Die hinterste Reihe im Klassenraum der, nach Bestnoten strebenden, 9c ist von Joschel belegt. Dort hat er sein Versteck vor der fordernden Tyrannei des Lernstoffs und seinen gnadenlosen Handlagern, der Lehrerschaft, errichtet und sich zudem den höhnischen Blicken der Klassenbesten und den Spässen der Coolen weites gehend entzogen.
Stets mit einem frisch erblühten Pickel im Gesicht und von seiner alternativ-esoterischen Mutter Hanne, mit deren diversen spirituellen Abendkursen und wechselnden Kurzzeitbeziehungen, genervt, schlägt sich Joschel mehr schlecht als recht durch sein neuntes Schuljahr. Bis etwas äusserst ungewöhnliches passiert.

Joschel, die gehänselte Randnotiz im Streberverbund seines Jahrgangs, schreibt einen perfekten, fehlerfreien Aufsatz. Von seiner Mutter zum Hochintelligenten ernannt, von seinen Mitschülern mit Hass und Argwohn bedacht, scheint Joschels einzige Hilfe, der glatzköpfige, muskulärer neue Mitschüler zu sein, der einen unnatürlichen Hang zum Abfackeln hat…

Fausto Flamingo Esteban de Rioja geniesst in seinem neuen Heim einen Festschmaus nach dem anderen. Hefteweise Rechtschreibfehler stapeln sich zwischen alten Socken und verblichenen Erinnerungen an eine nie dagewesene wirkliche Familie unter dem Bett des fremden Jungen. Aufsätze, Diktate und Briefe quellen vor Rechtschreibfehlern, einem überschwänglich aufgetragenen Buffet gleich, aus dem Papier hervor. Es war eine Kiste mit Altpapier, die Hanne mitbrachte und jubelnd erklärte einen unglaublichen Schatz an total kultigen Zeitschriften und Magazinen am Strassenrand aufgelesen zu haben. Eine typische Hanne Aktion. Zwischen dem Totempfahl, verstreuten Tampons, Esoterik Büchern und ausgeschnittenen Bio Hirse Rezepten stapelte sich nun ein Berg Altpapier, aus dem es seltsam raschelte.
Ein Bücherdämon. Und als das haarige Knäuel feierlich erklärt seinem neuem Meister nach den acht unumstösslichen Regeln des Dämonenkodex zu dienen, beginnt in Joschel ein Plan zu reifen. Doch mit Plänen ist es bei Joschel so wie mit seinen Pickeln. Sie entstehen, schwellen bedrohlich an, lösen unvorhergesehene Nebenwirkungen aus und platzen in den denkbar schlechtesten Momenten…

Mit seinem Magischen Bestseller Fledermausland debütierte Oliver Dierssen 2009 und konnte mit ihm den Deutschen Phantastik Preis 2010 für das beste Debütwerk einheimsen. Mit einer flotten Geschichte, die frisch und witzig daherkommt, legt der Autor nun sein zweites Buch vor und festigt seinen Ruf als schreibender Individualist und humoristischer Fantasy Geschichtenerzähler, der seine Abenteuer aus einem skurrilen Blickwinkel auf  scheinbar belanglose Alltäglichkeit spinnt. So ist auch Fausto eine (wenn vom Autoren auch mit Unbehagen betrachteter Begriff) Funny Fantasy Geschichte, die durch ihre Unverwechselbarkeit und amüsante Note einfach zu erfreuen weiss. Joschel und seine Mutter Hanne sind sicherlich punktuell bewusst überzogen geformte Figuren, aber gerade hier liegt auch ihr Reiz für den Leser. Wo andere Jugendliche sich mit Aknerötungen herumplagen, schwellen in Joschels Gesicht wahre Hörner heran und wo manche Frauen irgendwann zu Selbstfindungskursen und esoterischen Treffen gehen, lebt Hanne für all diese „Erkenntniserweiterungen“ und bastelt aus ihnen eine schillernde Alltagsreligion.

Oliver Dierssen verknüpft in Fausto sehr gekonnt Probleme und Situationen aus der jugendlichen Erlebniswelt mit dem gewitzten Moment einer quirligen phantastischen Erscheinung Namens Fausto Flamingo Esteban de Rioja und entwickelt ein spannendes Abenteuer zwischen Schulanforderungen, Tennissockenstrebern, Pausenhofschlägern, fanatischen Lehrern und den Wirren der ersten Liebe, samt all ihrer Hoffnungen und Peinlichkeiten.
Hier wird Urban Fantasy nicht zu einer Welterrettungsgeschichte, sondern zu einem spritzigen Abenteuer zwischen Küche und Schulhof, und dies ohne Spannung zu verlieren oder auf Action, rasante Momente und einen grossen Showdown zu verzichten. So ist dieser Roman ein flottes Lesevergnügen, das sich nicht ausschließlich an jugendlicher Leser richtet, sondern besonders Erwachsene in den Bann ihrer, teilweise zurecht verdrängten, jugendlichen Erinnerungen zieht und durch eine tolle Hauptfigur überzeugt, die nicht zum albernen Clown degradiert wird, sondern mit Facetten und augenzwinkernder Tiefe aufwartet. Dies gilt ebenso für sämtliche der sehr unterhaltsamen Nebenfiguren, die so schräg gezeichnet sind, das sie schon wieder die Nachbarn von nebenan sein könnten. Das knuffige I-Tüpfelchen setzt dem Fantasy Roman natürlich der unersättliche, fehlerfressende Bücherdämon Fausto auf, den die Leserschaft ganz sicher in ihr Herz schliessen wird.

Oliver Dierssen: Fausto – Ein ungewöhnlicher Fantasy Roman, mit einer sehr amüsanten Geschichte, die sich locker lesen lässt und doch spannend daherkommt. Ein schön gestaltetes Buch, das durch seine individuellen Figuren, schrägen Wendungen und einen ganz eigenen phantastischen Flair, im tristen Hannoverschen Jugendalltag, überzeugt und einfach Spass macht.
Erfrischend, unkonventionell, dämonisch.

Mehr zu dem Buch: Fausto

Buchfakten:
Oliver Dierssen
Fausto
Roman
Erscheinungstermin: Januar 2011
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 448 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
31 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-453-26001-6
Verlag: Heyne

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