Benjamin Harthman stirbt. Ein Autounfall hat sein Leben und das seiner Frau ausgelöscht, so denkt er. Vage erinnert sich Benjamin an Sirenen und Stimmen, seine Beine sollten eigentlich zerquetscht sein. Er wollte mit Kattrin ein neues Leben anfangen, das Arbeiten reduzieren und irgendwo einen Neubeginn wagen – Jetzt ist Benjamin tot und in der Stadt.
Auf kaltem, staubigen Boden, wird er von Louise aufgelesen und bevor er recht begreift, wie ihm geschieht, wird er auf eine hektische Flucht gezerrt. Die Nebel wabern aus dem Loch empor und in ihnen bewegen sich Schemen, welche die nächtliche Stadt durchstreifen.

Andreas Brandhorst hat mit Die Stadt einen ungewöhnlichen, phantastischen Roman erschaffen, der eine Jenseitsfiktion als Handlungsort auserkoren hat, die zu fesseln weiss. Weder Himmel noch Hölle, oder sonst ein bekanntes Jenseitsbild, verwendet Andreas Brandhorst in Die Stadt, sondern setzt ganz auf einen eigenständigen, leicht skurrilen Entwurf eines Orts, abseits des Lebens. Die Stadt entpuppt sich Enklave weniger Verstorbener und gibt somit ihren toten Bewohnern das grösste Rätsel, um ihre Existenz, auf. Warum gelangten nur so wenige Menschen in die Stadt? Ist die Stadt Strafe oder Paradies, eine Vorstufe zu Himmel oder Hölle?
Jeder Bewohner hat seine eigene Theorie über den Sinn der Stadt und den Aufenthalt der Toten. Diese reichen von einem Acker göttlicher Prüfung, über ein inszeniertes Experiment von Ausserirdischen, bis zu dem Ergebnis von Quantensprüngen, welche aus einem irdischen Atomkrieg resultierten. Gewiss ist nur zweierlei. Wer in der Stadt „lebt“, kann sterben, wacht aber wieder geheilt auf, es sei denn die Schatten zerren ein Opfer in die Tiefen des Loches, und der Supermarkt ist das Herzstück des Orts. Benjamin muss sich in einer neuen Welt zurecht finden, zwischen verschiedenen, durchaus verfeindeten, Fraktionen der Stadt, ihrer eigenwilligen Bewohner und nächtlichen Schrecken. In einer Stadt, die sich selbst baut und repariert und die doch, von dichtem Nebel umschlossen, ein Gefängnis im Nirgendwo darstellt.

Andreas Brandhorst schafft es seinen Romans in allen Aspekten sehr spannend darzustellen. Hervorzuheben wäre da die Stadt als solche, welche einen Hauch von postapokalyptischem Weltenbau hat, gerade wenn die Bewohner in mühselig zusammen gebastelten Schrottautos durch die grauen Gassen kurven, Barrikaden die Grenzen der Gebiete verschiedener Gruppe markieren und ganze Wohnblöcke, wie gespenstische Behausungen, verfallen. Weiter wären die Menschen und ihre Aufteilung in verschiedenen (Glaubens-)Gruppen zu nennen.
Hier hat Andreas Brandhorst eine sehr spannende kleine Zivilisation erschaffen, mit grossartig verschrobenen Charakteren und Mentalitäten zwischen  Predigern, die sich selbst für erleuchtet halten und skurrilen Einzelgängern. Das dritte eindrucksvolle Standbein der Geschichte ist die Hauptfigur Benjamin und insbesondere seine Vergangenheit vor dem Tod. Der Tod ist ein Dieb, heisst es bei den Bewohnern der Stadt, er stiehlt jedes mal eine Erinnerung und auch Benjamin ist in der Stadt nicht vor dem Sterben gefeit.
Die Stadt ist ein ungewöhnlicher Roman, mit einer sehr gelungenen finsteren Atmosphäre, skurrilen Elementen und tollen Charakteren. Obwohl Andreas Brandhorst als Science Fiction Autor bekannt wurde, liegt hier kein Science Fiction Roman vor, sondern eher ein Mystery Thriller oder schlichtweg faszinierende Phantastik, die zu beeindrucken weiss und wirklich eigene, eindrucksvolle Wege geht. Ein herrlich morbides Lesevergnügen, mit überraschenden Wendungen, grossen Bildern und einer absolut spannenden Jenseitswelt.

Andreas Brandhorst: Die Stadt – Ein düsteres, phantastisches Abenteuer, das sich flüssig lesen lässt und spannend zu unterhalten weiss. Eine durchdachte Geschichte, mit leicht skurriler Note, interessanten Figuren, einer guten Portion Action und nebeligem Friedhofsflair, sowie einer Stadt, die den Leser in ihren Bann zu ziehen weiss.

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Buchfakten:
Andreas Brandhorst
Die Stadt
Originalausgabe
Paperback, Broschur, 592 Seiten,
13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-52764-5
Verlag: Heyne
Erscheinungstermin: März 2011