Was passiert, wenn eine Tote droht das Geheimnis um ihren Mörder zu lüften? Wie überlebt man in einer, unter Quarantäne stehenden, Totenstadt? Welche Möglichkeiten bieten experimentierfreudige Mediziner, um ewiges Leben und unsterbliche Soldaten zu schaffen? Was stellt man mit einem, auf der Rathausspitze aufgespiessten, Zombie an? Und wie reagiert eine Gruppe abenteuerlustiger Jungs wohl, wenn sie einen Untoten als Spielzeug entdecken?
Christopher Golden hat eine facettenreiche Zombie Anthologie zusammengestellt, für die er AutorInnen wie Kelley Armstrong, Brian Keene, Joe Hill, Max Brooks, oder auch Tad Williams gewinnen konnte.

Hungrig, stinkend und zerfallen kehren die Toten in die Welt der Lebenden zurück. The New Dead enthält keine Splatter Geschichten, sondern moderne, intelligente Kurzgeschichten, in deinen zwar durchaus Blut fliesst und Hirnmasse spritzt, jedoch Wert auf eine gute Story gelegt wird. So findet sich in The New Dead ein farbenfroh verwelkter Strauss düsterer Geschichten, die nachdenklich stimmen, witzig, rasant und actionreich daherkommen, gemein und bitterböse geschrieben sind, überraschen, schockieren, spannend zu lesen sind und Figuren bereithalten, die manchmal im Leben abscheulicher, als im Tode sind.

John Connoly bildet mit Lazarus den Auftakt der Zombie Anthologie und entführt die Leserschaft in eine etwas andere Variante der biblischen Erzählung. Lazarus ist wiederauferstanden, doch allen Priesterbitten zum Trotze kann er sich nicht an eine Begegnung mit Gott erinnern. Die Geduld der Priester und Lazarus Familie schwindet. Sollte der legendäre Wiedergekehrte gar einen Beweis für Gottes Nichtexistenz darstellen?
Spannend, melancholisch und beklemmend beginnt die Anthologie mit einer Geschichte, die einen sehr eigenständig Blick auf das Thema untot wirft.

David Liss wendet sich mit Maisie einer fiktiven Gegenwart zu, in der sogenannte Reanimierte ein erfreuliches Accessoire in jedem gut situierten Haushalt darstellen. Doch Maisie ist nicht irgendein Standartmodell von General Reanimates. Sie ist eine illegal erworbene Untote, aus einem Kreis von Reanimiertenfetischisten, die sich nicht so verhält, wie ihr Modell es eigentlich sollte… Untote sind ein Konsumgut geworden. Willige Arbeitskräfte, Sexpuppen, Haushaltshilfen und nicht selten alles zusammen.
Vor diesem Hintergrund hat der Autor eine spannende Geschichte entwickelt, in der sich einige Menschen als deutlich monströser darstellen, als die willenlosen Reanimierten. Ein wenig abstossend, aber auch zum Schmunzeln. Eine mysteriöse Zombie Geschichte, die überzeugt.

Leerstehende Städte präsentiert Stephen R. Bissette in Copper. Mit sehr simplen Sätzen erzählt der Autor die Geschichte von dem alten Copper, Diebesbanden, die plündernd durch die Orte ziehen und einer ganz besonderen Gruppe von Individuen, die sich diesem Treiben in den Weg stellt.
Eine sehr persönliche Geschichte, die sich zunächst etwas gewöhnungsbedürftig liest, dann aber eine fesselnde, endzeitliche Atmosphäre zu erzeugen weiss.

Sie hätten wissen müssen, dass sie eines Tages nicht mehr rausgelassen werden würden… Von drei Überlebenden einer Zombieseuche erzählt Tim Lebbon in Im Staub. Eine militärisch abgeriegelte Stadt, vor deren Sperren schwarzer Qualm aus den Verbrennungsgruben aufsteigt. Zunächst gibt es noch eine recht gute Kooperation zwischen Militär und den Eingeschlossenen, doch dann ändert sich das Interesse der Militärwissenschaftler…
Der Autor hat eine sehr schöne, aber auch beklemmende Geschichte geschrieben, in deren Zentrum die Figuren und ihre Entwicklungen stehen. Ein gelungenes Endzeitszenario.

Zum Leben verurteil von Kelley Armstrong widmet sich Daniel Boyds Versuchen dem Tod von der Schippe zu springen. Boyd ist reich und dieser Reichtum soll ihm ewiges Leben bescheren. So geben sich Mediziner, Schamanen und allerhand Menschen, mit noch etwas Platz in ihrem Portemonnaie haben, seine Türklinke in die Hand. Dann jedoch erweckt ein vielversprechendes Experiment Boyds Aufmerksamkeit…
Kelley Armstrong erzählt von dem Zombiewerden eines Unsympathen, mit zu viel Geld. Hier gibt es ein paar spannende und skurrile Ideen und ein Ende, das zwar nicht überrascht aber trotzdem gefällt. Eine gute Zombie Geschichte.

Holly Newstein trägt mit Delice eine eindrucksvolle Geschichte zu The New Dead bei, die unter die Haut geht. Die junge Delice erwacht im Haus einer Voodoo Priesterin. Doch was war letzte Nacht geschehen? Sie entsinnt sich an das Anwesen der DuPlessis, einer bedeutenden Familie. Sie erinnert sich an die unzähligen Schläge, welche die Dienstmädchen erleiden mussten, an den Ruf ihrer Herrin, ihre Begutachtung von Delices jugendlichem Körper und die Kammer des Hausherren…
Holly Newstein hat eine Geschichte geschrieben, die nichts für zart besaitete Gemüter ist, auch wenn sie komplett auf die Beschreibung gewalttätiger Handlungen verzichtet. Hinter einer noblen Luxusfassade enthüllt die Autorin einen Alltag aus Schrecken, Folter und triebhafter Barbarei. Eine Perle in dieser Anthologie.

Der Wind ruft Mary von Brian Keene ist eine morbid-romantische Geschichte, die zwar schön geschrieben ist, aufgrund ihrer Kürze jedoch etwas enttäuscht.

Familienbetrieb von Jonathan Maberry geht sehr eigenständige Wege in einem Endzeitszenario. Tom hat keine Lust zu arbeiten, ist jedoch gezwungen sich seinen ersten Job zu suchen und so versucht er allerlei Stellen, in der Hoffnung auf eine erträgliche Tätigkeit und ein gutes Auskommen. Schutzjackenverkäufer, Grubendurchstöberer, Pfannenwerfer,… Bis sich Tom an seinen grossen Bruder wendet. Benny schaffte es nicht einen seiner Jobs zu behalten und so hat er sich auf das Töten verlegt.
Eine kreative und spannende Geschichte, mit Tiefgang, die einen etwas anderen Blick auf die Zombies wirft und absolut lesenswert ist.

M. B. Holmes schlägt mit Der Zombie, der vom Himmel fiel morbid-humoristische Pfade ein und peppt diese Anthologie in erfrischender Weise auf. Auf dem Rathaus hängt ein Zombie. Durchbohrt von einer aufragenden Spitze, baumelt der Untote im Wind und blickt, wie ein düsteres Omen, auf die kleine Stadt hinab.
Der Autor hat hier eine Geschichte geschaffen, die sich, durch ihren skurrilen Witz, von den Anderen der Anthologie abhebt. Auch wenn die Dialoge sehr künstlich wirken, zeigt Holmes, dass eine Zombie Story auch amüsant sein darf.

Dolly von Derek Nikitas erzählt die etwas schräge Geschichte einer toten, jungen Frau, die tiefgefroren beim Schlachter liegt. Renfroe, ihr Finder, will seine Dolly nun wieder abholen, doch seine Vereinbarung mit dem Schlachtermeister ist hinfällig geworden…
Derek Nikitas erzählt eigentlich keine Zombie-, sondern eine Wiedergeborenen Geschichte, die aber durch ihr Ambiente zu bestechen weiss. Im späteren Verlauf lässt dieses leider etwas nach.

Einen Spekulanten der Güteklasse 1A präsentiert Mike Carey in Dritter Frühling und entwickelt eine sehr eigenständige und schräge Zombie Geschichte. Aus der Ich-Perspektive erzählt, erlebt der Leser die Wandlung zum Untoten und dessen Abschottung von der Aussenwelt. Da reichlich Bares vorhanden ist, errichtet der untote Börsenmakler aus einem alten Kino eine Hochsicherheitsfestung und geht dort eifrig seinen Geldgeschäften nach. Wäre da nicht die obdachlose Frau, die sich unbemerkt an allen Sicherheitsmaßnahmen vorbeigeschlichen hat…
Eine tolle, ungewöhnliche Zombie Geschichte, mit einer kreativen Idee und sehr guten Umsetzung.

Abschluss mit beschränkter Haftung (Eine World War Z Geschichte) von Max Brooks spielt an Deck der African Queen. Die Welt taumelt am Abgrund, doch im Bauch des Schiffes gibt es die Möglichkeit Abschied zu nehmen.
Max Brooks hat hier eine gut geschriebene Geschichte in die Anthologie eingebracht, die Lust auf seinen Zombie Roman World War Z macht, aber für sich genommen kein Highlight darstellt.

Aimee Bender beschreitet in Unter uns etwas seltsam wirkende Pfade und präsentiert eine Mosaikgeschichte, die ungewöhnlich und doch reizvoll ist. Es geht um den grossen Zombie, der den Anderen fraß, Kannibalismus unter Lachsen und Rindern und zum Schluss „eine wahre Geschichte“. Hier kann man sich amüsieren oder den Kopf schütteln. Eine mutige Veröffentlichung, die zu verwirren und zu unterhalten weiss.

Rick Hautala geht mit Geisterreuse auf eine bizarre Tauchfahrt, die atmosphärischen Genuss bietet. In dunkler See sitzt er angekettet an einem Stein. Ein Toter. Jeff ist ausser sich vor Schreck, als er den vermeintlichen Leichnam entdeckt. Doch was hat es mit den Geschichten, um diese mysteriöse alte Seuche auf sich? Jeff ist entschlossen den Toten zu bergen…
Eine tolle, düstere Unterwasser-Zombie Geschichte, mit Gruselgarantie. Hier stimmt einfach alles.

Tad Willams öffnet in Sturmtür selbige und entführt in eine spannende Mystery Geschichte, um einen Ermittler in paranormalen Phänomenen. Nightingale sucht seinen Mentor Edward auf. Voller Sorge und Unbehagen schildert er diesem merkwürdige Ereignisse in jüngster Vergangenheit, die einen Einbruch der Mauer zwischen Totenreich und Diesseits befürchten lassen. Wie durchlässige diese Mauer bereits geworden ist, soll Nightingale in dem dunklen Zimmers seines Mentors erfahren…
Tad Williams gibt hier eine kleine Geschichte zum Besten, die vollständig in einem verdunkelten Zimmer spielt. Und doch hält sie weit mehr bereit als ein Gespräch zwischen Schüler und Mentor über paranormale Erscheinungen. Eine eindrucksvolle Kurzgeschichte, mit Tiefgang und spannender Exotik, die absolut lesenswert ist.

Was tut eine Gruppe Jungen mit einem gefundenen Untoten? Diese Frage beantwortet James A. Moore in Kinder und ihre Spielsachen. Sie stochern natürlich mit Stöcken in ihm herum. Doch der neugierigen Gruppe reicht das Pieksen und Stossen des Untoten noch nicht. Ihr Forschergeist ist geweckt worden und sie verschleppen den Zombie an eine sicheren Ort… Kinder können grausam sein. Wer sich entsinnt, als Kind vielleicht mal einem Insekt ein Bein ausgerissen zu haben, um zu schauen wie es reagiert, hat bereits eine ungefähre Vorstellung von dem was passieren könnte, wenn eine Gruppe aufgeweckter Jungen einen Zombie in ihre unschuldige Gewalt bringt…
Eine verrückte Idee, in einer tollen Umsetzung, präsentiert James A. Moore, die zwischen kindlicher Neugier und feinem Horror pendelt. Eine Bereicherung für diese Anthologie.

Mit Rack ´N´ Break taucht Joe R. Lansdale in die zwielichtigen Gefilde einer Billardbar. Harte Kerle, die stets Probleme am Hals haben, gefährlich aussehen und sich vor keiner Prügelei drücken, erlebt der Leser in einer Geschichte, die das Thema der Anthologie völlig verfehlt und ausser einer düster verrauchten Atmosphäre wenig zu bieten hat.

In das kriegsgeplagte Syrien entführt David Wellington mit Die Geheimwaffe. Eigentlich sollte es ein Bericht über mangelnde Versorgung der Truppen an der Front gehen, doch dann stolpert Miss Flores über ein Militärgeheimnis, das sie der Öffentlichkeit nicht vorenthalten kann…
Zombies als die neuen Supersoldaten, dass ist nicht sonderlich kreativ, aber von dem Autor durchaus spannend gemacht. Eine durchschnittliche Geschichte, die ihr Potential nicht ausschöpft.

Brillant wird es zum Abschluss der Anthologie, den kein geringerer als Joe Hill bestreitet. Mit Twittern aus dem Zirkus der Toten hat der Sohn von Stephen King eine grandiose Kurzgeschichte in Tweetform geschrieben. 140 Zeichen umfasst jeder Absatz, den TYME2WASTE von einem nervigen Familienausflug twittert. Die Fahrt ist öde, die Eltern eh zum Abwinken und der Bruder ein kranker Spinner. Äusserst gelegen kommt da ein Zirkus für bizarre Vorstellungen, der eine spannende Pause von der stundenlangen Fahrt verspricht…
Die Idee, eine Geschichte in Twitterform zu schreiben, ist genial und die entsprechende optische Darstellung der Geschichte in der Anthologie ist sehr gelungen. Eine schaurige getwitterte Geschichte, die den krönenden und packenden Abschluss von The New Dead darstellt.

The New Dead: Die Zombie-Anthologie – Facettenreiche Kurzgeschichten rund um untote Existenzformen. Diese Anthologie richtet sich weniger an Splatter-Horror Leser, dafür bietet sie Interessierten einen wunderbaren Einstieg in die Welt der Zombies. Eine äusserst gelungene Sammlung spannender, actionreicher, düsterer, aber auch nachdenklicher und amüsanter Geschichten, die oftmals zu überraschen wissen.

Mehr zu dem Buch: The New Dead: Die Zombie-Anthologie

Buchfakten:
The New Dead: Die Zombie-Anthologie
Hrsg. Christopher Golden
Erschienen am: 12.04.2011
Panini
Seiten: 448
Format: SC mit Klappen Roman
Autor: Max Brooks, Joe Hill, Tad Willliams,…
ISBN: 978-3-8332-2253-5

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