Mit seinem Mystery Thriller Weisser Schrecken legte Thomas Finn den fantastischen Winter Roman 2010 vor und webte in ihn ein düsteres All Age Abenteuer, um die verschneite Ruprechtslegende.
Umso erfreulicher, das Thomas Finn, als einer der bekanntesten deutschen Phantastik Autoren, sich bereit erklärt hat, ein wenig über seine Ausgrabungsarbeiten im Mythenschatz des Weihnachtsbrauchtums, die Erschaffung seiner Romanfiguren, aktuelle Buchprojekte u.v.m. zu plaudern.

Viel Spass mit dem Schreckensinterview mit Thomas Finn!

Bevor wir uns deinem aktuellen Werk widmen, vielleicht zu Beginn ein wenig zu deiner Person. Wie bist du zum Schreiben gekommen und welche Bedeutung hat phantastische Literatur als Leser und Autor für dich?

Zum Schreiben kam ich über einen ein stufenweisen Prozess, den ich recht ausführlich auf meiner Webseite unter www.thomas-finn.de darlege. Die Kurzfassung lautet: Ich habe schon immer gern fantastische Geschichten gelesen oder im TV gesehen. Zum Schreiben bin ich letztlich über die Fantasy-Rollenspiele gekommen. Erst als Fanzineautor, dann als Autor für Rollenspiel-Verlage. Hauptberuflich schreibe ich seit Ende meines Studiums. Seit dieser Zeit zeichne ich mich neben meinen Romanen auch für einige verfilmte Drehbücher und für Theaterstücke verantwortlich. Dass ich für mich das weite Feld der Phantastik gewählt habe, liegt ganz einfach daran, dass ich dieses Genre am Spannendsten finde.

Nach Der Funke des Chronos, welcher in Hamburg angesiedelt ist, hat es dich dieses Mal in das Berchtesgadener Land verschlagen. Was reizt dich an der Arbeit mit regionaler Geschichte, ihren Mythen, Brauchtümern und Legenden?

Ganz klar das Selbstbewusstsein als deutscher Autor. Die Kollegen in Übersee haben ja auch keine Probleme damit, ihre Geschichten in ihrer Heimat und vor dem Hintergrund ihrer Folklore anzusiedeln. Hier in Deutschland haben wir vielleicht nicht die Weite der amerikanischen Landschaft, doch dafür können wir auf eine weit zurückreichende Geschichte und auf alte lokale Mythen und Sagen zurückgreifen. Ich mag das.

Weisser Schrecken – Das andere Gesicht des Knecht Ruprecht. Wie bist du auf diesen Stoff gestoßen? Was hat den Ausschlag gegeben, dich mit dem vorweihnachtlichen Nikolausfest, seinem Ursprung und seiner religiösen, wie kulturellen Entwicklung bis heute zu beschäftigen?

Auf die Idee, mich mit Nikolaus & Co zu beschäftigen, bin ich erstmals vor einigen Jahren durch eine Fantasy-Rollenspiel-Veranstaltung hier in Hamburg gekommen, die unter dem Nikolaus-Motto stand. Damals dachte ich noch: ‚Oje, was soll ich denn mit dem Thema anfangen?’ Dann stieß ich auf die mythischen Hintergründe der Ruprechtslegende und war selbst ganz baff, was ich sukzessive über den unheimlichen Begleiter des Weihnachtsmannes und dessen geschichtliche Wurzeln herausfand. Der Ursprung zu Weißer Schrecken liegt also ursprünglich in einem Horror-Rollenspielabenteuer begründet. Nur das der Plot anschließend einige dramatische Änderungen erfahren hat.

Wie überraschend, erschreckend oder zu erwarten waren denn die Funde, die deine Recherchen zu dem Buch für dich ans Tageslicht gebracht haben?

Die Ergebnisse haben mich vor allem elektrisiert! Ich wusste ja nicht, was ich da ausbuddeln würde. Aber was ich sofort wusste, war, dass all das einen fantastischen Hintergrund für eine Schauergeschichte abgeben würde. Hinter der Ruprechtslegende steckt schließlich ein alter keltischer Kinderfressermythos, der über Umwege auch mit dem Märchen von der Frau Holle oder den Sagen über die Wilde Jagd verbunden ist. Noch heute wirkt all das auf die vorweihnachtliche Folklore in der süddeutschen Region Berchtesgaden ein. Und nicht nur dort. Der keltische Einfluß ist in der Vorweihnachtszeit im ganzen Voralpenraum spürbar, vornehmlich bei den dortigen Krampus- und Perchtenläufen. Das sind wilde Umzüge, bei denen der Nikolaus in Begleitung von Krampussen, also Teufelsgestalten auftritt.

In Weisser Schrecken erleben wir Menschen in sozialen Extremsituationen, die ganz unterschiedlich versuchen damit umzugehen.
Wie leicht fällt es dir als Autor dich in solche Momente hineinzudenken und dann gedanklich auch Wege zu beschreiten, die doch recht weit von dir selbst entfernt sind? Denken wir z.B. nicht nur an die fünf Freunde, sondern auch an Elkes und Miriams Eltern oder natürlich auch die Mutter von Niklas…

Eine interessante Frage. Ganz am Anfang steht stets der Gedanke, welche Figuren die jeweilige Geschichte braucht. Dann versucht man emotional nachzuvollziehen, was es an persönlicher Vorgeschichte benötigt, damit sie so agieren, wie gewünscht. Man muss ihnen eine glaubhafte Motivation mit auf den Weg zu geben. Natürlich ist bei alledem auch ein Gutteil Spielerei mit dabei. Böse, verrückte, schräge oder besonders cool agierende Figuren sind besonders reizvoll. Das ist immer so ein bisschen wie Kopfkino. Wir Menschen besitzen ja Spiegelneuronen, die es uns gestatten, uns in andere Menschen hineinzuversetzen. Bei schwierigen oder traumatisierten Figuren leidet man als Autor durchaus ein wenig mit. Aber man muss seinen Figuren leider weh tun, um den Leser zu erreichen. Der größte Anfängerfehler besteht darin, Romanhelden aus falsch verstandenem Mitleid ungeschoren zu lassen. Sie wirken dann flach. Man muss also bei aller Vorstellungskraft auch eine gewisse Distanz zu seinen Figuren wahren.

Besonders eindrucksvoll und auf unterschiedliche weise sympathisch sind die fünf Helden des Romans. Wie hast du diese Gruppe und ihre einzelnen Charaktere erschaffen? Gehst du da ganz rational und geplant vor, ein Dicker, ein Gothic, ein Abenteurer,… fertig ist das Figurenrezept oder sind das Entstehungen eher aus dem Bauch heraus?

Ich kann dir auf diese Frage keine eindeutige Antwort geben, da die Figurenwahl instinktiv geschah. Bei der Ausgestaltung bin ich aber ganz sicher auch von meiner Lektüre als Jugendlicher beeinflusst worden. Damals habe ich Bücher, wie die ‚Geheimnis um…-“ oder „Fünf Freunde“-Romane von Enid Blyton förmlich verschlungen. Ein bisschen von dieser heile Welt-Stimmung wollte ich wohl einfangen, bevor ich dranging, das bisherige Leben meiner Figuren zu zertrümmern. Das unterschiedliche Auftreten der Figuren habe ich dabei von den familiären Umständen abhängig gemacht. Und natürlich auch von den Schockeffekten, die ich später setzen wollte.

Es gibt ja Leute die immer noch in Erinnerungen an deine Lesungen aus Weisser Schrecken schwelgen, besonders aufgrund deiner stimmlichen Akrobatik. Wäre es für dich vorstellbar deinen Roman als Hörbuch selbst einzulesen und wird es eines geben?

Dank dir für das Kompliment. Ich lese tatsächlich gern. Und natürlich versuche ich meine Lesungen möglichst unterhaltsam zu gestalten. Es gibt für mich nichts Schrecklicheres, als Lesungen, bei denen der Text vom Vorlesenden einfach nur abgespult wird. Bei Hörbüchern bin ich allerdings skeptisch. Das sollten lieber ausgebildete Profis einlesen.

Welche Figur aus deinem aktuellen Roman würdest du gerne einmal persönlich treffen und warum?

Radiomoderator Mad Mike. Ich weiß, das ist eine absolute Randfigur, aber den sah ich förmlich am Pult seines Senders sitzend, während er ins Mikro sprach. Dessen Quasselei adäquat auf Papier zu bannen, hat viel Spaß gemacht.

Wenn man einmal durch deine bisher veröffentlichten Romane blättert, stellt man schnell fest dass du offenbar nicht auf ein spezielles Genre / Subgenre festgelegt bist, sondern sowohl Fantasy als auch Mystery / Horror und Jugendbücher bzw. All Age schreibst. Ist es für dich mehr die Geschichte als das konkrete Genre, das dich reizt oder gibt es doch eine Nische in der du am wohligsten fühlst?

Horror, Mystery, Fantasy, Science Fiction – all das gehört für mich zum aufregenden Genre der Phantastik. Ich habe da keine speziellen Vorlieben. Ich mag alles. Wirklich. Hauptsache, die Geschichten sind spannend, aufregend und haben diesen gewissen sense of wonder. Ich bin auch sehr glücklich darüber, dass ich mir gewisse Freiheiten erhalten habe. Ob das allerdings gut für die Karriere ist, steht auf einem anderen Blatt. Autoren werden ja für gewöhnlich mit einem bestimmten Genre in Verbindung gebracht. In diesem Sinne steht für mich also tatsächlich die Geschichte im Vordergrund.

Da du die Zehnermarke der Buchveröffentlichungen bereits hinter dir gelassen hast und somit durchaus als alter Hase des Genres beschrieben werden kannst, ist natürlich dein Blick auf die Wandlung der Fantasy / Phantastik ganz interessant.
Wie würdest du die Entwicklung der Fantasy skizzieren, beginnend bei deiner ersten eigenen Veröffentlichung bis heute? Wo siehst du, auch für deutsche Autoren, positive Veränderungen und auch negative?

Diese Frage ist wirklich schwierig zu beantworten. Keiner weiß, welche Entwicklung die Phantastik morgen erleben wird. Als Autor ist man letztlich dazu gezwungen, seinem eigenen Gespür zu vertrauen und dann auf einen Verlag zu hoffen, der diesen Weg mitgeht. In der Retrospektive kann man aber feststellen, dass die deutsche Phantastik erwachsener geworden ist. Noch vor ein paar Jahren war es die High Fantasy, zu der die Leser hauptsächlich gegriffen haben, heute sind die Leser weit mehr als früher bereit, die Autoren auch zu anderen Welten zu begleiten.
Die wichtigste Änderung für uns deutsche Autoren ist aber sicher die, dass die Leser uns heute überhaupt zutraut, spannend und bewegend zu erzählen. Noch vor zehn Jahren mussten sich deutsche Autoren oft ein englisches Pseudonym zulegen, damit sie überhaupt eine Leserschaft fanden.

Weisser Schrecken ist moderne fantastische Literatur, spannende All Age Fantasy / Mystery. Ist dieser Roman so etwas wie ein zukünftiger Wegweiser für dich oder könntest du dir vorstellen dich den Klassikern bzw. Evergreens des Genres noch einmal zu widmen und dich schriftstellerisch in einem mittelalterlichen Elfen – Zwerge – Ork Setting zu bewegen?

Aber klar. Da gilt das, was ich eben schon ausgeführt habe. Mir kommt es darauf an, spannende und aufregende Geschichten zu schreiben. Das Genre ist zweitrangig, wenn die Idee nur klasse ist. Phantastisch dürfen die Geschichten bei mir aber schon sein.

Die Krampusläufe, das Nikolausfest, der grosse Hamburger Brand von 1842 – Hast du schon ein Augenmerk auf ein weiteres historisches Ereignis geworfen, gehst einem alten Brauch auf den Grund oder stöberst gerade erneut den Bruchstücken regionaler Legenden nach?

(Lacht) Das will ich nicht ausschließen. Wobei ich es aber auch ganz befreiend fände, mal einen Thriller abseits akribischer Geschichtsstudien zu schreiben.

Zum Abschluss gib uns doch bitte noch einen Einblick in deine Planung deiner zukünftigen Buchprojekte.

Derzeit schreibe ich an Mind Control, einem Space Fiction-Roman, der in Markus Heitz Justifiers-Universum angesiedelt ist. Ich bewege mich also gerade schon wieder in einem komplett anderen Genre. Aber was soll ich sagen: Es macht einen riesigen Spaß!

Vielen Dank für die tollen und interessanten Antworten!

Rezension zu dem Buch: Weisser Schrecken

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