Es war tief in der Nacht als Thomas seinen letzten verzweifelten Versuch unternahm per Anhalter von der Landstrasse aufgelesen zu werden. Nach etlichen Fehlschlägen, hatte sich jedoch ein älteres Ehepaar ein Herz gefasst und liess den durchnässten Mann einsteigen. Müde, hungrig und klitschnass liess sich Thomas von der freundlichen alten Frau, die mit ihrer runden Brille, die an eine kleine Eule erinnerte, und ihrem mürrischen Mann durch die dunkle Landschaft kutschieren. Als Thomas von einem kleinen Nickerchen auf der Rückbank erwachte, fand er sich jedoch nicht an irgendeiner Strassenecke in der Stadt wieder, sondern vor dem kleinen, gemütlich wirkenden Häuschen der Moersfields und ahnte nicht im entferntesten, das ihn ein kannibalistischer Kult zu Tisch bittet…

Mrs Moersfield umsorgt Thomas, wie dies nur eine liebenden Mutter vermag. Eigentlich wollte Thomas die Einladung des Ehepaars gar nicht annehmen, eigentlich wollte er nicht im Bett ihres verstorbenen Sohnes schlafen und eigentlich wollte er sich auch nicht so verwöhnen lassen. Aber er liess es geschehen und genoss die Tage bei den Moersfields. Die Ereignisse vor ein paar Nächten, hatten es nötig gemacht einen Unterschlupf zu suchen und für eine Weile von der Bildfläche zu verschwinden und so stellte sich das heimelige Haus des alten Ehepaars und ihre wohlwollende Pflege nicht nur als praktisch, sondern auch als überaus behaglich heraus. Thomas schlief seit langem mal wieder in einem weichen Bett, trug gewaschene Kleidung und bekam von Morgens bis Abends die köstlichsten Leckereien serviert, besonders die Braten, Würste und Steaks seiner Gastgeberin schmeckten schlichtweg göttlich. Solch ein Fleisch hatte Thomas noch nie geniessen dürfen…

Einem Betrachter von aussen wäre aufgefallen das Thomas in den Tagen bei den Moersfields erheblich zugenommen hatte, er hätte gar den sonderbaren Gedanken fassen können, das der junge Mann von der liebreizenden alten Frau gemestete wurde. Aber es gab keinen aussenstehenden Betrachter. Das Haus der Moersfields lag ein bisschen abseits und die Fenster waren rund um die Uhr verschlossen. Die Nachbarfamilie mit ihren junge Kindern hatte es aufgegeben mit den Moersfields Kontakt aufzunehmen, nachdem die sanftmütige Mrs Moersfield der Schlampe von nebenan klar gemacht hatte, das sie sich gefälligst verpissen solle. Ja, so waren sie, die Moersfields, ein Herz und eine Seele und das Flittchen aus dem Nachbarhaus mit ihren Rotzlöffeln würde irgendwann auch daran glauben müssen.

War das alte Ehepaar lediglich ein wenig kauzig und schrullig auf ihren alten Tagen geworden? Thomas war sich da nicht mehr so sicher. In das behagliche Leben als Ziehsohn, mit den überproportionierten Mahlzeiten, hatte sich eine merkwürdige Note geschlichen. In seinem Zimmer gab es einen Stapel Videos, die er gucken durfte, jedoch waren sämtliche Liebes- und Erotikszenen herausgeschnitten. In der Küche hingen kuriose Spruchbänder wie „Ohne Agonie erhöhst du Dich nie“, das Haus durfte er nicht verlassen, kein Fenster öffnen und den Keller nicht betreten. Zudem besassen die Moersfields einen unglaublich grossen Kühl- und Gefrierschrank und horteten Kühltaschen, als würde deren Produktion morgen eingestellt werden. Genau so ungewöhnlich waren die Kisten mit Klamotten. Zahllose Kartons mit Kleidungsstücken, ausschliesslich für Männer und Jungs, aus den unterschiedlichsten Jahren. So fand sich halbwegs moderne Garderobe neben Schlaghosen und anderen Kuriositäten aus vergangenen Jahrzehnten. Mädchensachen gab es keine. Das mit den kleinen Mädchen war damals auch etwas völlig anderes, Mr. Moersfield hatte ihre Kleidung nie gesammelt und nahm auch schon lange keinen „Kontakt“ mehr zu den jungen Dingern auf. Er war stark geworden und ihre widerlichen Reize prallten an ihm ab, wie Regentropfen an einem Glasfenster.

Für Thomas gab es Hoffnung, da war sich Mrs Moersfield sicher, sie hatte sogar mit ihrem Lebenspartner gewettet. Er konnte ein Erhabener sein, wenn er dem Weg der Spirale folgte und rein war. So viele hatten sich als unwürdige Schwächlinge erwiesen, die bereits den abstossenden Verlockungen des weiblichen Schosses gefolgt waren und sich wie hirnlose Idioten befleckt hatten. Für Thomas würde es kein leichter Weg sein, er nahm an Gewicht zu, was gut war, zeigte sich gehorsam und formbar. Er konnte ein Erhabener werden und eines Tages die Freuden in Sharpurbie mit ihnen teilen, unter all den anderen und zum Stolz des Hohepriesters. Sollte er sich jedoch als untauglich erweisen, als ein Verabscheuter herausstellen, müssten sie mit ihm in die alte Halle fahren und das Werkzeug mitnehmen. Dann würde die Suche nach einem geeigneten Sohn von vorn beginnen…

Mit Im Zentrum der Spirale erscheint im Verlag Torsten Low nicht nur dessen erste Roman einer Fremdautorin, sondern auch der erste englischsprachige Import. 2007 kam The center of the Spirale beim Selfpublisher Lulu Press erstmals heraus und seitdem ranken sich so einige Gerüchte um die Schriftstellerin. So bekam die Bielefelder Autorin ihr Pseudonym Cecille Ravencraft von dem Schockrocker Alice Cooper verliehen und soll gar auf Ebay ein Exemplar ihres Buch versteigert haben, welches mit ihrem eigenen Blut signiert war. Wer einen Blick in den Roman und den Auftakt der blutigen Reihe um den Kult der Spirale wagt, stellt recht schnell fest, das hier in der Tat eine aussergewöhnliche und überaus talentierte Autorin am Werk ist.
Die Geschichte entwickelt sich zunächst als liebliche Erzählung, die Erinnerungen an Knusperhäuschen weckt und eine Assoziation zu großelterlicher Fürsorge mit selbstgebackenen Plätzchen und heissem Kakao herstellt. Cecille Ravencraft lädt den Leser ein sich in das kuschelige Nest ihrer Erzählung zu begeben, um dann die Kettensäge anzuwerfen. Hier wird ein Horror zelebriert der äusserst durchdacht, sorgsam aufgebaut und einfühlsam entfaltet wird. Gerade durch das diametrale Verhältnis des Kannibalentums und der Bilderbuchoma in ihrem kleinen Häuschen, schafft die Autorin ein verstörendes Element, welches einfach zu begeistern weiss und den Leser fesseln wird, wie liebevoll umschlungener Stacheldraht. Cecille Ravencraft begeht erfreulicherweise nicht den Fehler sich im Verlauf der Handlung auf ein plattes Massaker zu beschränken. Obwohl natürlich mit Blut und Innereien nicht gespart wird, weiss sie diese stets passend einzubringen bzw. herauszuholen und zwar in einer konkreten Beschreibung, aber ohne sich an diesen Momenten seitenlang zu weiden. Hier hat die Autorin ein sehr gutes Mass gefunden Brutalität und abstossende Grausamkeit einfliessen zu lassen, dieses jedoch nicht überzustrapazieren, sondern zu einem absolut harmonischen Teil des Gesamtwerkes zu machen.

Was wohl als das stärkste Moment des Buches angesehen werden kann, neben den beeindruckenden Figuren und ihren ganz unterschiedlichen Schicksalen, ist der Facettenreichtum des Romans. Hier sind nicht nur einfach Verrückte mit Kettensägen am Werk,  Im Zentrum der Spirale hält eine eigenständige Parallelwelt bereit, mit bizarren Ritualen, uralten Göttern und Dämonen. Cecille Ravencraft entblösst einen kannibalistischen Kult, der weltweit vernetzt ist und das Gefühl vermittelt in die verschrobene Realität einer isolierten Sekte zu tauchen, deren ganze Bizarrerie sich scheibchenweise offenbart. Das Romandebüt der Autorin ist eine hochspannende Angelegenheit, ein Page Turner, der durch seine schaurig-schöne Atmosphäre zu fesseln weiss und ein faszinierendes Grauen ausstrahlt. Ein Buch, das mehrere verschlungene Geschichten erzählt, von junger Liebe und entstellten Fratzen, dunkler Folter und Familienglück, und somit einen ungewöhnlichen Lesegenuss darstellt. Mit seiner 18+ Altersbeschränkung ist Im Zentrum der Spirale ein Roman, der so wohl Horrorfans begeistern dürfte, als auch für Genreeinsteiger und Neugierige die ideale Kostprobe ist.

Cecille Ravencrafts „Im Zentrum der Spirale“ – Ein Knusperhauskettensägenkannibalen-Abenteuer mit märchenhafter Note und einer beeindruckenden Geschichte, der man sich nicht mehr entziehen kann, hat man sie einmal probiert. Ein durchgehend spannendes Werk, das durch seine genial geformten Figuren und die mystische Magie des Spiralenkultes, zu bannen weiss.
Ein Lesetipp für alle, die einen Ausflug in das Dunkle wagen, denn enttäuscht werden sie nicht.

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Buchfakten:
Cecille Ravencraft
Im Zentrum der Spirale
Verlag Torsten Low
420 Seiten Taschenbuch
ISBN 978-3-940036-06-3

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