Mädchen, weicht vom Wege nicht! Vesper hatte die Märchen geliebt, welche ihre Schwester vorlas, als diese noch lebte, oder ihr Vater erzählte. Die Familie gibt es nicht mehr, ihre Schwester nahm sich das Leben und hinterließ nur einen Zettel, in dem sie erklärte es sei alles wahr, Vespers Vater wechselt von einer jungen Freundin zu der nächsten und ihre Mutter lebt als berühmte Pianisten auf den Bühnen der Welt. Vesper vergaß mit den Jahren die grimmschen Geschichten von Rotkäppchen, Dornröschen, Goldspinnern, Zwergen und dem bösen Wolf.
Es ist ein kalter Herbsttag in der Hansestadt Hamburg, als Vespers Leben aus seiner Bahn geworfen wird und die Mythen von einst zum Leben erwachen…

„Ich bin der Geist, der stets verneint!“ Getreu Mephistos Ausspruch, verhält sich Vesper in der neuen Schule. Einem Ort gestylter Magersuchtpüppchen, die entweder auf ihrem neusten IPhone Modell herumtippen oder sich gegenseitig die eigene, eingebildete Fettleibigkeit erklären. Beliebte Altersgenossinnen mit modischer Optik und dem starken Hang zu belanglosem Smalltalk. Das männliche Geschlecht glänzt an der Sportschule vor allem durch das Posten von freien Oberkörperfotos auf Facebook und der tiefen Überzeugung, das prinzipiell alle Mädchen auf sie fliegen müssen. Vesper passt nicht in dieses Umfeld, ist viel zu nachdenklich und verträumt, ein, diese nervtötende Situation, verneinender Geist. Diese Erklärung ihrerseits hat im Schulsekretariat und bei den Lehrern bislang jedoch wenig Begeisterung hervorgerufen.

Es ist ein kalter Herbsttag als Vesper von dem Tod ihres Vaters erfährt. Es ist ein kalter Herbsttag als Vesper von dem Tod ihrer Mutter erfährt und alle Kinder in Europa für fünf Minuten einschlafen. Ohne Vorwarnung. Der Winter kommt und mit ihm die Wölfe…

Christoph Marzi lässt mit Grimm die bekannte Märchen- und Sagenwelt der gleichnamigen Brüder in das Heute hineinbrechen. Durch Aufklärung und Wissenschaft haben die Menschen den Wahrheitskern von Märchen vergessen und sie in das Reich der fantastischen Erzählung verbannt. Christoph Marzi holt sie zurück ins Hier und Jetzt und in Hamburg entbrennt die Jagd auf eine junge Frau und das geheime Erbe ihrer Familie. Neben den sehr schön und passend eingewobenen Märchenelementen, ist es vor allem die Figur Vesper, welche den Leser begeistern wird. Christoph Marzi legt hier eine eigenwillige Hauptfigur vor, die mit Fingerspitzengefühl gezeichnet und behutsam zum Leben erweckt wurde. Ein facettenreicher Charakter mit Tiefgang und Widersprüchen, eine unfreiwillige Heldin, samt Ecken, Kanten, Eigenheiten und einer wundervoll verträumten Note. Neben dieser herausragenden Gejagten alptraumhafter Märchengestalten, beeindruckt Grimm durch den gekonnt eingefangenen Flair und Charme von Hamburg. In diesem Buch – Das wortwörtliche Tor zur Welt.

Als modernes Märchen kommt Grimm mit packender Spannung daher. Mit dem unerklärlichen Einschlafen aller Kinder Europas und den dazu einsetzenden identischen nächtlichen Alpträumen ihrer Eltern, legt der Autor einen fast apokalyptisch-mysteriösen Mantel um seine Geschichte, so düster und einschneidend wie der drohende Winter in dem Roman. Für Vesper beginnt nach dem Tod ihrer Eltern ein spannendes Abenteuer, um zum Leben erweckte Märchenfiguren, eine undurchsichtige Geheimgesellschaft und ihr ganz persönliches Schicksal. Äusserst angenehm entpuppt sich der Umstand, das in diesem Roman eigentlich nicht von einer klar umrissenen Gut-Böse Einteilung gesprochen werden kann, bzw. diese sich nach und nach stetig auflöst. Dazu beitragen tut wesentlich die Tatsache, das die Antagonisten nicht nur handeln, sondern auch deren Motivation offengelegt werden. Ein grandioses Buch in dem, statt herkömmlichem Schwarz-Weiss, ein faszinierend schillerndes Grau vorherrscht.
Neben einer ungewöhnlichen, klischeefreien und rührenden Liebesgeschichte, bietet Grimm zudem eine gute Portion gekonnter Action, mit Wolfsjagden im Herzen Hamburgs, mörderischen Alraunen und einem Spielmann, der den Rattenfänger von Hameln als untalentierten Grünschnabel dastehen lässt. Ein modernes Märchen, das keine Wünsche offen lässt und schlichtweg grossartig geschrieben wurde.
Warum dieses Buch keine vergleichbare Aufmerksamkeit erregen konnte wie Cornelia Funkes Reckless, ist nicht zu erklären und zu verstehen, denn auch Marzi präsentiert märchen- und fabelhafte moderne Fantasy, die sich definitiv nicht vor dem Schaffen einer Cornelia Funke verstecken muss, sondern (auch) für deren Fans ein absoluter Lesetipp ist.

Christoph Marzis „Grimm“ – Was wäre wenn…? Dieser Frage geht der Roman nach und beantwortet sie als modernes Märchen und fesselnde Geschichte. Mit dichter schauriger Atmosphäre, einem spannenden Abenteuer und einmaligen Figuren, ist dieser Page Turner, für jugendliche Leser bis 99 Jahre, einer der Besten im Fantasy Genre 2010.

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Buchfakten:
Christoph Marzi
Grimm
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 560 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-453-26661-2
Verlag: Heyne
Erscheinungstermin: 15. November 2010

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