In Starhaven, der Stadt der Magie, gehört Nicodemus zu den belächelten oder mit Argwohn betrachteten Lehrlingen der magischen Künste. Er ist ein Kakograph und daher nur eingeschränkt in der Lage sich die Zaubersprachen anzueignen, schlimmer noch, jede Berührung mit einem Zaubertext führt zu dessen Verfälschung.
Und doch umgibt ihn die Prophezeiung des Halkyon, jenes Erretters vor dem Krieg der Sprachen, angestoßen durch die wiedererstarkten Dämonen der alten Welt. Es ist ein Mal auf Nicodemus Rücken, welches dem des prophezeiten Halkyons verblüffend ähnelt, doch auch andere Schlussfolgerungen zulässt.

Dem zukünftigem Erlöser soll, den Anhängern der Gegenprophezeiung zufolge, ein finsterer Widersacher gegenüberstehen – Eine Person die die magischen Sprachen in ein Chaos stürzen wird. Es ist der alte Magier Shannon, der Nicodemus unter seine Fittiche genommen hat und dessen Ausbildung vorantreibt. Doch dann erschüttert ein grausamer Mord Starhaven und Magister Shannon gerät in das Visier der Wächter. Für Nicodemus beginnt ein magischer Alptraum, der in einen Strudel aus Verschwörungen, uralten Geheimnissen und einer Gefahr für das Schicksal der gesamten Welt führt.

Mit seinem Romandebüt Nicodemus – Der Zauberverschreiber hat Blake Charlton auf sehr interessante Weise das Thema Legasthenie und abenteuerliche Fantasy verwoben. Ein junger Zauberschüler und sein alter, weiser Meister, eine Prophezeiung und ein unbekanntes Böses, das klingt erstmal nicht nach sonderlich origineller Fantasy Literatur und doch besticht dieses Buch durch ungewöhnliche Elemente. Das Herausstechenste ist zweifelsohne die Magie. Wie heutzutage ein Programmierer Zeichenabfolgen zu Befehlen reiht, bauen die Zauberer ihre Sprüche aus verschiedenen Runen auf. Dies sind mal weniger komplizierte Sätze, mal erfordert ein Zauber jedoch auch stundenlanges, haargenaues Schreiben.
Für die Magiebegabten sind jene Runensätze schwebende, sichtbare Linien, die beeinflusst und umgeschrieben werden können, so ist es beispielsweise möglich die Runensätze der Wasserspeier herauszunehmen, zu aktualisiert und auch mit neuen Befehlen zu versehen. Diese Möglichkeit der magischen Programmierung verleiht der Atmosphäre von Starhaven einen ganz besonderen Flair. Runensätze flirren leuchtend durch die Luft, verdichten sich zu magischen Effekten und tauchen den abgelegenen Ort in beständiges Glühen.

Die Geschichte um den Zauberverschreiber Nicodemus entpuppt sich als ein Abenteuer mit leichtem Hang zu einer Krimigeschichte. Schritt für Schritt erfährt der Leser mehr über die verschiedenen Charaktere und ihre Hintergründe, bis sich ein durchaus spannendes Netz aus Interessengruppen, Prophezeiungsanhängern und -gegnern und eigenwilligen Gottheiten enthüllt. Neben einer recht einfach gehaltenen Schreibweise, die punktuell sogar etwas unbeholfen wirkt, gibt der Autor dem Leser so einige Rätsel auf. Gerade die sehr typisch ausgeformten Rollen von Shannon und Nicodemus, aber auch der Umstand einer alten Prophezeiung, die den Zauberverschreiber zum Halkyon erklären könnte deuten auf eine inhaltlich recht konventionelle Entwicklung der Buchreihe hin, jedoch hat Blake Charlton in diesem Roman bereits bewiesen das er sehr wohl in der Lage ist mit Erwartungen bzw. Klischees zu spielen und diese auch zu brechen. Besonders der, für den zweiten Band angedeutete, Aufbruch aus Starhaven, lässt einen interessanten und einfallsreichen Weltenbau vermuten.

So wird das Abenteuer von Nicodemus zu einer unterhaltsamen Lektüre, mit eigenwilligen Bildern, gewitzten Momenten, durchaus liebevolle erschaffenen Figuren, einem spannenden Komplott und der Ungewissheit ob der Autor hier eine typische Fantasy Geschichte in erfrischendem Gewand entwickeln wird oder diese Erwartung eine gänzlich falsche Fährte ist.

Blake Charlton: Nicodemus – Der Zauberverschreiber – Schriftstellerisch nicht herausragend, aber mit interessanten Ansätzen und kreativen Ideen, die auf mehr hoffen lassen. Ein durchaus spannendes Fantasy Abenteuer, das als gelungener Auftaktband bezeichnet werden kann und mit einem eindrucksvollen Magiesystem besticht, erfrischende Akzente setzt, sowie eine wahrlich fantastische Welt bereithält.

Mehr zu dem Buch: Nicodemus – Der Zauberverschreiber

Buchfakten:
Blake Charlton
Nicodemus
Der Zauberverschreiber
aus dem Englischen von Petra Knese (Orig.: Spellwright)
1. Aufl. 2011, 473 Seiten,gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93877-7
Klett Cotta / Hobbit Presse

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