Bibliothek Wetzlar und der Japanologie der Goethe-Universität Frankfurt a.M.
Die 30. Wetzlarer Tage der Phantastik finden vom 9. bis 12. September 2010 statt.
(Quelle: Phantastische Bibliothek Wetzlar)

Mehr zu den Tagen und dem interessanten Programm: Phantastische Bibliothek Wetzlar

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