Mit Fledermausland gewann er den grossen Heyne Wettbewerb um den Magischen Bestseller, wehrt sich seitdem schmunzelnd gegen die Kategorisierung seiner Bücher als Funny Fantasy und gilt als einer der unterhaltsamsten phantastischen Autoren Deutschlands. Erfreulicherweise hat sich Oliver Dierssen bereit erklärt ein paar Fragen zu seinem aktuellen Roman Fausto, hungrige Dämonen, die Entstehung seiner Geschichten und Fortsetzeritis zu beantworten, sowie ein wenig über Luke Skywalker´s Toilettengänge, Popcornwürfe auf seine Person, die Kapitulation vor dem Kapitalismus und vieles mehr zu plaudern.

Viel Spass mit dem Interview mit Oliver Dierssen!

Wie auf Twitter nachlesbar war, hast du kurz nachdem Fausto bei Amazon lieferbar war, es dir dort bestellt. Wie bist du denn darauf gekommen? Ist Heyne so knauserig mit Belegexemplaren

Sich selbst bei Amazon bestellen heißt natürlich, vor dem Kapitalismus endgültig die Waffen zu strecken. Ein Buch, das es dort nicht gibt, existiert nicht, sollte man meinen. (Was natürlich nicht stimmt: Bekanntermaßen war Diogenes dort vorübergehend nicht vertreten, weil man keine Einigung über den Rabatt erzielen konnte.) Ich glaube aber, das Entscheidende dabei, ein Buch von sich selbst zu kaufen, ist: Man distanziert sich. Wenn man ein Manuskript wachsen sieht, seine Mängel und Schwachstellen mit der Lupe sucht und beim Lektorieren dran rummäkelt, dann wachsen natürlich mit der Zeit auch gewisse Zweifel – „Ist das überhaupt brauchbar? Kann ich mich damit auf eine Lesung wagen? Werden sie wieder mit Popcorn werfen?“ Und dieses Buch dann von außen, von einem qualitätsbewussten stolzen Buchhändler in die Hände gelegt zu bekommen, das versöhnt ungemein und macht deutlich: Das ist jetzt ein richtiges Buch, da kannste auch nix mehr dran ändern. Du bist fertig, echt. Man kauft sich irgendwie frei.

Dein Debütroman Fledermausland und nun auch Fausto spielen in deiner Geburtsstadt Hannover. Warum hast du für sie die niedersächsische Landeshauptstadt gewählt und spielst du auch mit dem Gedanken schriftstellerisch diesen Ort in Zukunft zu verlassen, ev. sogar ein rein fiktives, phantastisches Setting zu entwickeln?

Das Schöne an Hannover ist, das ich nicht weit fahren muss, um zu recherchieren. Nein, besser noch: Hier kenn ich ja schon alles, da muss ich nicht mal aus dem Haus. Mit Hilfe von Google Streetview werde ich wohl demnächst problemlos Romane in Detmold und Wanne-Eikel spielen lassen können, ohne meinen unbequemen Ikea-Drehstuhl verlassen zu müssen. Nein, im Ernst, ich mag Hannover ganz gerne. Die Autobahnen, die Jogger im Stadtwald, die vollgestopften U-Bahnen während der Messe. Aber allmählich reicht es auch. Als ich aus dem letzten Urlaub zurückkam, habe ich mich zum ersten Mal überhaupt nicht gefreut, wieder in Hannover zu sein. Meine Frau und ich werden die unermesslichen Reichtümer, die uns Fledermausland eingebracht hat, während eines feinen mittellangen Auslandsaufenthaltes verbraten. Mal sehen, was danach noch von Hannover übrig bleibt.

Ein eigenes phantastisches Setting? Zum Beispiel eine deutsche Landeshauptstadt, in der sich Vampire rumtreiben und Dämonen und Zwerge und so ein Zeug? Da lass ich doch lieber die Finger von. Erstens will so einen Quatsch kein Mensch lesen, und zweitens werde ich es mit solchen Märchen niemals ins Feuilleton schaffen.

Für einen zweiten Fausto Band wäre eine Fantasy Welt aber ein durchaus spannendes Gedankenspiel. Könntest du dir vorstellen Fausto in seine unheimliche Heimat zu folgen, in eine Dämonenwelt mit Anknüpfungspunkten an die Unsere?

Ich habe tatsächlich einen Plot in der Schublade, der in einer quasimittelalterlichen Welt spielt, in großer Armut, die Menschen leben dort eng verflochten mit den Spirits ihrer Vorfahren. Beim näheren Hinsehen liegen dort allerdings löchrige Coladosen rum, es ist leider nur Afrika. Ich tauge einfach nicht zum Phantasten.

Gerade drängt sich mir ein zweiter Fausto-Band nicht unbedingt auf, ganz im Gegensatz zu Fledermausland. Die ganze Fortsetzeritis ist mir mitunter zu viel. Besonders, wenn Trilogien plötzlich vier oder fünf Bücher haben wie bei Stephenie Meyer oder Douglas Adams. Manchmal, finde ich, ist eine Trilogie zwei Bücher zu viel. Gelegentlich sogar drei.

In 2009 wurdest du zu einem der Sieger im Magischen Bestseller Wettbewerb von Heyne gekürt, Fledermausland gelang in die Buchhandlungen und 2010 gab es den Deutschen Phantastik Preis für dich. Wie hoch sind die Erwartungen an einen Autor, nach einem solchen Senkrechtsstart? Hast du einen gewissen Druck zum Erfolg beim Schreiben von Fausto gespürt und was hat sich in deinem Leben verändert, seit dem Durchbruch in 2009?

Bei Durchbruch denke ich eher an Blinddarmdurchbruch, das klingt bedrohlich, etwas nach dünnem Eis. Ich erinnere mich noch gut an die Worte von Bernhard Hennen nach dem Wettbewerb: „Leute, denkt nicht, ab jetzt läuft alles von selbst. Kündigt nicht eure Jobs, kauft keine Häuser, macht keine Schulden. Alles gaaanz langsam, und nach dem sechsten Roman sprechen wir uns wieder.“

Natürlich habe ich mich wahnsinnig über den Erfolg von „Fledermausland“ gefreut, den ich niemals, niemals erwartet hätte. Es ist ja nur eine Geschichte, ich mir halt ausgedacht und sie aufgeschrieben habe. An sich überhaupt erstaunlich, das andere Leute das lesen und sogar für Geld. Mir ist schon klar, dass so ein Glück und auch so eine schöne Auszeichnung nicht jedem Roman vergönnt sind – auch nicht jedem von meinen. Ich versuche also, auf dem Teppich zu bleiben und beantworte meine Mails alle selbst.

Aber es hat sich schon etwas verändert. Der Horizont ist weiter, viel weiter geworden. Vor dem ersten Buch scheint es wie ein göttliches Wunder, das der eigene Roman vielleicht, irgendwann, hoffentlich mal gedruckt wird. Und plötzlich interessiert man sich für Auflagen, Platzierungen, Übersetzungen. Das Glück ist ein Stück weit planbarer und berechenbarer geworden. Aber ich habe nach wie vor einen Brotberuf, der mich sicher und zuverlässig ernährt und mir die Freiheit gibt, wirklich nur das schreiben zu müssen, was ich auch wirklich will.

In deinen beiden Büchern sind die Geschichten sehr eng an den Lebensalltag der Hauptfiguren geknüpft. Was reizt dich an dem Entstehenlassen eines abgedrehten Abenteuers aus diesen „normalen“ Momenten? Warum keine epischen Weltrettungsdramen?

So sehr ich auch die ganz großen Dramen liebe, Star Wars, Harry Potter, Herr der Ringe – sie bleiben mir doch ein Stück weit fremd und unnahbar. Wie gerne würde ich Luke Skywalker einmal auf dem Klo sitzen sehen und drüber nachgrübeln, wie sehr ihm der ganze Stress und das ständige Sitzen im Raumschiff auf die Verdauung geschlagen hat. Da rücken die Stories plötzlich noch näher an einen heran, das finde ich interessant und plastisch, da zücke ich gedanklich den Stift und beginne mitzuschreiben. Das finde ich lustig. Und ich kann nur schreiben, wenn ich es irgendwie lustig fnde. Wenn im Hintergrund die Streicher und Harfen einsetzen, kriege ich einen Kitschkrampf an der Tastatur.

Weil es als Kommentar zur Fausto Rezension hinterlassen wurde. Wird es ein Fausto Kuscheltier und anderes Merchandisingmaterial geben? Knuffig wär’s ja.

Vermutlich hat der Autor auf diese Frage einen geringeren Einfluss als der Leser. Höchstvermutlich sogar. Meinetwegen könnte es auch einen Toyota Fausto geben, ganz in schwarz mit vier roten Scheinwerfern und einem eingebauten Thesaurus. Ich würde mich allerdings fürs erste auch mit einer zweiten Auflage zufrieden geben.

Wie gehst du bei der Entwicklung deiner Geschichten vor? Gab es bei Fausto erst Joschel, die Pickel und seine esoterische Mutter oder den Bücherdämon und die Idee Schule als Thema zu nehmen?

Wie bei Fledermausland gab es erstmal eine Was-wäre-wenn-Frage: Was wäre, wenn es einen Rettungsdienst für Übernatürliches geben würde und man versehentlich von denen gerettet wird? Was wäre, wenn es ein Wesen gäbe, das Rechtschreibfehler frisst und es unter dem Bett eines Legasthenikers landet? So eine Idee ist eine schöne Sache. Leider führen die meisten Ideen am Ende nicht zu fertigen Büchern. Was für mich wichtig ist, ist der Sound des Buches: Der Moment, in dem ich einen Erzähler zum ersten Mal schreibe, mich in seine Stimme einhöre. Und das war bei „Fledermausland“ eben dieser zittrige, verpeilte, hysterische Tonfall, mit dem sich Sebastian beim Rettungsdienst meldet. „Fausto“ klang anders, seltsamerweise etwas ernster und reifer: Joschel beschwert sich über seine Pickel und seine Eltern und die Ungerechtigkeit des Universums. So fängt das bei mir an. Mit dem Schreiben, Zeile für Zeile. (Wobei ich die erste Seite nach wie vor unfassbar schwierig finde. Ab Seite zehn geht es einigermaßen.)

Deine Romane haben ihren Schwerpunkt deutlich auf den zwischenmenschlichen Beziehungen und werden dann durch etwas Übernatürliches bereichert. Was reizt dich zum einen an dem Spiel mit Beziehungen zwischen Figuren und zum anderen an dem Phantastischen?

Ich bin für meinen Teil fertig mit epischen Fantasywelten. Das hab ich auch mal ausprobiert und ein bisschen vor mich hin geschrieben, aber ich habe mich in der Weite verloren. Zu viele Möglichkeiten, zu viel High Concept, das ist nichts für mich. Ich habe vor kurzem ein Interview mit Aaron Sorkin gelesen, dem Autor von „West Wing“ und „The Social Network“, der von sich meint, er könne am besten „Menschen in Zimmern reden lassen“. Menschen in Zimmern, das klingt erstmal langweilig. Muss es aber nicht sein. Sogar der „Herr der Ringe“ hat solche Höhepunkte – Gandalf und Saruman in Orthanc, Gandalf und Denethor in Minas Tirith. Auch der sterbende Boromir in Aragorns Armen fällt in die Kategorie „Menschen in Zimmern“, finde ich. Im Zwischenmenschlichen liegt der Kern jeder Geschichte verborgen.

Das Phantastische lässt mich natürlich nicht los. Was mich interessiert, ist eine Phantastik, die mit sich selbst hadert, die sich in Frage stellt, hofft und verzweifelt. Am besten findet sich das wohl in der Figur des Domowoj in  Fledermausland wieder, der es einfach nicht einsieht, die Nächte in Gestalt eines alten stinkenden Mantels zu verbringen, während seine Verwandten sich in schicke Teppiche verwandeln.

Dämonische Wesen sind ja in der Fantasy / Mystery Literatur recht weit verbreitete Geschöpfe und meistens eher düstere Monstrositäten. Wie ist Fausto der Bücherdämon entstanden, der ja durchaus auch diabolische Züge in seiner flauschigen Optik aufweist?

Es ist nicht so, dass ich mich hoffnungsfroh vor ein Flipchart hocke, Mindmaps male und Marktanalysen lese, ehe ich mich an so eine Figur mache. Fausto ist mir einfach so eingefallen – ein Dämon, der sich von Rechtschreibfehlern ernährt und sich bei einem Legastheniker einnistet. Die Idee blieb haften, die wurde ich nicht los, daraus musste ein Buch werden. (Eben das ist die Kunst: Nicht die Originalität der Erfindung, sondern Glaube und Beharrlichkeit, dass ein Buch daraus wird). Von oberdüsteren Megamonstern mit krummen Zähnen halte ich für meinen Teil nicht viel, das absolute Böse leuchtet mir nicht ein. Auch das Böse ergibt sich im Zwischenmenschlichen, aus Enttäuschung, Verrat, Neid und Rache … alles Gefühle, für die man ein Gegenüber braucht. Alleine böse sein, das hört sich sehr anstrengend an.

Welche Figur aus Fausto würdest du gerne einmal persönlich treffen?

Natürlich die beiden Dämonen. (Huch … gespoilert … es sind ja zwei!) Ein bisschen über alte Zeiten quatschen, mir mal die Spezialeffekte in echt und aus der Nähe ansehen. Das wäre nicht schlecht. Am allerliebsten würde ich allerdings das eine fiese Obermonster treffen: Studiendirektor Kattmann. Der würde mich wahrscheinlich fragen: „Sie haben aber nicht mich gemeint mit dieser grauenhaften Darstellung, oder?“ – „Aber natürlich habe ich Sie gemeint. So, wie ich Sie erlebt habe.“ – „Bin ich wirklich so schlimm? Hassen mich die Schüler? Und habe ich echt so fiesen Mundgeruch?“ – „Würde ich sonst ein Buch darüber schreiben?“

Zombies, Vampire, Bücherdämonen,… Welches phantastische Geschöpft kratzt gerade an der Tür zu deinen Gedanken und bittet darum auf Papier gebannt zu werden?

Och, das sind eine Menge. Zunächst einmal will ich im Sommer einen neuen Roman schreiben und kann mich nicht entscheiden, welchen ich nehme. Zu viele Ideen, zu wenig Zeit. Ich tippe aber darauf, dass ich ein mittelgroßes deutsches Krankenhaus mit einer Menge schräger Viecher fülle, einen Assistenzarzt als Berufsanfänger mit Helfersyndrom mitten reinsetze und gucke, was passiert.

Die alten Gespenster werde ich allerdings auch nicht los, sie sind noch alle da: Pjotr, der Domowoj. Theodor, der depressive Vampir. Eine ganze Couch voller neurotischer GEZ-Zwerge, eine uralte Katze, ein selbstunsicherer Oger mit einer Alditüte voller Gold. Im Sommer werde ich Stück für Stück, schön nacheinander, eine Reihe von Geschichten veröffentlichen, in denen die alten Freunde auftauchen und die sich nacheinander zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Es wird ein fröhliches Wiedersehen, nehme ich an.

Vielen Dank für die tollen und ausführlichen Antworten!

Rezension zu dem Buch: Fausto

Homepage des Autoren: Oliver Dierssen

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