Mit dicken Flocken hat der Winter Einzug gehalten in Perchtal, einem verschlafenen Dörfchen im Berchtesgadener Land. Der traditionelle Krampuslauf, in teuflischen Kostümen, steht ebenso vor der Tür, wie das Nikolausfest, doch die vorfestliche Stimmung muss einem eisigen Schrecken weichen. Andreas, Robert, Niklas, sowie die Zwillingsschwestern Elke und Miriam werden, nach einer handfesten Auseinandersetzung mit ihrer verfeindeten Dorfclique, vom Vertrauenslehrer der örtlichen Schule zu einem Eishockeyturnier kommandiert, um den Zwist in einen sportlichen Wettstreit zu wandeln. Als dunkle Sturmwolken sich über dem gefrorenen See, einem finsteren Omen gleich, zusammenziehen, macht Elke eine erschreckende Entdeckung im Eis. Aus der kalten, blanken Oberfläche starren sie die Augen eines Mädchens an, das Elke wie aus dem Gesicht geschnitten gleicht…

Der Leichenfund sorgt natürlich schnell für Aufregung in Perchtal, doch die Jugendlichen werden den Verdacht nicht los, das sie nicht nur aus Fürsorge von dem Anblick der Erfrorenen ferngehalten werden sollen und Elke ist sich gewiss, das Mädchen im Eis sah haargenau so aus wie sie. Mit dem Fund der Erstarrten bricht die weihnachtliche Stimmung in Perchtal, besonders bei den Eltern von Andreas, Robert, Niklas, Elke und Miriam, doch die angespülte Unbekannte soll nicht das letzte mysteriöse Ereignis in den wenigen Tagen vor Nikolaus bleiben…

Es hat sich 1978 in Perchtal zugetragen, die Erwachsenen wissen davon, hüten dieses Wissen und scheinen sogar darin verstrickt. Doch nun hat der erfrorene Leichnam an diesem Geheimnis gerüttelt und die fünf Freunde müssen erkennen, das ihr Schicksal mit dem Nikolaustag im Jahre 1978 auf verstörende Weise verbunden ist.

Horch! Kommt er nicht die Trepp` herauf?
Hört ihr nicht poltern und schnaufen?
Jawohl, er ist´s! – Die Tür geht auf. –
Ihr braucht nicht fortzulaufen
und dürft auch nicht erschrecken
vor Ruten und vor Stecken,
sieht er auch gleich zum Fürchten aus!

Ein vom Schneesturm umschlossenes Dorf im Berchtesgadener Land, in dem ein uraltes dunkles Geheimnis verborgen liegt, vergessene keltische Bräuche und christliche Traditionen zugeschnitten auf den Kult um den Nikolaus und Knecht Ruprecht, machen den neuen Finn zu einem wirklich aussergewöhnlichen Lesegenuss. Der Autor hat viel Mühe in die Recherche der alpinen Brauchtümer und Legenden um die Entstehungsgeschichte des Nikolauses investiert, denn hier wird fundiert ein gruselig ausgeformter Mythos zum Leben erweckt, der gerade durch die immer wieder erwähnten historischen Quellen, eine schaurige Authentizität erfährt. Neben diesem sorgsam aufgebauten und atmosphärisch höchst eindrucksvollem düsteren Kult um den Stiefelbefüller und Kinderfresser, sind es vor allem die Romanfiguren, welche dieses Buch zu einem Höchstgenuss fantastischer Literatur werden lassen. In stets eisiger Stimmung hat Thomas Finn seine Charaktere individuell gestaltet und schafft es allein durch den Hintergrund seiner Akteure eine Stimmung des Schreckens aufzubauen. Eigentlich bräuchte dieses Buch keine uraltes Grauen, das auf den Nikolaustag fällt, keinen zum Leben erwachten alptraumhaften Aberglauben, die Geschichte um Andreas, Niklas, Robert, sowie Elke und Miriam allein ist schon Stoff für einen packenden Roman, der unter die Haut geht.

Die Wahl des Handlungsortes, das fiktive kleine Dorf im dicken Schneemantel, stellt sich schnell als höchst stimmiger und wohlgewählter Zug da. Es ist nur die Abgeschiedenheit der Ortschaft, das auf sich selbst gestellt sein der fünf Jugendlichen, es ist das Leben in diesem Dorf, welches zu beeindrucken weiss. Eine sorgsam aufgebaute Fassade der Freundlichkeit und Sittsamkeit, in die der Autor immer wieder kleine Risse sät und einen Blick hinter den Mantel angeblicher Nachbarschaftlickeit und Höflichkeit werfen lässt. So ist Weisser Schrecken deutlich mehr als ein Der-Schrecken-aus-dem-Eis Roman, er zeichnet einfühlsam ein umfassendes Bild einer Gemeinschaft, deren Schicksal alle paar Jahre auf eine düstere Probe gestellt wird. Hier geht es authentisch zu, hier reden Nebenfiguren wie ihnen der Sinn steht, hier gibt es schlichweg kein Beiwerk, dem sich der Autor nicht mit der selben Sorgfallt gewidmet hätte wie seinen Hauptfiguren. Thomas Finn ein Dorf lebendig werden lassen, einen kleine eigene Welt, dessen eiskaltem Sog sich kaum ein Leser zu entziehen mag.

Thomas Finn baut in Weisser Schrecken das Schaurige sorgsam und feinfühlig auf, legt gekonnt einige falsche Fährten und schafft es so absolut zu fesseln und eine eisige Sogwirkung auf den Leser auszuüben. Was zu nächst in trügerisch ruhiger Stimmung beginnt, wendet sich schnell zu einem hochspannenden Abenteuer, so undurchsichtig wie die Schneeverwehungen unter denen Perchtal begraben liegt. In seinem Wechselspiel aus Einblicken in kirchliches Brauchtum und heidnische Sitten, sowie dem rebellischen Trotz der fünf Freunde, entsteht eine frostige Dramatik mit turbulenter Entwicklung und überraschenden Wendungen. Wer Nikolaus bis dato für einen fröhlichen Feiertag gehalten hat, wird durch Thomas Finn eines besseren belehrt, denn dieses selige Bild zerstört der Autor gnadenlos. Ein brillanter Winter Thriller zwischen Mystery und Urban Fantasy, in dunklem Gewand, mit Gänsehautgarantie.

Thomas Finns „Weisser Schrecken“ – Ein fantastischer Roman der Güteklasse A, bei dem einfach jedes Detail stimmt. Einfühlsam gezeichnete Figuren, eine grandiose Atmosphäre, die sich durch den gesamten Roman zieht, der genau richtige Wechsel aus temporeichen Momenten und stilleren Situationen, gekonnte Action, fesselnde übernatürliche Phänomene, grosse Bilder und eine morbiden Note vom einem Autor, der weiss wo von er spricht, wenn von Berchtesgaden, christlichen und heidnischen Traditionen die Rede ist. Dieser schaurige Roman ist kein Buch für winterliche Leseabende, es ist das Buch für solche Momente.

Mehr zu dem Buch: Weisser Schrecken

Buchfakten:
Thomas Finn
Weißer Schrecken
Piper Verlag
Roman
496 Seiten
Kartoniert
ISBN: 9783492267595