Der Puppenmacher ist jemand der einem Angst macht, obwohl eigentlich nichts Bedrohliches an ihm auszumachen ist. Es ist die Art von Angst, welche entsteht, wenn man weiss das ein Gegenüber zu mehr fähig ist, als der Einschein glauben machen will; eine düstere Vorahnung und finstere Gewissheit. Wenn die Läden des kleines Ladens geschlossen sind, begibt sich der Puppenmacher an seine Werkbank, an winzige Zahnräder und Schrauben, so klein, das er sie unter einer Lupe eindrehen muss. Doch das grösste Werk des Puppenmachers ist noch nicht vollendet, zu schnell starben die Herzen der unzähligen Vögel, kaum das sie in die Puppen eingebracht waren. Doch heute Nacht hat er den Schlüssel gefunden, seine Puppen mit einem schlagenden Herzen zu versehen…

Als Mathias Grossvater stirbt, liegen bereits ein paar Jahre der Wanderschaft und Schaustellerei hinter dem Jungen. Mit den zwei Wagen, an welchen die Farbe abblättert, sind sie über Land gefahren, haben Kunststücke präsentiert und sich so über Wasser gehalten. Mathias war das schwächste Glied in der Kette dieser Reisegemeinschaft und dementsprechend fiel seine Behandlung auch aus. Man sollte meinen, wenn die Künstler schon von ihrem Direktoren und seiner aufgedonnerten Frau um den Lohn betrogen und stets wie Diebe gemustert wurden, gäbe es so etwas wie Solidarität und Zusammenhalt unter den Leidtragenden. Doch weit gefehlt. Unter der Oberfläche schillernder Kostümierungen, atemberaubender Tricks und farbenfrohen Spektakels gärte ein fauler Kern aus Grausamkeiten und Erniedrigungen, die in den meisten Fällen Mathias trafen.
Der Tod des alten Bühnenmagiers traf Mathias überraschend, wenn er sich doch angekündigt hat. Weit weniger zu erwarten waren jedoch die Begehrlichkeiten seines wenigen Hab und Gutes, welche nicht nur bei dem Zirkusdirektor geweckt waren. Mathias Grossvater hatte ein Geheimnis und dieses über all die Jahre streng gehütet, doch als ein unscheinbares Papierknäuel aus dem Besitz des Magiers in Mathias Hände fällt, beginnt für den Jungen eine erschöpfende Flucht in das finstere Herz der Nacht, einen mächtigen fremden Jäger an seinen Fersen…

Jeremy de Quidts Debütroman um den jungen Zauberlehrling Mathias ist in dem England des 18. / 19. Jahrhunderts angesiedelt und schafft es diese Atmosphäre auch wunderbar einzufangen, mit samt ihren bedrohlichen und schattigen Zügen. Wer bei Zauberlehrling auf einen zweiten Harry Potter tippt, ist hier erfreulicherweise einem Trugschluss erlegen. Finsterherz ist ein Fantasy Roman für Leser ab 12 Jahren, der kein Fantasy Feuerwerk abbrennt und auch kein behütendes Heim der magischen Wunder kennt; er ist ein Roman, der auf den Strassen und Hinterhöfen, in den Wäldern und rauen Wirtshäusern spielt. Das Buch entpuppt sich deutlich stärker als englische Schauergeschichte, denn als typischer Jugend Fantasy Roman und schafft es mit diesem Schliff zu überzeugen. Jeremy de Quidt eröffnet, dem Alter der Leserzielgruppe entsprechend, einen Blick auf das England am Anfang der europäischen Moderne und verziert dieses mit klassischen Motiven schauriger Geschichten. Sei es der alte Bastler, der mit Leben und Tod experimentiert, eine Kutschfahrt in dunkler Nacht, während an den Türen die Wölfe kratzen,  das Bild einer Puppe, deren Kopf sich um 360° dreht und die mit ihren künstlichen Wimpern klimpert oder die böse Schwiegermutter in leicht abgewandelter Form, dem Autor gelingt es mit einfachen Mitteln eine eindringliche Atmosphäre zu erschaffen, ohne sich jedoch zu einem Übermass an offener Brutalität hinreissen zu lassen.

Die Figuren, beginnend mit dem mittellosen und gehetzten Mathias, sind liebevoll gezeichnet, mit interessanten Eigenheiten, die durchaus nicht in jedem Roman anzutreffen sind. Mit durchgehender Spannung und eingebettet in eine mysteriöse, geheimnisvolle Grundstimmung legt Ravensburger mit Finsterherz einen fantastischen Kinder- und Jugendroman vor, der sich abseits leichter Kost bewegt, jedoch junge Leser nicht überfordert. Eine Geschichte um die Gier und Grausamkeiten Erwachsener und den Mut der Verzweiflung eines Jungen und seiner aufopfernden Freundin. Jeremy de Quidt hat einen finsteren Roman geschaffen, dessen Ende etwas zu hastig vollzogen wird, jedoch mit einer sehr schönen magischen Geschichte.

Jeremy de Quidts „Finsterherz“ – Ein fantastischer Schauerroman für Leser ab 12 Jahren, der mitfiebern und -fürchten lässt, ein spannendes Abenteuer enthüllt und der Machtlosigkeit eines Kindes, den Mut junger Freundschaft entgegenstellt. Ein Buch um einen Zauberlehrling, wie es unerwarteter kaum sein könnte.

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Buchfakten:
Jeremy de Quidt
Finsterherz
gebunden, 286 Seiten
Ravensburger Buchverlag
ISBN: 978-3-473-35328-6

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