Mit Der letzte Traumwanderer eröffnete Christoph Lode seine Fantasy Trilogie Pandaemonia und gewährte den Einblick in eine faszinierende Welt, die sich im Umbruch, von ihren magischen Wurzeln in eine technische Moderne, befindet. Eine Zeit schicksalhafter Entscheidungen und dramatischer Entwicklungen, in denen ein junger Schlammtaucher und ein verwaister Blitzfänger in den Strudel eines drohenden Kollapses ihrer Stadt Bradost geraten.
Erfreulicherweise war Christoph Lode bereit ein wenig über seine aussergewöhnliche Trilogie, das Erschaffen eigener fantastischer Welten, seine Vorliebe für düstere Szenarien u.v.m. zu plaudern.

Viel Spass mit dem Interview mit Christoph Lode!

Einigen Fantasy Lesern mag dein Name vielleicht noch nicht so viel sagen, liegt doch mit Der letzte Traumwanderer dein erster Roman in diesem Genre vor.
Wie bist du zum Schreiben gekommen und was fasziniert dich am Geschichten erzählen?

Wie die meisten Autoren habe ich als Jugendlicher mit dem Schreiben angefangen, aber richtig ernsthaft betreibe ich es erst seit gut zehn, zwölf Jahren. Damit begonnen habe ich, weil ich Geschichten erzählen wollte, die andere Menschen packen, so wie mich die Lieblingsbücher und -filme meiner Jugend gepackt haben. Ein kluger Mensch, ich glaube, es war Tarantino, hat mal sinngemäß gesagt: Wenn du schreibst, erinnere dich daran, wie du als Kind sehnsüchtig auf den nächsten Star-Wars-Film gewartet hast und tagelang an nichts anderes denken konntest – nimm diese Energie und steck sie in deine Geschichten. Genauso ist das bei mir.

Mit Der Gesandte des Papstes ist im Februar 2008 dein erster Roman erschienen, es folgte Das Vermächtnis der Seherin, im Dezember 2008. Wieso hast du dich nach zwei eher historischen Romanen entschlossen dich nun der Fantasy zuzuwenden? Was hat dich an diesem Genrewechsel gereizt?

Ein richtiger Genrewechsel ist das eigentlich nicht. Meine früheren Bücher sind keine reinen historischen Romane, sondern haben einen starken phantastischen Anteil und sind auch vom Plot und vom Feeling her im Grunde Fantasy. Reizvoll war für mich, einen Schritt weiter zu gehen und mit der Pandaemonia-Trilogie eine eigene Welt zu erschaffen, statt die Geschichte wie im „Gesandten“ und dem „Vermächtnis“ in einer magisch verfremdeten Version des irdischen Mittelalters anzusiedeln.

Dein Background als Autor von Büchern mit einem historischen Setting ist in Der letzte Traumwanderer deutlich spürbar. Wie hilfreich war diese Erfahrung, um die Welt der Pandaemonia Reihe, mit all ihrer Komplexität zu erschaffen?

Tatsächlich, spürt man das? Das war mir beim Schreiben gar nicht bewusst – obwohl bei der Erschaffung der Pandaemonia-Welt die Erfahrung, die ich mit meinen historisch-phantastischen Romanen sammeln konnte, natürlich sehr hilfreich war. Historische Romane erfordern sehr viel Recherche, und das schult den Blick fürs Detail; außerdem bekommt man ein Gefühl für die Gesetzmäßigkeiten, die einer bestimmten Gesellschaft, Kultur oder Epoche zugrunde liegen. Das macht es natürlich leichter, eine glaubwürdige fiktive Welt zu erschaffen, die in sich stimmig ist und eine gewisse Tiefe hat, sodass sie dem Leser „real“ vorkommt, trotz all der fantastischen Elemente.

Der letzte Traumwanderer bettet Fantasy Elemente wie z.B. Alben, Gestaltwandler und Magie in eine leicht viktorianisch wirkende Welt, man könnte auch von Steampunk sprechen. Wie ist der beeindruckende Weltenbau der Pandaemonia Trilogie entstanden? Warum kein herkömmliches frühes Pseudo-Mittelalter?

Die Pandaemonia-Welt hat einen langen Weg hinter sich und hat sich während der Konzeptarbeit mehrmals stark verändert. Ich habe, sogar noch während des Schreibens, die Details ständig neu gewichtet und neue Einzelheiten hinzugefügt und weggelassen, bis sich die Welt endlich „richtig“ angefühlt hat und so beschaffen war, dass sie zu der Geschichte, die ich erzählen wollte, optimal passt. Der Hintergrund, wie man ihn jetzt in den Büchern vorfindet, hat mit den allerersten Entwürfen keinerlei Ähnlichkeit mehr. Die Welt war mal sehr stark an die italienische Renaissance angelehnt. Kaum zu glauben, oder?

Dass ich mich gegen ein mainstreamiges Fantasy-Mittelalter entschieden habe, liegt schlicht und einfach daran, dass mich High Fantasy, von wenigen Ausnahmen abgesehen, inzwischen nicht mehr so wahnsinnig interessiert. Ich habe das Gefühl, in der „tolkienesken“ Fantasy ist alles gesagt, was es zu sagen gibt, weshalb ich das Bedürfnis habe, in eine andere Richtung zu gehen. Vielleicht sehe ich das mal anders, wenn ich einen Ansatzpunkt finde, der High Fantasy etwas Neues hinzuzufügen.

Hinzu kommt ein ganz banaler Grund: Ich habe vor Pandaemonia drei Romane geschrieben, die im Mittelalter spielen. Warum dann noch ein Mittelalter-lookalike erfinden?

Gab es bei dir keine Befürchtungen, dass dieser Steam & Sorcery Weltenbau eventuell auf Ablehnung treffen könnte, gerade weil du nicht unbedingt das Genretypische erfüllst, sondern einen eigenen Weg gehst? Oder anders gefragt, wie wichtig ist es dir als Fantasy Autor auch wirklich etwas Eigenes und Fantasievolles zu entwickeln?

Steam & Sorcery, sehr schön, die Bezeichnung kannte ich noch gar nicht. Um ehrlich zu sein, war ich vor dem Erscheinen von „Der letzte Traumwanderer“ nervöser als vor meinem Debütroman. Zum einen, weil ich die Branche inzwischen besser kenne und weiß, was alles schief gehen kann – und zum anderen, weil ich mich natürlich gefragt habe, ob das Publikum meinen leicht abseitigen Weltenentwurf annimmt. Momentan tendiere ich zu einem zögernden „Ja, tut es“, denn die Reaktionen auf den Roman waren bis jetzt durchweg positiv. Aber nach gerade einmal drei Wochen nach dem Erscheinungstermin ist es natürlich noch viel zu früh, das abschließend zu bewerten.

Als Autor etwas Eigenes und Neues zu schaffen, ist mir persönlich sehr wichtig, obwohl mir klar ist, dass das heutzutage nur noch in Nuancen möglich ist. Alle Geschichten wurden irgendwann schon einmal erzählt, und wenn man auf Gedeih und Verderb originell sein will, wirkt das Resultat oft bemüht. Daher versuche ich in all meinen Romanen, auch in der Pandaemonia-Trilogie, Vertrautes mit Neuem zu mischen.

Die Situation in Bradost spitzt du in einen historischen und gesellschaftlichen Konflikt zu. Lady Sarka konnte sich auf den Thron putschen und regiert mit eiserner Hand. Auf den Strassen rumort es und die Bevölkerung ist aufständisch. Dieses Moment, von massiver Überwachung und hartem Durchgreifen, durch die Spiegelmänner, auf der einen Seite und dem Rebellionswillen der Menschen auf der anderen Seite, wird noch verstärkt durch das Verschwinden der alten Völker und Wesen.

Was hat dich an dem Erschaffen, und dem Spiel mit, einem solch speziellen Szenario gereizt?

Das Verschwinden der Magie aus der Welt ist ja ein ganz altes Motiv der Phantastik, und ich wollte es unbedingt einmal auf meine Weise erzählen, denn mir gefällt die Melancholie, die darin mitschwingt: Einerseits weiß man, dass Magie und Aberglaube in einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft nichts zu suchen haben, andererseits haben viele Menschen, mich eingeschlossen, das Gefühl, dass eine durchorganisierte Welt ohne Geheimnisse und Magie ärmer ist.

Bradost mit seinen Unruhen, den Spiegelmännern, Lady Sarka und den Ghulen ist entstanden, weil ich persönlich als Leser, Comicfan und Filmfreund düstere und morbide Szenarien bevorzuge. Mordor finde ich einfach spannender als das Auenland, und John Constantine ist mir tausendmal sympathischer als Superman.

Statt einem typischen Heldengespann erleben wir in Der letzte Traumwanderer zwei Hauptfiguren mit gänzlich entgegengesetzten Motivationen. Zu ihnen gesellen sich dann zwei weitere mögliche Gefährten, aber du hältst den Eindruck einer gewissen Disharmonie aufrecht.
Was hat dich dazu veranlasst im Auftaktband erstmal nicht auf eine Friede-Freude-Wir-retten-die-Welt- Abenteurergruppe zu setzen?

Siehe oben. Die Helden-Schicksalsgemeinschaft der High Fantasy ist ein Konzept, das mich langweilt. Ich finde Figuren, die persönliche Schwächen und Ängste haben und sich anstrengen müssen, um ihre Konflikte und Differenzen zu überwinden, glaubwürdiger und liebenswerter als vollkommene Helden, die ein gemeinsames Schicksal leitet. Außerdem können sich Helden kaum entwickeln, im Gegensatz zu gewöhnlichen Leuten. Ein Held ist fertig in seiner Entwicklung. Ein normaler Mensch muss über sich hinauswachsen, um Probleme von epischer Tragweite zu lösen.

In Pandaemonia 1 eröffnest du den Blick in das Reich der Träume, eine unwirklich erscheinende Metropole aus Seelenhäusern. Wie ist diese Parallelwelt entstanden und welchen Einfluss hatte die moderne Traumforschung auf ihre Gestaltung?

Ich stand vor dem Problem, dass ich über Träume schreiben wollte, es dazu in der phantastischen Literatur aber schon sehr viel gibt und ich keinen Abklatsch von Gaimans „Sandman“ oder Lovecrafts „Dream Cycle“ fabrizieren wollte. Also habe ich angefangen zu recherchieren und mir angeschaut, wie verschiedene Mythologien das Thema Träume behandeln. Als ich ein paar Ansatzpunkte hatte, die mir gefielen, habe ich darüber mit einer befreundeten Tiefenpsychologin gesprochen, die viel von moderner Traumforschung versteht. So ist das Konzept der Seelenhäuser entstanden.

Band zwei trägt hierzu passend den Titel Stadt der Seelen und deutet sich noch einmal fantastischer als sein Vorgänger an. Kannst du schon etwas über das Pandaemonium, das in Teil zwei, der im Februar 2011 bei Goldmann erscheint, eine bedeutendere Rolle spielen wird verraten?

Band 2 der Trilogie ist deutlich düsterer als Band 1, denn Vivana, Lucien und Nestor Quindal steigen ins Pandaemonium hinab, den Kerker der Dämonen und Verlorenen Seelen, wo es, wie man sich denken kann, nicht gerade anheimelnd zugeht. Mehr verrate ich nicht. Nur so viel: Man erfährt darin einiges über die titelgebende Stadt der Seelen und die großen Zusammenhänge zwischen den Traumlanden, der Welt der Menschen und dem Pandaemonium. Auch viele andere Fragen werden beantwortet – etwa die, wie Umbra zu der Person wurde, die sie heute ist.

Welche Figur aus der Pandaemonia Reihe würdest du gerne einmal persönlich treffen?

Umbra Malumo. Wobei ich befürchte, dass sie nicht viel von Schriftstellern hält und keine Geduld mit mir hätte.

Voraussichtlich im Mai 2011 erscheint dann auch beim Goldmann Verlag Die Bruderschaft des Schwertes, ein Buch, das im byzantinischen Reich Anno 1309 angesiedelt ist. Was steckt in diesem Mix aus Fantasy und historischem Roman, als den es sich ankündigt?

Der Roman ist ähnlich wie seine Vorgänger „Der Gesandte des Papstes“ und „Das Vermächtnis der Seherin“ aufgebaut; tatsächlich handelt es sich um die Fortsetzung des „Gesandten“ und greift zudem einige Ereignisse und Figuren aus dem „Vermächtnis“ auf. In allen drei Romanen kombiniere ich historische Ereignisse mit phantastischen Elementen, und „Die Bruderschaft des Schwertes“ ist wieder eine actionreiche Abenteuergeschichte. Der Roman unterscheidet sich nur insofern von den anderen Büchern, dass man ihm diesen Genremix auf den ersten Blick ansieht, denn glücklicherweise hat sich der Verlag entschieden, ihn nicht als reinen historischen Roman zu vermarkten, sondern einen neuen Weg zu gehen.

Welche Bedeutung hat abschließend fantastische Literatur als Leser und Autor für dich?

Phantastische Literatur hat mich als Kind zum Lesen gebracht, und bei guter Phantastik spüre ich auch als Erwachsener diesen speziellen sense of wonder, der immer noch die beste Medizin gegen die Banalitäten des Alltags ist. Als Autor versuche ich, dieses Gefühl auf Papier zu bannen, damit meine Leser in den Genuss davon kommen.

Vielen Dank für die tollen und ausführlichen Antworten!

Homepage des Autors: Christoph Lode

Advertisements