Nach den fünfundzwanzig Sonnenwenden seit der Schlacht am Rayhin ist der Kontinent Ell wieder aufgeblüht. Unter der Regentschaft des ehemaligen Todeshändlers Jafdabh erstrahlt die Klan Stadt Tut-El-Baya in neuem Glanze, doch im Land der Rachuren brodelt der Zorn der Saijkalsan Hexe Rajuru und mit Hilfe des Todsängers Nalkaar gelang es ihr nicht nur ein Drachenchimärenheer zu züchten, sondern auch dem gefürchteten Schlächter Grimmgour zu neuem Leben zu erwecken. Die Rachuren ziehen von Rache getrieben erneut in einen Vernichtungskrieg gegen die Nno-bei-Klan. Doch der einstige Held vom Rayhin, Madhrab hält sich verborgen in den Sumpflanden, seit seiner Flucht aus der Folter des Bewahrer Ordens…

Während die Rachuren in ihren tief gelegenen Brutstätten das Heer der Drachenchimären gezüchtet haben, die Saijkalrae Brüder des Gleichgewichts, der weisse Schäfe und der dunkle Hirte, sich nach der Zeit der Dämmerung, zurückzogen, vernahmen sieben Auserwählte den Ruf einer uralten Prophezeiung des Lesvaraq und ehemaligen Ziehvaters der Saijkalrae Ulljan. Sieben Streiter alten Blutes werden in der Lage sein, so sie denn eine Gemeinschaft bilden, das verschollene magische Buch des Ulljan zu finden. Während die Klan sich in Zwistigkeiten ereifern und nur Jafdabh mit seiner tödlichen neuen Erfindung der Gelwaas, sowie eines Luftschiffes, Hoffnung auf einen Sieg gegen den Rachuren- und Chimärenansturm verbreiten kann, steht die Zusammenkunft der Sieben unter dem schlechtem Stern.
Tomal, Schüler des freien Magiers Sapius, der doppelt gezeichnete Lesvaraq, liegt im inneren Zwiestreit zwischen Licht und Dunkel gefangen, dem Wahnsinn nahe, bricht er, ganz seinem hitzigen Gemüt entsprechend, eigenständig zu einer Suche des Buches auf, in die sagenumwobenen Gestade des verlorenen Volkes der Maya und die Schatten ihres grausamen Schicksals. Sapius wird von seinem impulsivem Schüler, vor dessen Aufbruch, eine Aufgabe auferlegt, deren Erfüllung der freie Magier zwar energisch zurückweist, doch die Nacht in seinen Augen blitzt dunkel auf und lauert geduldig auf den Moment des Zuschlagens. Die Orna Elisha kehrt in das Haus ihres Ordens zurück, da der Hilferuf der Schwestern sie selbst im widrigen Sumpfland ereilt hat und findet ihr Zuhause in erschreckendem Zustand wieder. Doch es ist nicht nur der Verfall der alten, ehrenwerten Tradition der Ornas, welche Elisha erschauern lassen. Auf sie wartet eine Strafe für ihr Vergehen an den Ordensregeln durch den Bund mit dem Bewahrer Madhrab und zur Freude einiger Schülerinnen, fällt diese Bestrafung lebensbedrohlich aus.
Madhrab kehr in die Klanlande zurück und betritt die Hauptstadt Tut-El-Bay auf Ruf ihres Regenten hin. Ein Bündnis gegen den Rachurenmarsch soll geschmiedet werden, doch mit dem legendären Kämpfer vom Rayhin, hat Jafdabh einen ganz anderen Plan. Der Prinz der Felsgeborenen Vargnar und sein pelziger Echsenfreund Goncha betreten die Totenstadt der Tartyk, in welcher Nalkars Gesang wütete, und treffen auf ein Heer ruhender Seelenloser. Renlasol, einst Knappe von Madhrab und Reisebegleiter von Sapius, ist zum Fürsten aufgestiegen, doch das  Zusammentreffen mit seinem einstigen Feldherren bereitet Renlasol nicht die geringste Freude. Das Mal des Bluttrinkers Quadalkar tritt stärker auf seiner Haut hervor und den jungen Fürsten quält die Aussicht in Madhrabs Schatten wieder nur der plumpe Handlanger zu sein.

Mit Das verlorene Volk legt Hohlbein-Preisträger Bernd Rümmelein den vierten Band seiner Kryson Saga vor und geht gewohnt unerwartete Wege in ihm. Die Schlacht am Rayhin liegt in den Köpfen vieler Klan weit zurück, die Erinnerungen an das Blutbad und die anschliessende Seuche sind verdrängt. Nur der ehemalige Todeshändler ist seinem Streben treu geblieben, den Krieg mit immer neuen Spielzeugen zu beliefern und sorgt in den Klanlanden für eine Revolutionierung in ihren Waffenkammern. Seine Erfindung von Gewehr und Kanone leutet den technischen Fortschritt auf Ell ein, der sich nun auf dem Schlachtfeld mit der Kraft der Magie zu messen hat.

Das verlorene Volk erzählt das Leben seiner über den Kontinet verstreuten Figuren und greift nochmal zurück auf die vorherigen Bände, was ein Einsteigen in die Handlung des vierten Buches weniger mühevoll gestaltet. Mit der erneuten Kriegslust der Rachuren, aber insbesondere der Suche der Sieben nach dem Buch des Ulljan, wird Kryson 4 zu einem quasi Auftaktband der zweiten Epoche der Reihe. 25 Sonnenwenden liegen seit der Schlacht am Rayhin zurück, die einst jungen Helden wie Renlasol, sind gealtert und von ihren Schicksalen gezeichnet. Hier muss ganz deutlich gesagt werden, die Figuren sind nicht mehr dieselben Persönlichkeiten wie in den ersten Bänden. Ein neues Zeitalter bricht auf Kryson an und Das verlorene Volk schafft es eindrucksvoll genau diese Atmosphäre auch zu vermitteln.
Der Auftakt zu einer neuen Epoche, zu einer endgültigen Zuspitzung des Konflikts zwischen Licht und Dunkel wird mit diesem Roman gelegt und Bernd Rümmelein tut dies erneut mit grossen, cineastischen Bildern und Einfühlungsvermögen in seine Charaktere. Was allerdings zu überraschen weiss, alles andere als üblich in der Welt der Fantasy Literatur ist und sich doch sehr harmonisch in die Geschichte Krysons einfügt, ist die Abkehr relevanter Figuren von ihrem Status der Sympathieträger. Hier werden die meisten Leser ihr Verhältnis zu einem Teil der Helden vom Rayhin deutlich überdenken und neu ausloten. Doch diese Entwicklung passt schlichtweg zu Bernd Rümmelein, der sich in der bisherigen Kryson Reihe stets dem Wiederkäuen von bekannten und alteingesessenen Entwicklungen teilweise verweigert hat, eigene und düsterer Pfade beschritt und seine Figuren bluten liess, wie kaum ein anderer Fantasy Autor. So geht es auch in Das verlorene Volk durchaus brutal zur Sache, ohne das daraus Helden geboren werden, sondern die Wehrlosen sich der Gewalt ausgeliefert sehen. Neben dem Zusammenführen der einzelnen Lebenswege der Sieben Sucher nach Ulljans Buch, vertieft Bernd Rümmelein den Mythos um Kryson und lässt Einblicke in das Wirken des Ulljan gewähren. Sogar das Reich der Toten wird hier Handlungsort, eng verbunden mit der Geschichte eines neuen, verlorenen Volkes und seiner spannenden Geschichte, die ein dunkles Licht auf das Handeln der Götter wirft und die Berechtigung zweier mächtiger Klanorden in Frage stellt.

Bernd Rümmelein schreibt unverwechselbare Fantasy und diesen Umstand unterstreicht Das verlorene Volk noch einmal ganz deutlich. Hier wird nicht nur charakterlichen Entwicklungen Platz eingeräumt, sie finden in einem Masse statt, das nur als ungewöhnlich beschrieben werden kann. Mit Spannung und klarem Stil geschrieben ist der vierte Kryson Band ein zweiter Auftakt in der Reihe um den fantastischen Kontinent Ell und es bahnt sich die Entwicklung zu einem gnadenloses Finale auf jeder Buchseite an. Bernd Rümmelein schreibt epische Fantasy, wie sie in aktuellen Fantasy Veröffentlichungen kein zweites mal zu finden ist.

Bernd Rümmeleins „Kryson 4 – Das verlorene Volk“ – Ein weiterer Meilenstein in der Saga um eine Welt im ewigen Kampf zwischen Licht und Dunkel, dramatisch, spannend, mit einer interessanten Entschleierung der Hintergründe um uralte Mysterien des Kontinents und einer Figurenentwicklung, die zu beeindrucken weiss. Es wird dunkel auf Kryson und Bernd Rümmelein greift erneut zu nachtschwarzer und blutroter Feder.

Mehr zu dem Buch: Das verlorene Volk

Interview mit dem Autoren: Bernd Rümmelein – Kryson

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Buchfakten:
Bernd Rümmelein
Kryson – Das verlorene Volk
Ueberreuter / Otherworld
600 Seiten
13,5 x 21,5 cm
EUR: 14,95 CHF: 26,50
ISBN: 978-3-8000-9526-1