Er reist allein, durch dürres Land und verfallene Orte. Er ist ein Mythos, ein geflüsterter Fluch, ein Mörder mit verworrenen Motiven. Marcus Connelly folgt ihm, seit dem Schrecken in Memphis, Tennessee. Niemand nennt den Wanderer bei seinem Namen und doch weiss jeder von wem die Rede ist, wenn Connelly nach dem Narbenmann fragt.
Neben der grossen Depression durchzieht eine Dürrephase die U.S.A. Mitte der 30er Jahre. Aus eingesessenen Familien wurden Landstreicher, auf der Suche nach einem Job, fruchtbaren Boden, irgendeinem Strohhalm, der Hoffnung verspricht.

Es hat jeden getroffen, die einfachen Arbeiter, Hausfrauen, Ärzte und Gutverdiener. Sie sind die Hobos, Wanderarbeiter, mit nicht viel mehr bei sich, als sie tragen oder auf klapperige Autos laden konnten. Manche versuche ihr Glück an den Bahnschienen, springen auf die Güterzüge, geraten unter die Räder, werden von den Schaffnern beraubt und verprügelt, oder schaffen es bis in die nächste staubige Stadt zu gelangen. Der Wirtschaftszusammenbruch hat einen Zusammenbruch des Sozialen mit sich gebracht und so schweisst er die einen zusammen, während die anderen nach dem Prinzip „Fressen oder gefressen werden“ leben.

Gegen den Strom der Hobo Karawanen bewegt sich Mr. Shivers und sprenkelt  staubige Städte mit blutigen Flecken. Connelly ist zunächst nicht von einem Serienmörder ausgegangen, doch seine Jagd, nach der Zerstörung seiner Familie, hat ihn von Leiche zu Leiche geführt. In einer der vielen improvisierten Hobo Siedlungen, einem verschmutzten Zelt- und Wagendorf, trifft er auf weitere Opfer des unbekannten Mörders. Reverend Pike, Roosevelt und Jakob Hammond folgen ebenfalls der blutigen Fährte des Narbenmanns und so bilden sie eine Jagdgemeinschaft, geboren aus Verzweiflung und angetrieben von Rache.
Mr. Shivers scheint nah zu sein und doch ist er den Männern stets ein Stück voraus. In verfallenen Ortschaften, auf rasenden Güterzügen, in dichten Wäldern und ausgedorrten Weiten beginnt die Hatz auf das Wesen Mr. Shivers, bei der die Jäger zu den Gejagten werden…

Mit Mr. Shivers hat Robert Jackson Bennett einen eindrucksvollen und modernen Horror Roman erschaffen, der Gänsehaut verspricht. Statt klischeehaftem Hollywood-Horror skizziert der Autor eine Welt am Abgrund, die durch ihr präapokalyptisches Erscheinungsbild eine unglaublich dichte und spannende Atmosphäre für die mysteriöse Geschichte um Mr. Shivers schafft. So setzt der Autor auch weniger auf blutige Schockmomente, sondern erzeugt in einer einfachen Sprache eindringliche Stimmungen und einen durchgehend schaurigen Flair, der begeistert und fesselt. Mr. Shivers bleibt über weite Teile des Romans ein sehr gut aufgebautes, dunkles Rätsel, das sich durch Mythen, Lagerfeuergeschichten und verstörenden Erinnerungen Stück für Stück enthüllt. So wandelt sich das Bild von einem verrückten Serienmörder auf bedrohliche Weise in das einer Gestalt, deren Menschlichkeit nach und nach immer stärker in Frage gestellt wird. Hier hat der Autor einen starken Antagonisten aufgebaut, der besonders dann beeindruckt, wenn Robert Jackson Bennett einen direkten Einblick in dessen entrückte Gedankenwelt öffnet und etwas präsentiert, das zum Erschauern bringt.
Doch Mr. Shivers ist nicht nur mysteriöser, mörderischer und faszinierender Gegenspieler von Connelly und seinen Gefährten. Er bietet den Männern einen Halt in ihrem Leben, ein Ziel, in einer Zeit der Ziellosigkeit. Hier ist dem Autor ein brillantes Verhältnis zwischen Jäger und Gejagtem gelungen, beinahe schon ein hasserfülltes Abhängigkeitsverhältnis, das den Überlebenswillen antreibt. Connelly und seiner Männer brauchen Mr. Shivers, den Mörder ihrer Geliebten, um nicht selbst zu kapitulieren, vor dem Schmerz des Verlorenen und der Aussichtslosigkeit in Zeiten des Niedergangs.

Die leicht archaisch anmutende Welt, in die Robert Jackson Bennett die Leserschaft führt, stellt sich als so unpopulär wie ideal für seine Geschichte heraus. Mr. Shivers wird zu einer Hyäne, die über das kraftlose Leben einer untergehenden Zivilisation her fällt und so eine absolut harmonische und düstere Symbiose mit ihr herstellt. Der Weg der Verfolgung von Mr. Shivers entwickelt sich für die Männer zwar als durchaus geradlinig, doch das Opfer ihrer wagen Mordpläne hat vorgesorgt. Und so entwickelt sich eine spannende Jagd, in Road Movie Manier, die zu einem unbarmherzigen Überlebenskampf wird. Die Stationen der Rachereise von Connelly und seinen Weggefährten entpuppen sich in Teilen als wahre Höllen.
Hier ist es dem Autoren wunderbar gelungen eindringliche Momente zu erschaffen und seine Figuren in erschütternde Tiefen einer gesetzlosen Gesellschaft fallen zu lassen. Sei es ein Sheriff, der seine Gefängniszellen zu Folterkammern umgebaut hat, oder eine friedlich anmutende religiöse Gemeinschaft – das Grauen hat in diesem Roman viele Gesichter und nur eines davon gehört Mr. Shivers.

Robert Jackson Bennett: Mr. Shivers – Ein hochspannender, phantastischer Horror Roman, der durch seine dichte, düstere Atmosphäre, überraschende und schockierende Ereignisse, sowie den Mythos Mr. Shivers fesselnde Lesestunden garantiert. Genial geschrieben, abgründig, schaurig, mit Tiefgang und der feinfühlig inszenierten Faszination des Bösen.

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Buchfakten:
Robert Jackson Bennett Mr. Shivers
Thriller
Piper
Erschienen: Juli 2011
Aus dem Englischen von Andreas Decker
400 Seiten
Kartoniert
ISBN: 9783492267533

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