Heimatland nennt sich jenes zivilisatorische Gebilde, welches unter der undurchdringlichen Energiekuppel der Protektosphäre in isoliertem Stillstand verharrt. Eine gefangene, inzestuöse Gesellschaft, durchzogen von einem allgegenwärtigen Überwachungsstaat und der Ideologie patriotischer Selbstaufopferung.
Neva ist ein 16jähriges Mädchen aus besserem Hause, denn ihre Ahnenlinie verweist auf einen der Gründungsväter von Heimatland. Doch Neva hat es satt die verbotenen Fragen nicht zu stellen, in Perspektivlosigkeit zu verharren und beginnt mit ihren Freunden eine erste Widerstandsaktion zu planen.

Heimatland regiert die gesichtslose Macht einer bürokratischen Ideologiefabrik und doch ist das Scheitern des Kuppelprojektes kaum noch zu übersehen, trotz aller gegenteilig lautender Propaganda, die unablässig verbreitet wird. Konsumgüter werden immer knapper und sind eigentlich nur noch auf dem Schwarzmarkt ertauschbar, Rohstoffe versiegen, ganze Landstriche werden entvölkert, um die Menschen in Ballungszentren zu sammeln – Die Vision einer neuen Zukunft hat ihren Zenit bereits überschritten und hinter der brüchigen Fassade patriotischer Jubelparolen steht das Kuppel-Projekt am Abgrund seines Zusammenbruchs.
Doch was von Neva und ihren Freunden zunächst als nächtlicher Protest mit Abenteuerthrill geplant war, entwickelt sich zu einer mörderischen Angelegenheit, denn Staat und Polizei bekämpfen Unruhestifter und Aufwiegler mit unerbitterlicher Härte. Als Neva sich dann noch ausgerechnet in den Freund ihrer heissverliebten besten Freundin Sanna verguckt, gerät ihr eingezwängtes Leben komplett aus den Fugen.

Mit Neva hat einen Sara Grant einen dystopischen Social Fiction Roman vorgelegt, der jugendliche LeserInnen durchaus begeistern dürfte. Mit einem angenehm lesbaren Schreibstil taucht die Autorin in die Kuppelwelt von Heimatland und entspinnt in ihr ein romantisches Abenteuer, das deutlich an Romantasy bzw. moderne Romantic Urban Fantasy Geschichten erinnert. Wirklichen Fans dystopischer Literatur dürfte der Weltenbau ein wenig zu dünn geraten sein, böte der Roman doch Platz und Möglichkeiten für mehr Breite und Tiefe von Heimatland. Hier bleiben einige spannende Fragen offen oder werden nur ansatzweise gestreift, wie beispielsweise die Entstehungsgeschichte des Kuppelprojekts in allen Facetten. So ist Neva eindeutig mehr Charakterroman, als die Geschichte einer Welt und ihrer Entwicklung. Sehr gut gelingt es der Autorin die bedrückende Atmosphäre von Heimatland einzufangen und diese immer wieder auf Neva wirken zu lassen, auch schafft sie es, ein realistisches Bild zu entwerfen von dem Willen zum Widerstand gegen eine erbarmungslose Obrigkeit und die Überwindung dieses dann auch praktisch umzusetzen. Hier erwartet den Leser eine interessante Gruppendynamik in Neva´s Freundeskreis, die sich im Spannungsfeld euphorischer Hoffnung, Resignation und purer Angst vor staatlicher Repression bewegt. Selbiges gilt in noch viel eindringlicherem Masse für Neva´s Familie, in der die Auffassung über Heimatland und die Kuppel unterschiedlicher nicht sein könnten. Vor diesem Hintergrund entwickelt sich Neva´s spannender Weg gegen das Regime von Heimatland, mit dem festen Wunsch in ihrem Herzen, die Protektosphäre zu überwinden und in die Freiheit zu entfliehen.
Neva als Hauptfigur dürfte einen durchaus zwiegespaltenen Eindruck hinterlassen. Zwar ist sie eine sympathische junge Heldin, die Identifikationspunkte bietet und deren Handeln zum Mitfiebern anregt, doch ist es auch sie, die sich auf eine Liebelei mit dem festen Partner ihrer besten Freundin einlässt und zudem stammt Neva aus angesehenem Hause, was es ihr in Heimatland deutlich leichter macht, als manchem ihrer Freunde. Man kann Neva einen gewissen Egoismus in einigen Situationen unterstellen und zum Ende des Romans bleibt der bittere Nachgeschmack, das es denen am schlechtesten geht, die auch schon zuvor am meisten unter dem Kuppelland Regime zu leiden hatten. Diese Umstände können eher negativ ausgelegt werden oder aber auch als gelungener Versuch, eine Geschichte so zu erzählen, wie sie am realistischsten sein könnte.
Somit ist Sara Grant ein dystopischer Jugendroman, mit vertrauten Momenten und ungewöhnlichen Facetten, gelungen, der auch nach Beendigung der Lektüre den Leser noch beschäftigt.

Sara Grant: Neva – Ein dystopisches Jugendabenteuer, mit einer romantischen Liebesgeschichte vor dem Hintergrund einer abgeschotteten Welt, das modern daherkommt und durch seine bedrückende Atmosphäre spannend zu unterhalten weiss.

Mehr zu dem Buch: Neva

Buchfakten:
Sara Grant
Neva
Verlag PAN
Seitenzahl 352
ISBN 978-3-426-28348-6
Erscheinungstermin 14.03.2011

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