Schleswig Holstein, 1913: Es ist der staubige, stille Dachboden, auf den es die 14jährige Mina immer wieder zieht. Auf leisen Sohlen, um dem strengen Tadel der Mamsell zu entgehen, schleicht sie hinauf, an den einzigen Platz in dem Gutshaus wo das Träumen nicht gerügt wird. Dort wartet sie, die alte Spieluhr, mit den abgebrochenen Figuren, nur die zarten Füsse der Tänzerinnen sind noch zu erkennen und doch spielt sie unermüdlich ihre Melodie, zu der Mina im Staubschimmer tanzend kreist. Es hat lange gedauert bis Mina eines der Geheimnisse der Spieluhr lüften konnte und das versteckte Fach entdeckte. Das Fach mit dem Medallion und den beiden fremden und doch vertrauten Jungengesichtern in ihm…

Es sind stets fröhliche Abende für Wilhelmina wenn der Doktor wieder einmal zu Besuch kommt. Kaum ein Erwachsener schenkt ihr so viel Aufmerksamkeit wie der gebildete und weltgewandte Arzt, der zwischen all den Erwachsenengesprächen immer ein freundliches Wort für sie hat. Aber jeder dieser Abende endete, wie es für jedes Kind sein muss, mit dem Gang ins Bett, während die Erwachsenen sich plaudernd in den Salon zurückziehen. Doch dieser Abend birgt eine andere Wendung für Mina. Die kalten Spiegel der Brille, die sich durch die Dachbodenluke schieben, das milde Lächeln, mit dem Verrückte und Tagträumer bedacht werden. Mina wurde ertappt, wie sie mal wieder gedankenversunken auf dem Dachboden tanzte, immer und immer wieder die Spieluhr neu aufzog. Mina soll auch fortgebracht werden. Dem Mädchen stehen Schreck und Unverständnis ins Gesicht geschrieben, als sie den Worten ihrer Eltern und des Doktors an der Tür lauscht, doch dann antwortet ihr jemand. Die verzaubernde Melodie ihrer Spieluhr weht in das Gutshaus und Mina folgt ihr in die Nacht hinaus auf eine Reise in eine magische, menschenvergessene Welt…

Mit ihrem Romandebüt Der siebte Schwan legt Lilach Mer ein eindrucksvolles, gefühlvoll geschriebenes und märchenhaftes Jugendbuch vor. Die Geschichte um die mutige Mina führt den Leser in das Schleswig Holstein im Jahre 1913, ohne ein Regionalroman zu sein, dafür aber ein modernes, verträumtes Märchen, das schlichtweg wundervoll geschrieben ist. Lilach Mer greift sehr gekonnt das gutshöfische Leben, mit all seinen Anforderungen an ein 14jähriges Mädchen, auf und verspinnt dieses mit dem freien Leben der Tater. Fahrendes Volk, Kinderdiebe, Zigeuner,… das sind, einem alten norddeutschen Ausdruck entsprechend, die Tater. Leicht angelehnt an die historischen Beschreibungen der Roma hat die Autorin eine eigenständige Gemeinschaft von naturverbundenen Wanderern (zwischen den Welten) erschaffen und um sie den Hauch geheimnisvoller Magie gelegt. Doch das freie Leben in verborgenen Wäldern, an magischen Weihern und der Einklang mit der Natur bekommen eine sterile Realität entgegengesetzt. Die Entwicklung der Anstaltspsychiatrie, das Wegsperren und Institutionalisieren von Auffälligkeiten, brutale Heilungsexperimente und chirurgische Eingriffe an den Schädeln der sog. Geisteskranken.

Minas Flucht vor den Fängen des Doktors wird zu einer Suche in einer traumhaften Welt neben der Unseren. Äusserst gefühlvoll und filigran geschrieben enthüllt Lilach Mer ihre höchst nachvollziehbare Hautfigur und bindet den Leser sehr eng an diese. Neben der plastischen historischen norddeutschen Kulisse ist es vor allem die Feinfühligkeit mit der Lilach Mer ihre Figuren entstehen lässt, welche die grösste Stärke dieses Buches ist. Sie führt den Leser sanft an das Leben von Mina und ihre widersprüchlichen Gefühle heran und lässt ihn die Wunder im Kreise der Tater durch Minas staunende Augen erblicken.

Ein sprechender und höchst anständiger Kater, ein Schlangengott, gefangene Schwäne, ein hasserfüllter Hausgeist und noch einiges mehr machen Der siebte Schwan zu einem aussergewöhnlichen Fantasy Lesegenuss. Irgendwo zwischen historischer Urban Fantasy und märchenhafter Romantik hat sich dieses Buch mit einer tollen Geschichte verortet, die sowohl Spannung, als auch dieses ganz besondere Element, welches eigentlich nur erzählten Märchen innewohnt, bereithält. Ein Element, das Kinderaugen beim Lauschen aufleuchten lässt und Erwachsene zu gebannten Träumern macht. Eine wundervolle Geschichte, die wundervoll geschrieben ist und auf weitere Werke der Autorin hoffen lässt.

Lilach Mer: Der siebte Schwan – Märchenhafte Fantasy, in einer verträumten, wundervollen und fabelhaften Welt, mit starken, tiefgründigen Figuren und einer schaurig-schönen Geschichte.

Mehr zu dem Buch: Der siebte Schwan

Nachgefragt bei der Autorin: Interview mit Lilach Mer

Buchfakten:
Lilach Mer
Der siebte Schwan
Roman
Originaltitel: Der siebte Schwan
Paperback, Klappenbroschur, 560 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-52749-2
Verlag: Heyne
Erscheinungstermin: Januar 2011

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