Mit ihrem märchenhaften Romandebüt Der siebte Schwan war Lilach Mer 2009 eine der Gewinnerinnen bei dem grossen Heyne Fantasy Wettbewerb um den „Magischen Bestseller“. Erfreulicherweise hat sich die Autorin bereit erklärt ein paar Fragen zu ihrem einfühlsam geschriebenen Buch zu beantworten und ein wenig über die phantastischen Züge Schleswig Holsteins, den Zauber von Parallelwelten, die Entstehung ihrer Tater, Märchen und deren Bedeutsamkeit und zukünftige Schreibprojekte zu plaudern.

Viel Spass mit dem Interview mit Lilach Mer!

Bevor wir uns näher mit deinem Roman befassen, erzähl uns doch bitte ein wenig über dich. Wie bist du zum Schreiben von phantastischen Geschichten und dann 2009 auf das Siegertreppchen der Heyne-Ausschreibung um den Magischen Bestseller gekommen?

Ich habe immer schon geschrieben, Phantastisches, Historisches, Modernes – alles Mögliche, aber nur für mich oder mit Freunden zusammen. Ich fand alles, was ich schrieb, herzlich schlecht, jedenfalls nicht für die Öffentlichkeit geeignet. Deshalb habe ich erst einmal studiert, Examen gemacht, promoviert … und weiterhin nur nebenbei geschrieben.

Aber dem Heyne-Wettbewerbs-Aufruf konnte ich einfach nicht widerstehen. Er war so freundlich und so einladend gemacht, gerade das Richtige für ängstliche Naturen wie mich. Die kleine Geschichte um Mina spann sich fast von selbst in mir zurecht – was auch gut war, denn ich hatte nur sehr wenig Zeit, die 70-100 Seiten zu schreiben, die man einreichen sollte: ein verlängertes Wochenende, um genau zu sein. Und auch dieser Druck wiederum war gut, denn hätte ich Zeit zum Nachdenken gehabt, ich hätte mich wohl doch wieder nicht getraut. Ich hatte jedenfalls fürchterliches Herzklopfen, als ich den dicken Packen schließlich in letzter Minute zur Post geschleppt habe. Und als dann eine Weile später tatsächlich der Anruf kam – mir sind zum ersten Mal im Leben wortwörtlich die Knie weich geworden. Ein Wunder, dass ich das Finalisten-Vorlesen auf der Leipziger Buchmesser überhaupt überlebt habe … Ich glaube, ich habe entsetzlich schlecht gelesen, aber immerhin bin ich nicht in Ohnmacht gefallen, und die Jury war sehr nett und hat es nicht übelgenommen.

Mit Der siebte Schwan hast du ein wundervolles Märchen geschaffen und seine Geschichte im Schleswig-Holstein des Jahres 1913 angesiedelt. Was war ausschlaggebend für diese Orts- und Zeitwahl?

Als Kind habe ich viel Zeit in Schleswig-Holstein verbracht – in einem winzigen Dorf an der Schlei, zwischen Feldern und Knicks und sumpfigen Wiesen. Wir spielten dort den ganzen Tag draußen, machten uns Flitzebögen, kletterten die Bäume hoch und runter. Waren Elfen oder Helden, Seeräuber, Ritter, Monster … Das Land ist zeitlos, auf seine Art, und es steckt so voller Geheimnisse und Seltsamkeiten. Uralte Bäume mit merkwürdig verschlungenen Ästen, wie Zeichen … das trockene Wispern des Schilfs, das einem irgendetwas zu sagen versucht … die unglaublich weiten Felder, so still, so leer, so einsam, in denen sich plötzlich irgendetwas Unsichtbares zu bewegen scheint, als ob die Roggenmuhme durchs Korn streicht. Es war mir ganz klar, dass mein allererstes phantastisches Jugendbuch dort spielen müsste (ich habe dabei allerdings das markerschütternde Heuschnupfenniesen, das überall auf dem Land immer meine Gegenwart zuverlässig anzeigte, einmal weggelassen ;-)).

Was die Zeit angeht – nun, es ist natürlich ein sehr „deutsches“ Datum, 1913. Mit dem Ersten Weltkrieg nur noch wenige Monate entfernt, ist es vielleicht das letzte Jahr der „Unschuld“, wenn man so will – die letzten Atemzüge einer bestimmten Lebensweise, die in den Kriegen dann zugrunde ging, zugrunde gehen musste, weil sie sie selbst mit verschuldet hatte. Minas Geschichte und die ihrer Brüder, auch die der Tater, haben viel damit zu tun. Aber dieses Zeitelement steht insgesamt im Buch nicht im Vordergrund.

Der siebte Schwan könnte als ein märchenhaftes Jugendbuch bezeichnet werden, Heyne deutet einen Mix aus Alice im Wunderland und Die unendliche Geschichte an. Hast du ein Faible für märchenhafte Erzählungen und welche Bedeutung haben diese für dich als Leserin und Autorin?

Ich denke, Märchen, Mythen und Sagen sind die ursprüngliche „Fantasy“-Literatur; sie sind die Geschichten, die der Mensch sich selbst erzählt, um sich die Welt, ihre Wunder und Grausamkeiten, verständlich zu machen. Und er erzählt sie schon seit Jahrtausenden, also sind sie inzwischen unschlagbar gut geworden. Ich verschlinge sie, wo ich sie nur finden kann!

Es ist eine kaputte, alte Spieluhr, die Mina in eine wundersame Parallelwelt fliehen lässt. Was hat dich gereizt, Musik und ihren Melodien eine so zentrale Rolle in deinem Buch zu geben?

Ich bin selbst sehr durch Musik beeinflussbar, kann sie auch nicht einfach nebenbei hören, wenn sie gut und eindringlich gemacht ist. Und der Klang von Spieluhren hat für mich, wie für viele Menschen, noch einen ganz besonderen Zauber. Er erinnert natürlich an die Kindheit, aber dieses seltsame, stockende, metallische Zirpen hat auch etwas anderes an sich – etwas, das wie aus einer anderen Welt herüber weht. Es musste deshalb einfach eine Spieluhr sein, die Mina auf ihren Weg schicken würde!

Welche Figur aus deinem Buch würdest du gerne einmal persönlich treffen und warum?

Ach, alle Tater natürlich, liebend gern! Ich könnte Pipa necken, mit Viorel flirten, mit Rosa tratschen; mir von Lilja Kräutergeheimnisse verraten lassen und wie sie ihre Haare so toll hinbekommt … Nein, im Ernst, diese ganze Gruppe ist mir persönlich sehr sympathisch. Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als mit ihnen eine Nacht voller alter Lieder und Geschichten unter Bäumen und Sternen im Taterlock zu verbringen.

In Der siebte Schwan spielt die Anstaltspsychiatrie eine bedrückende Rolle und du hast auch entsprechend zu dem Thema recherchiert. Wie war es für dich, diese Auseinandersetzung mit dem Thema und all seinen historischen Schattenseiten zu führen und in deine Geschichte einzubinden?

Um ehrlich zu sein, nicht sehr schön. Ich habe natürlich wesentlich mehr lesen müssen, als ich nachher verwendet habe; und ich habe vieles nicht einmal angedeutet, weil es sich schlicht nicht für ein „all age“-Buch eignete. Da gibt es Bilder, die einem noch jahrelang im Kopf herumspuken, in all ihrer Entsetzlichkeit … Aber ich denke letztlich darüber wie über die Zeitbezüge, die ich schon angesprochen habe: Man muss auch um die entsetzlichen Dinge wissen, sie gehören dazu. Sie sind das schwarze, stinkende Moor, aus dem die schimmernden Fantasy-Pflanzen überhaupt erst wachsen können – die Wünsche, die Sehnsüchte nach einer besseren Welt, nach einem Zauber, alles Schlechte ungeschehen machen zu können. Den Zauber findet man natürlich nie – aber wenigstens danach zu suchen, kann schon helfen.

Wie bist du auf die, in dem Buch sehr schön illustrierten, Zigeunerzinken und ihre geheimnisvollen Botschaften gestossen?

Ich wusste schon früher von diesen Zinken, wenn auch nur sehr Vages, fand sie immer schon faszinierend. Als ich anfing, mich mehr damit zu beschäftigen, musste ich dann allerdings sehr tief graben, um wirklich historisch Belegtes zu entdecken. Vor allem nach richtigem Anschauungsmaterial, nach echten alten Zinken, musste ich Ewigkeiten suchen. Es war ein Glücksgriff, dass ich schließlich auf die alte Zeitschrift gestoßen bin, von der ich auch im Nachwort schreibe, mit Abbildungen von Hunderten solcher Zinken.

Ich habe versucht, mich mit deren Systematik vertraut zu machen und sie dann sozusagen auf meine eigene jeweilige „Botschaft“ zu übertragen – frei allerdings, denn die meisten alten Zinken erzählen eher nicht von rätselhaften Schwänen und dergleichen (obwohl, viele sind selbst heute nicht entschlüsselt …). Sie zeigen aber zum Beispiel bestimmte Bewegungen an, jemand, der von hier nach dort zieht und dabei gefährliche oder schöne Orte passiert – all das hat bestimmte, oft winzige Zeichen, die sich gut anpassen ließen. Ich werde in der nächsten Zeit auf meinem kleinen Blog (lilachmer.blogspot.com) noch etwas mehr dazu schreiben und den einen oder anderen Zinken auch einmal „aufschlüsseln“, da viele nach ihnen fragen.

Dass sie so hübsch geworden sind im Buch, ist allerdings gar nicht mein Verdienst, sondern das der Illustratorin, einer ganz lieben Freundin. Sie hat sich mit meinen per Hand gekrakelten Zinken und meinem ewigen Genörgel furchtbar herumplagen müssen, die Ärmste … Aber das Ergebnis sieht wirklich wunderschön aus, und vor allem: die Zinken „funktionieren“ auch tatsächlich, sind nicht nur nette Schnörkel ohne Inhalt. Das war mir sehr wichtig, sonst wären es ja keine Zinken!

Die Tater, leicht inspiriert von den historischen Beschreibungen der Roma, sind in Der siebte Schwan nicht nur sog. Fahrendes Volk, sondern besitzen auch Kenntnisse über die Magie der Natur. Wie sind diese Figuren, ihr Leben und die Anlehnung an die Roma-Familien entstanden?

Nun, sie tauchten von selbst bei mir auf, einer nach dem anderen – anders kann ich es eigentlich gar nicht schildern. Steckten sozusagen plötzlich den Kopf zur Tür herein, und kaum, dass ich sie sah, wusste ich, dass sie dazu gehörten. Ich habe auch eine große Neigung zu herumziehenden Gruppen, Menschen, die nicht dazu gehören, zwischen allen Stühlen sitzen. Das braucht sehr viel innere Kraft – und gerade Mina, die ja in ihre Welt auch nicht ganz richtig passt, kann von den Tatern da natürlich viel lernen. Die Naturmagie symbolisiert sozusagen diese besondere Stärke der Tater im Buch, ihre Wurzeln, ihren Halt in etwas, das den meisten anderen Menschen fremd ist.

Die Gruppe hat übrigens wirklich nur ganz, ganz schwach mit „echten“ Roma (bzw. Jenischen, in Karols Fall) zu tun – ich denke, das ist auch von Anfang an klar, es sind hauptsächlich Phantasiegestalten. Die Anbindung an die Realität, die mir am wichtigsten war, besteht vor allem in Zinnis Geschichte. Durch sie, denke ich, empfindet man vielleicht ein bisschen davon, wie furchterregend es eben auch sein kann, völlig schutzlos in der Welt zu stehen – einfach dadurch, dass man nirgendwo eingebunden ist, sondern herumzieht und immer „der Fremde“ bleibt.

Du stellst in deinem Magischen Bestseller das steife gutshöfische Leben der Freiheitsliebe und Naturnähe der Tater gegenüber. Was hat dich zu diesem Konflikt bewogen und an ihm gereizt?

Das ist, glaube ich, ein Konflikt, der in uns allen immer besteht und der vielleicht besonders heftig ausbricht, wenn man dabei ist, erwachsen zu werden. Wie weit passe ich mich an, wie sehr verlange ich meine Freiheit? Was bin ich bereit, jeweils dafür zu bezahlen? Entsprechen die gesellschaftlichen Regeln, die ich kenne, überhaupt noch meiner „Menschennatur“, oder sind sie nur aufgesetzt, künstlich? Was gibt es jenseits davon?

Mina wächst in einem der erwähnten Gutshäuser auf und wird dort streng zur jungen Dame erzogen. Wie war es für dich als Autorin, eine junge weibliche Hauptfigur in diese Enge zu treiben, die zum Teil durch Tabus und eine sehr klare und starre Rollenvorstellungen geprägt ist?

Für Mädchen oder Frauen ist der Konflikt zwischen Regeln und Freiheit vielleicht noch etwas schwerer auszuhalten. Wir können es häufig einfach schlechter ertragen, möglicherweise weniger gemocht zu werden, wenn wir anders sind als andere. Ich selbst war immer schon eine eher eigensinnige Person, mit sehr starken und liebevollen Eltern im Hintergrund. Aber ich kenne viele junge Frauen, die auch heute noch – innerlich, wenn man so will – ein Korsett tragen und pieksende Nadeln im strengen Haardutt. Die nie ihre eigenen Stärken kennenlernen, weil sie nicht wagen, nach ihnen zu suchen – trotz aller Emanzipation. Sie alle sind Mina, oder anders herum: Mina ist, was ich jedem jungen Mädchen wünsche, werden zu können – stark und frei und voller warmer Lebendigkeit.

Eine Szene, die wohl vielen Lesern in Erinnerung geblieben ist, ist Minas Besuch bei ihrer Tante Elisabeth und deren verstörendes Verhalten.
Wie ist diese Frau mit ihrer Geschichte entstanden und hat diesen berührenden Moment in dem Buch bekommen?

Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht wirklich. Sie tauchte auf, als ich in meiner Vorstellung auf der Suche nach den „anderen Schwänen“ war – anderen Kindern also wie Mina, mit besonderen Kräften begabt. Natürlich sollten wenigstens einige davon auch tatsächlich mit ihr verwandt sein, um mich noch ein bisschen stärker an das ursprüngliche Märchen anzulehnen (mehr die Grimmsche Variante von den „Raben“, übrigens, nicht so sehr Bechstein, wie öfter vermutet wird).  Gleichzeitig war da die Sache mit der Blumensprache, die anfing, sich irgendwie mit in die Geschichte weben zu wollen … Es muss die Kombination aus diesen beiden Dingen gewesen sein, der grauslichen „Familienkrankheit“ und der ganz entgegengesetzten, romantischen Blumensprache, die schließlich die arme Tante Elisabeth hervorgebracht hat. Und natürlich zitiert auch sie ein wenig das ursprüngliche Märchen: Sie ist die Sonne, die die Kinder tötet – die Blumen nämlich, die die Stelle ihrer wirklichen Kinder bei ihr eingenommen haben.

Und, um noch ein wenig ehrlicher zu sein: Ich habe mich beim Schreiben selbst ein bisschen vor ihr gefürchtet.

Wenn du so freundlich wärst, den folgenden drei Sätzen ein Ende zu verleihen?

Klassische Märchen sind für mich…
… die roten Fäden aller heutigen Geschichten.

Niemals schreiben würde ich über…
… sadistische Quälereien von Hilflosen, wenn es nicht einen unumstößlichen, immens wichtigen Grund in der Geschichte selbst gäbe, das zu tun.

Wenn ich einen Orgelspieler treffe…
… würde ich ihm sofort all mein Kleingeld geben, damit er meine liebsten, rührseligsten Küchenmädchenballaden wie „Mariechen saß weinend im Garten“ oder „die Räuberbraut“ für mich spielt – und dann lauthals mitsingen!

Was kommt nach Der siebte Schwan? Woran arbeitest und schreibst du gerade?

Es wird keine Fortsetzung zum „Schwänchen“ geben – Minas Geschichte ist erzählt. Ich bleibe aber auch beim nächsten Buch erst einmal in der Märchen-Fantasy-Welt, so viel kann ich verraten. Es hat mir viel zu viel Spaß gemacht, um jetzt gleich wieder damit aufzuhören … Im Augenblick sammle ich außerdem jeden Fetzen, den ich zum „siebten Schwan“ finden kann, alles, was Leser darüber geschrieben haben, um zu sehen, was ich beim nächsten Buch vielleicht besser machen kann.

Vielen Dank für die tollen und ausführlichen Antworten!

Danke meinerseits für die wunderbar interessanten Fragen, sie haben mich an vielen Stellen glatt zum Nachgrübeln über meine eigene Geschichte gebracht 😉

Rezension zu dem Buch: Der siebte Schwan