Das Geheimnis einer rätselhaften Truhe, Puppenmonster, eine Kneipe an der schottischen Küste, Kalkis Vernichtungszug, das Schicksal eines Inquisitors, ein Mythos-Virus, Nietzsches Krähen…
31 Geschichten rund um Roboter, Klone und Avatare – die Stellvertreter verschiedenster Wesen, vor allem aber einer wahrlich bedrohten Lebensform: des Menschen. Susanne O’Connell (selber Autorin mehrerer Geschichten und Gedichte im phantastischen Bereich) hat eine Anthologie zusammen gestellt, deren Thematik doch zunächst etwas ungewöhnlich wirkt, aber gerade deshalb interessante Phantastik birgt.

Satte 31 Kurzgeschichten von 29 AutorInnen hält Avatare, Roboter & andere Stellvertreter bereit und bei dieser Quantität auch erfreulich vielfältige Ansätze sich dem Thema zu nähern. Neben der inhaltlichen Breite existieren natürlich auch leichte qualitative Schwankungen innerhalb einer so umfangreichen Anthologie. Einige Stellvertreter Geschichten schöpfen ihr Potential nicht vollends aus, verfügen aber mindestens über eine gute Ausformung und eben solche Ideen. Man mag es ein fehlendes I-Tüpfelchen nennen, etwas zu wenig Feinschliff oder vielleicht auch nur einen Interpretationsraum für die Leserschaft. Der überwiegende Großteil der Anthologie weiss jedoch zu überzeugen, überraschen und phantastisch zu unterhalten.

Drei Stellvertreter Geschichten sein hier kurz vorgestellt, um einen Einblick in die inhaltlichen Vielfallt der Anthologie zu geben:

Sean O’Connell: Die zehnte Inkarnation Vishnus

Der Weltuntergang beginnt am 06.03.2022 in Kasachstan. Vishnuyasas blauhäutiger Avatar Kalki fährt, mit flammenden Schwert und auf auf einem weißen Ross thronend, vom Himmel herab. Per Free-3D-Googlecams verfolgen Streamer und alle anderen Menschen, des informationstechnologisch hochgerüsteten Zeitalters, den Vernichtungsfeldzug der hinduistischen Manifestation. Die Welt ist geschockt. Die Streamer schalten neue Server frei, um die Übertragung des Ereignisses zu gewährleisten. Kasachstan wird vernichten, anschliessend die Mongolei und China. Das Zeitalter der Menschen hat sein Ende gefunden…

Seit Tír na nÓg hat Sean O’Connell den Ruf eines Crossover-Phantasten weg und auch in dieser Kurzgeschichte kombiniert er wieder Elemente, die auf den ersten Blick überhaupt keine gemeinsame Schnittstelle aufweisen. Hinduistische Mythologie trifft auf ein hochmodernes Informationszeitalter und stellt eine Art faszinierend absurder Urban Fantasy oder schlichtweg höchst individueller Phantastik dar. Wenn in Italien ein Silvio B. aus einem Seniorenbordell gekrochen kommt und der Petersdom den Heiligen Vater unter sich begräbt, während der Sohn Vishnus der Menscheit den Garus macht, ist dies ein Garant für abgedrehten Lesespass, der besonderen Art. Mit Witz, Ideenreichtum und Genialität liegt hier eine schlichtweg einmalige Geschichte vor. So muss Phantastik sein.

Susanne Haberland: Das Märchen von dem Prinzen und dem Stallburschen

Es war einmal ein König, dieser hatte einen Sohn, der eher den wohligen Seiten des Prinzendaseins zugeneigt war und so erklärte der Monarch eines Morgens, das er in des Sohnes Alter bereits zwei Riesen und einen Drachen besiegt und somit drei Prinzessinnen errettet hatte. Der Prinz solle nun endlich in die väterlichen Fußstapfen treten und seiner Rolle gerecht werden, sonst gäb es kein Frühstück. Notgedrungen und hungrig muss sich der Prinz auf eine Âventiure begeben. Doch warum sollte er selber diese Last auf sich nehmen, wo er doch einen Stellvertreter ernennen kann?

Susanne Haberland hat hier ein wundervolles Märchen gestrickt, welches nicht nur das Einzige in der Anthologie ist, sondern auch noch wirklich sehr gelungen ist. Feinfühlig geschrieben, stets mit einem Augenzwinkern und humoristischer Komponente, greift die Autorin das Thema der Anthologie eigenwillig auf und führt es in eine Prinzessinnen-Rettungs-Aktion, mit klassischen Märchenelementen, in einem erfrischend neuem Gewand. Diese Geschichte macht Lust mehr von der Autorin zu lesen.

Sonja Schimmelpfennig: Eine perfekte Kopie

Ruanadh hatte sich einen ruhigen Feierabend verdient. Ihre Buchhandlung war aufgeräumt und die Auslage mit Diebeszaubern versehen. Doch als sie ihre angrenzende Wohnung betritt, wartet dort bereist jemand auf sie. Ein unerwünschter Gast. Der Fernseher lief, ein Rotschopf lugte hinter dem Sofa hervor und dessen Füße lagen auf dem Tisch. Shaede. Wo die Vampirin auftauchte gab es Ärger und so war es auch in diesem Fall. Die Nachrichten im Fernseher zeigten Bilder eines Banküberfalls und ein Foto der Täterin. Jener Person, die sich gerade beklagte das Ruanadhs kein Bier im Kühlschrank hatte. Doch Shaede beteuerte diesen Raub nicht begangen zu haben, es musste jemand sein, der ihr bis ins Detail ähnelte…

Sonja Schimmelpfennig präsentiert moderne Urban Fantasy mit Vampiren und einem sonderbaren Gestaltwandler. Sehr schön geschrieben, ein wenig blutig und mit einer mysteriösen Note untermalt, liegt hier eine spannende Kurzgeschichte vor, die diese Anthologie bereichert und gerade Leser mit einer Orientierung auf moderne Fantasy ansprechen wird.

„Avatare, Roboter & andere Stellvertreter“ – Eine Anthologie mit Höhen und Tiefen, aber durchweg guten Ideen. Ein breiter Genremix aus Mystery, Fantasy, Science Fiction, Märchenhaftem, leichtem Horror und Endzeit Dramatik. Avatare, Stellvertreter, Roboter, Androiden, Klone, Gestaltwandler, Trugbilder uvm. machen diese Anthologie zu einer bunten, interessanten und ungewöhnlichen Mischung der Phantastik.

Folgende AutorInnen und Geschichten bietet diese Anthologie:

Gabriele Behrend: Schreizimmer / Schattenkabinett
Hanno Berg: Das Tonband
Martina Bethe-Hartwig: Die Vorladung
CCBieling: Der Rosenpakt
Sinje Blumenstein: Fruchtmond
Melanie Brosowski: Dienstvorschrifte
Martin Christians: Game Over
Ulf Großmann: Der Herr der Puppen
Susanne Haberland: Das Märchen von dem Prinzen und dem Stalljungen
Carolin Hafen: Abbild
Andreas Inderwildi: Himmel auf Erden
Thomas Jordan: Die Nahtöter / Anschlag in Utopia
Jörg Karweick: Vicarius Morituri
Anne Kay: Das Spiegelbild
Oliver Kern: Der Knöchel
Lisa Mauritz: Das Gesicht und die Maske
Lothar Nietsch: Der Beschluss
Beatrice Nunold: Atopia
Sean O’Connell: Die zehnte Inkarnation Vishnus
Susanne O’Connell: Vagóor
Rebekka Pax: Nebelgrau
Kai Riedemann: Ich töte in deinem Namen
Gerd Scherm: Der Emotionaut
Sonja Schimmelpfennig: Die perfekte Kopie
Margret Schwekendiek: Konsumverweigerung
Katharina Seck: Cian – Der Anfang war das Ende
Andrea Spille: INFAM
Joachim Sohn: Flucht von Fanfasl
Arthur Gordon Wolf: Thannag-Shi

Mehr zu dem Buch: Avatare, Roboter & andere Stellvertreter

Buchfakten:
Avatare, Roboter & andere Stellvertreter
Susanne O’Connell
Wendepunkt Verlag
300 Seiten, Softcover
ISBN 978-3-935841-72-6

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