Der Verlag Torsten Low veröffentlichte im Septemer 2010 mit Im Zentrum der Spirale einen Horror Roman aller erster Klasse, mit finsterem Märchenflair und einer alptraumhaften Geschichte.
Erfreulicherweise hat sich die Autorin Cecille Ravencraft bereit erklärt ein paar Fragen zu ihrem Buch, seiner Entstehungsgeschichte, der Pseudonymgebung durch Alice Cooper, einer blutigen Signierung, Knusperhaus-Kannibalen, Kettensägen, Hexenzirkeln, geplanten Folgeprojekte u.v.m. zu beantworten.

Viel Spass mit dem Interview mit Cecille Ravencraft!

Bevor wir konkret über deinen Roman sprechen, vielleicht erstmal ein paar Worte zu der selbst. Wie kommt eine Bielefelder Schriftstellerin in eine Radiosendung von Schockrocker Alice Cooper?

Ein Alice Cooper Fan bin ich schon seit vielen Jahren. Beim Zappen – ich war so 15 oder 16 – kam ich auf den Sender Super Channel, den es leider nicht mehr gibt, und dort lief gerade ein Konzertmitschnitt von Alice. Ich fand das klasse und wurde ein großer Fan. Alice hat eine Radiosendung, die man auch im Internet verfolgen kann („Nights with Alice Cooper“), und da kann man E-Mails hinschicken… je verrückter, desto besser! Insgesamt 5 Stück von mir hat er vorgelesen, und in einer hatte ich ihn nach einem guten Pseudonym gefragt, und er sagte dann: Cecille Ravencraft. Das Ganze kann man bei Youtube hören, natürlich habe ich das dort voller Stolz hochgeladen. Das war schon ein ganz besonderer Augenblick und ich bin Alice sehr dankbar, auch wenn er sich bestimmt nicht mehr daran erinnert und das wahrscheinlich auch eher spaßig gemeint hat mit dem Pseudonym.

Es wird dir ja eine blutige PR Aktion nachgesagt. Du sollst eine englische Ausgabe von Im Zentrum der Spirale auf Ebay versteigert haben, verziert mit einer Signierung von dir, die du mit deinem eigenen Blut geschrieben hast!
Mal Hand auf die Kettensäge. Kunstblut, Ketchup, rote Tinte,… Was ist dran an diesem Gerücht?

Das Gerücht stimmt! Und es ist wirklich mein Blut gewesen, und da ich Nadeln hasse, war das schon ein Opfer. Das Geld für das Buch ging damals komplett an die Solid Rock Foundation, eine wohltätige Organisation von Alice. Dort kümmert man sich um Jugendliche. Ich wollte Alice auf diese Weise danken, natürlich aber auch auf das Buch etwas aufmerksam machen.

So ein bisschen verrückt bist du aber schon?

Na klar!  Das muss man glaube ich sein, um solche Sachen zu schreiben. Aber im Grunde bin ich ganz harmlos 😉

Welche Bedeutung hat Horror Literatur, als Leserin und Autorin, für dich?

Eine ziemlich Große. Ich lese und schreibe aber nicht nur Horror, keineswegs. Man findet in meinem Bücherregal jede Menge Bücher mit anderen Themen aus allen möglichen Bereichen. Historische Romane liebe ich sehr, aber auch Sachen zum Lachen von z.B. Amei-Angelika Müller, dann ist Shogun von James Clavell auch so ein Favorit von mir so wie auch Weißer Oleander von Janet Fitch. Allerdings muss ich zugeben, dass ich sehr viele Bücher von Stephen King besitze und auch einige von Dean Koontz. Stephen King weiß einfach, wie man das Grauen in ein Buch bringt und sein Erzählstil ist einzigartig, wenn ich auch seine alten Werke bevorzuge. Aber auch ihm verdanke ich sehr viel… wer schreiben möchte, sollte sich unbedingt sein Buch über das Schreiben vorher zu Gemüte führen!

Er hat mal in einem seiner Bücher geschrieben, dass ein Zombie, der durch die Nacht wankt, sehr erheiternd sein kann, aber der Gedanke daran, wie sich unsere Ozonschicht langsam auflöst, der echte Horror ist, und darin steckt eine ganze Menge Wahrheit. Horrorbücher und –filme sind nichts weiter als Unterhaltungsprodukte. Nervenkitzel, den man nicht unbedingt ernst nehmen muss. Die Realität ist viel schrecklicher.

In deinem Roman greifst du die Idee aus Hänsel und Gretel auf, ein Hexenhaus mit menschenfressenden Bewohnern und führst diese konsequent fort. Wie kam es zu diesem Märchen-Horror Ansatz?

Stephen King sagt in seinem Buch „On Writing“ dass man sich beim Schreiben nicht auf eine Linie festlegen und auch nicht schon vorher den Verlauf der Geschichte bestimmen soll. Das trifft bei mir ganz besonders zu, denn eigentlich wollte ich damals nur eine Kurzgeschichte schreiben… für meinen Blog. Und auch auf Deutsch. In der Geschichte sollte es um einen Anhalter gehen, der von einem netten älteren Pärchen mitgenommen wird und schließlich bei ihnen wohnt. Das Pärchen möchte, dass der junge Mann ihren verstorbenen Sohn ersetzt, da sie den Verlust nicht verkraften. Sie stellen ihm sogar die ehemalige Verlobte vor und zwingen ihn, sein Haar zu färben und es zu tragen wie ihr Sohn… den gleichen Beruf zu ergreifen… was zuerst nur eine freundliche Ermunterung ist, wird mehr und mehr zu massiven Drohungen. Bis sich der junge Mann zur Wehr setzt, und das Pärchen sehr unangenehm reagiert.

Als ich dann den ersten Satz zu Papier gebracht hatte, war er aber auf Englisch. Das war überhaupt nicht geplant, aber ich dachte mir, egal, mach erstmal weiter. Das tat ich, und irgendwie entwickelte die Geschichte eine Eigendynamik. Sie wurde auch immer länger, bis sie tatsächlich die Größe eines Romans annahm. Natürlich las ich die Rohfassung auch noch mehrfach durch und kam zu dem Schluss, dass hier tatsächlich eine moderne Version von Hänsel und Gretel entstanden war, und diese Elemente habe ich dann später noch herausgestrichen und verstärkt.

Würdest du sagen, dass sich vor allem ältere Märchen besonders eignen um sie in Horrorform weiterzuentwickeln? Liest du selber gerne Märchen?

Ja, das tue ich. Man kann ja nicht leugnen, dass gerade ältere Märchen ziemlich grausam sind. Daher eignen sie sich sicherlich sehr gut für die Horrorform.

Im Zentrum der Spirale fusst auf der Idee einer weltweit existierenden Kannibalengemeinschaft. Welche Reiz übt die Vorstellung eines Kannibalismus auf dich aus und warum hast du z.B. keine abstrusen Monster oder phantastische Ungeheuer für deine Geschichte gewählt?

Das Schockierende an den Kannibalen ist vor allem, dass dieser Kult tatsächlich existieren könnte. Monster und Ungeheuer üben zwar eine gewisse Faszination aus, aber sie erzeugen nicht die gleiche Angst, weil man weiß, dass sie nicht existieren. Aber der Nachbar mit der Kettensäge im Keller… benutzt er sie wirklich nur, um Holz zu zerteilen? Außerdem darf man nicht vergessen, dass solche Dinge ja tatsächlich auch vorkommen. Den Fall in Rotenburg und das „Töten auf Verlangen“ z.B. hätte ich mir selbst niemals ausdenken können. Dafür fehlt mir die Phantasie. Und das sind Menschen, die unter uns leben, an der gleichen Tankstelle über die Benzinpreise schimpfen und sich beim Bäcker vordrängeln… und sich dann übers Internet verabreden, um sich die Geschlechtsteile abschneiden zu lassen. Die Realität ist viel grausamer als jeder Horrorroman!

Der Reiz des Kannibalismus, das ist schwerer zu beantworten. Zum einen fragt man sich natürlich, warum jemand ausgerechnet das Fleisch eines Menschen essen möchte. Es ist pervers und krank. Fleisch zu essen ist im Grunde immer etwas fragwürdig, weil dafür ein Lebewesen – meistens unter Qualen – sein Leben lassen muss. Ich bin kein Vegetarier und will auch nicht den moralischen Zeigefinger heben, aber es lohnt sich, finde ich, darüber einmal nachzudenken, wie wir das eigentlich rechtfertigen.

Das Grausen packt einem beim Lesen vielleicht nicht nur wegen des Ekels, den dieser Gedanke erzeugt, sondern bestimmt auch deswegen, weil die Kannibalen, die „Erhabenen“ diese Kasteneinteilung haben und uns Normalsterbliche nur als Schlachtvieh ansehen und uns im Grunde verachten. So wie eben viele ihre Lebensweise über die anderer stellen und auf ihre Mitmenschen herabblicken.

Besonders faszinierend in deinem Buch ist die liebe Frau Moersfield, eine Figur mit zwei Gesichtern, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Wie ist diese alte Dame entstanden, der Charakter einer Bilderbuchoma und dem absoluten Alptraum?

Meine Großtante war so niedlich wie Mrs. M. und sie hatte auch diese große, runde Brille. Sie hat für die Äußerlichkeiten herhalten müssen, zusammen mit den netten alten Damen aus „Arsen und Spitzenhäubchen“, die ja auch so lieb und nett waren und umherhoppelten, bevor sie das Arsen herausholten. Der Charakter von Mrs. M. sollte schockieren, denn jeder denkt bei einer Oma erst einmal daran, wie lieb und nett sie ist… wie sie die Enkel in Schutz nimmt, wenn die Mutter ihnen verbieten will, vor dem Essen noch einen Keks zu essen… wie sie stundenlang erzählt, Süßigkeiten hervorkramt und die zerrissenen Hosen wieder flickt. Mrs. M. tut all dies vordergründig, aber dahinter steckt eben dieser Alptraum. Man kann Menschen nur vor den Kopf sehen, was hinter der Fassade steckt: Wer weiß? Mein Ziel war es, den Leser zu erschrecken: Monster müssen nicht grün sein und Hörner tragen, ein Mensch mit verdrehten Vorstellungen ist weitaus schlimmer und erschreckender.

Neben der Gewalt durch den Hunger der Kannibalen, das reine Fressen, kommen in deinem Buch immer mal wieder Formen von sexueller Gewalt vor, die teilweise alles andere als leicht verdaulich sind. Wieso diese Komponente in deiner Geschichte und wie ging es dir als Frau damit, solche Ereignisse zu schildern?

Ziemlich schlecht. Ich schauderte selbst dabei. Spaß machte mir das absolut nicht. Allerdings macht es auch keinen Spaß, wenn man täglich in den Nachrichten hört, dass wieder einmal irgendwo Frauen vergewaltigt und Kinder missbraucht wurden. Und das ist leider alles echt. Man kann sich nicht vorstellen, welche Qualen die Opfer durchmachen müssen. Für die ist das ganze Leben zerstört. Diese Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern wollte ich damit aufzeigen. Und wenn ich mir unsere Justiz so ansehe, dann sind es nicht nur die Täter, die den Opfern gegenüber gleichgültig sind.

Der Grund ist bei der Figur im Roman zu suchen, die diese Grausamkeiten ausführt. Er wurde durch gezielte psychische Misshandlung darauf geeicht, dass Sex schlecht und etwas Verbotenes ist, und Frauen sind für ihn deshalb Versucherinnen, die ihn vom rechten Weg abbringen wollen. Dafür rächt er sich…

Was in deinem Buch doch etwas ungewöhnlich erscheint, ist das Fehlen einer klar hervortretenden Hauptfigur und eines Sympathieträgers. Warum kein armes, junges Blondchen im engen Trägertop, das vor Kettensägen flieht und es nicht hinkriegt mal hinter den Duschvorhang zu schauen, durch den der Schatten ihres Mörders schimmert?

Ich bin auch ein großer Quentin Tarantino Fan. Wenn man sich seine Filme ansieht fällt einem auf, dass die Hauptfiguren meistens auch keine Sympathieträger sind. In „From Dusk Till Dawn“ z.B. sind die Hauptfiguren Mörder, und ziemlich grausame dazu. Tarantino spielt dabei auch noch einen Vergewaltiger. Trotzdem funktioniert das Konzept, man hält zu den Akteuren, auch wenn man sie vielleicht nicht ganz so sympathisch findet wie in anderen Filmen, in denen Gut und Böse klar definiert sind. Mir ist dieses Konzept zwar nicht direkt zuwider, aber dieses schwarz-weiß Denken missfällt mir. Die Guten sind immer vollständig gut, die Bösen komplett böse – so läuft das nicht. In jedem steckt immer beides, nur in unterschiedlichen Anteilen. Ich wollte die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen, aus der Sicht der Beteiligten, für die man ein gewisses Verständnis aufbringt – oder eben Mitleid. Jeder ist für sich eine Hauptfigur, bei der man nicht weiß, ob sie es bis zum Ende des Buches schafft. Es ist natürlich leichter, wenn man einen Sympathieträger hat, aber so gefällt es mir besser.

Welche Figur aus deinem Buch würdest du gerne einmal persönlich treffen, falls es da überhaupt irgendwen gibt…?

Chris. Jeder, denke ich, würde Chris gerne einmal treffen und ihm einiges sagen…

Im Zentrum der Spirale ist im Verlag Torsten Low erschienen, wie vermutlich auch die Folgebände. Wie ist diese Zusammenarbeit mit Torsten Low entstanden und wie zufrieden bist mit bisher mit ihr?

Sehr zufrieden! Torsten Low steht hinter seinen Projekten, gibt sich sehr viel Mühe, und der Kontakt ist ebenfalls sehr gut. Gefunden hat mich seine Frau bei Xing. Sie fragte, aus welchen Genres meine Bücher kämen und ob da auch z.B. Horror dabei wäre. Ich erzählte ihr von der Spirale und sie bat um eine Leseprobe.

Zurzeit arbeitest du ja am zweiten Teil deiner Kannibalenreihe. Kannst du schon etwas über den Inhalt verraten? Die Ereignisse im ersten Buch haben sich ja zum Ende doch sehr überschlagen und gibt es schon Pläne für die Zeit nach den Kannibalen?
Worüber würdest du gerne einmal schreiben, was könntest du dir als nachfolgendes Projekt gut vorstellen?

Etwas kann ich schon verraten, na sicher. Eine Hauptfigur, die am Ende der „Spirale“ noch lebt, wird wieder auftauchen und sich einem Hexenzirkel anschließen, der Anspruch auf die Spirale in Sharpurbie erhebt. Das gefällt den ansässigen Kannibalen natürlich überhaupt nicht…

Ein Nachfolgeprojekt ist auf jeden Fall noch ein Hexenroman. Für Hexen hatte ich schon als Kind ein Faible, die sind sehr faszinierend und facettenreich. Der Verlauf der Geschichte steht schon, auch wenn man wieder einmal nicht weiß, wie es dann beim Schreiben läuft… es könnte doch wieder ganz anders ausgehen, als vorgesehen…

Vielen Dank für die tollen und interessanten Antworten!

Vielen Dank für die tollen und interessanten Fragen! 😉

Rezension zu dem Buch: Im Zentrum der Spirale

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