Mit seinem Romandebüt Asylon erschuf Thomas Elbel eine düstere Dystopie, in der skurrilen Architektur einer phantastischen und postapokalyptischen Metropole. Ein spannender und abenteuerlicher Roman, der im Piper Verlag erschienen ist und dem modernen Trend romantischer Jugend Dystopien zuwider läuft. Erfreulicherweise hat sich Thomas Elbel bereit erklärt ein paar Fragen zu seinem Buch, dessen Entstehung und zukünftige Projekte zu beantworten, sowie ein wenig über archaische Welten, die bizarre Walled City of Kowloon, sadistische Serienkiller, starke Frauen, ein beunruhigendes Erinnerungsimplantat u.v.m. zu plaudern.

Viel Spass mit dem Interview mit Thomas Elbel!

Im September ist dein Debütroman Asylon bei Piper erschienen. Wie hat es sich angefühlt das erste eigene Buch in den Händen zu halten?

In einem Wort: Fantastisch … und zwar mit drei Ausrufezeichen

Asylon wirkt sehr durchdacht und aufwendig geplant. Wie viel Zeit steckte in der Arbeit an dem Roman?

Tatsächlich war die Planungsphase (6 Monate) deutlich länger als die Schreibphase (4 Monate). Das liegt aber sicherlich auch daran, dass die Entwicklung einer Idee und das Stricken eines Plots einfach nicht so kontinuierlich vorangeht, wie das Schreiben.

Asylon ist durch und durch postapokalyptische Dystopie, in der die Akteure jedoch in Teilen über Hightech Waffen, wie die mechanischen Klauenhände, verfügen.
Als beinahe paradox wirkendes Gegenbild hierzu erscheint der Gote, ein wuchtiger Krieger mit einer mächtigen Streitaxt, der wohl das Herz eines jeden Fantasy Lesers höher schlagen lassen dürfte.
Was hat dich dazu bewogen den Goten, in dieser Ausformung, in das Buch einzubinden?

Ich denke die Antwort liegt schon ein bisschen in Deiner Frage verborgen. Ich finde es reizvoll Dinge gegen den Strich zu bürsten. Und so verirrt sich dann eine eisenzeitliche Kriegerfigur in einen Zukunftsplot. Das bringt, wenn man es in Maßen einsetzt, etwas mehr Spannung und Farbe in ein Genre, finde ich. Auf der anderen Seite ist die Welt von Asylon ohnehin recht archaisch. Vielleicht passt der Gote dann doch wieder nicht so schlecht.

Während deiner Arbeit an Asylon bist du auf die „Walled City of Kowloon“ gestossen, welche der wirren Architektur in deinem Roman auf beängstigende Weise ähnelt.
Wie war es für dich deine düster erdachte Fiktion in der Realität wiederzufinden?

Ein ganz magischer, seltsamer Moment. Die Realität hatte meine Fantasie eingeholt. Wie oft passiert einem das schon. Aber die Walled City war ja wirklich ein höchst bizarrer Ort. Ich habe mir dann ganz schnell einen Bildband dazu gekauft. Der war zwar sündhaft teuer, aber ich hab‘s nie bereut. Die Bilder sind bizarrer als alles, was man sich ausdenken könnte.

Anschließend an die vorherige Frage könnte sich jemand, der dem Genre fremd ist, fragen, warum du überhaupt eine Dystopie geschrieben hast, wo doch ein Blick in die Welt hinaus eine real existierende Dystopie nach der anderen bereithält…

Was reizt dich an diesem Genre und was würdest du einer solchen Person sagen?

Die literarische Verarbeitung der Idee von der schlechten Welt erlaubt eine romantischere Wahrnehmung der Thematik und dadurch eine angenehme Distanzierung von der Dystopie in der wir alle leben.

Auf der anderen Seite kann es ja durchaus sinnvoll sein, sich mit Schlechte-Welt-Szenarien zu befassen, um zu ergründen, ob es nicht doch möglich ist, das Entstehen immer neuer, dystopischer Zustände zu verhindern oder wenn das nicht möglich ist, sich wenigstens innerlich darauf einzustellen.

Drogen, Morde, Machtgier, kranke Typen in allerhand Ausformungen – Asylon ist eine zum Moloch verfallene Zivilisation. Warum hast dich nicht für eine etwas cleanere Dystopie Version entschieden und – Hand aufs Herz – was hat dir Spass daran gemacht, in diesem Dreck, aus sozialem und moralischem Verfall, zu wühlen?

Hmm. Wenn ich mal in mich hineinhorche, mag ich durchaus auch Dystopien mit einer eher „cleanen“ Oberfläche, wie z.B. Minority Report, weil dann häufig unter dieser glatten Hautoberfläche ein umso degenerierteres Unterhautfettgewebe verborgen ist. Ich kann mich dunkel erinnern, mal die Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen David Lynch und seinem damaligen Lieblingshauptdarsteller Kyle McLachlan gehört zu haben, in dem Mr. Lynch die amerikanische Gesellschaft mit einem Cherry Pie verglich. Eine appetitanregende Oberfläche, aber wenn man den Finger hineinsteckt, wird es dunkel und glitschig. Das trifft dann wohl auch auf diese Art von Dystopie zu. Aber ich schweife ab. Die düstere, schmutzige Form der Dystopie ist für mich die Urform, das Original sozusagen und sie entspricht eher meinen Erwartungen der Entwicklung der Welt.

Neben der Hauptfigur Torn begegnet dem Leser mit Saina eine verzweifelte aber starke Frau, die sich allerhand mörderischer Widrigkeiten zu stellen hat. Wie ist diese Figur entstanden und was schätzt du an ihr?

Dystopie galt bis hierhin in Fachkreisen als Science-Fiction-Ableger und damit als Männergenre. Mir war wichtig, dass das Buch auch für Frauen attraktiv ist und deswegen fiel sehr früh die Entscheidung, dass das Buch eine weibliche Co-Protagonistin braucht. Weiterhin sollte sie kein passives Klischeefräulein aus der Romantikschinkenwelt sein, sondern eher ein patentes Weibsstück, die mit der rauen Welt von Asylon mindestens genauso gut umgehen kann, wie ihr männlicher Konterpart Torn. Ich schätze sie, weil sie sich bei aller harten Schale, die sie sich notwendigerweise zulegen musste, ihre Einfühlsamkeit bewahrt hat.

Asylon ist nicht nur ein actionreicher Endzeitthriller, sondern für seine Figuren auch eine waghalsige und wenig angenehme Entdeckungsreise zu sich selbst. Warum hast du einen solchen Weg gewählt und Themen wie Schuld und (Mit)Verantwortung so zentral in Asylon platziert?

Ich mag es lieber, wenn Romane, was das angeht, nah am wirklichen Leben sind und da sind Schuld und Verantwortung selten bis nie klar und eindeutig verteilt. Wenn Bücher mir etwas anderes vorspiegeln wollen, finde ich das eigentlich eher ärgerlich.

Sobald Edward, ein widerlicher Unsympath der Güteklasse 1A, auftaucht beginnt ein düsterer Horrortrip, meist in dunklen Räumen voller Leichen. Wie erschafft man als Autor eine solch geniale Figur, mit all ihren ekeligen Charaktermerkmalen?

Das sind eigentlich die Figuren, die beim Entwurf am meisten Spaß machen, weil man aus den Vollen schöpfen kann. Drastische Einzelheiten sind beim Typus sadistischer Serienkiller ja geradezu Pflicht. Edward ist mir buchstäblich so zugeflogen, ohne dass ich mich viel bemühen musste. Ich hoffe, dass ich die Leser jetzt nicht verängstigt habe 😉

Welche Figur aus Asylon würdest du gerne einmal persönlich treffen und warum?

Sainas beste Freundin Radu, weil ich von ihr die klarste, visuelle Vorstellung habe und gerne sehen würde, ob ich mich getäuscht habe, vor allem aber Asylon, die Stadt, die eigentlich fast den Charakter eines weiteren Protagonisten hat.

Welche Bedeutung hat phantastische Literatur als Autor und Leser für dich?

Das vorsichtige Abweichen von der Realität erlaubt es mir, das Augenmerk auf Gedanken, Fragen und Ideen zu lenken, die mir besonders wichtig sind. Das Phänomen der verlorenen Identität gibt es ja wirklich, z.B. nach schweren Kopfverletzungen, aber eben nicht in der Massenhaftigkeit, wie ich es mir für Asylon vorgestellt habe. Ich finde die alten Fragen: „Wer bin ich? Was macht mich im Kern aus?“ aber so interessant, dass ich sie auf diese Weise überspitzen wollte. Die Phantastik gibt mir Zeit und Ort dafür.

Magst du uns einen Blick in deine zukünftigen Pläne gewähren? Woran schreibst du gerade und welche Projektideen warten auf ihre Umsetzung?

Gerade gestern habe ich die überarbeitete Idee für mein nächstes Projekt bei meinem Agenten Bastian Schlück eingereicht, der es wiederum an Piper weiterleiten wird. Sollte Piper dem Projekt nähertreten können, so wird es in meinem nächsten Buch – wiederum eine Dystopie – um eine Droge gehen, die die Heldin aus von ihr Getöteten gewinnt. Das sollte einen interessanten Charakter ergeben. Ich denke, dass ich Ende September, Anfang Oktober wissen werde, ob daraus was wird. In meinen Schubladen liegt aber auch so einiges anderes für spätere Jahre, z.B. ein historischer Fantasyroman zur Zeit des dreißigjährigen Krieges von dem schon 120 Seiten und ein komplett fertiger Plot existieren.

Wenn du so freundlich wärst den folgenden drei Sätzen ein Ende zu verleihen?

Eine schriftstellerische Rückkehr nach Asylon

… wäre angesichts der Zahl an Toten, die ich dort hinterlassen habe, für mich sicher nicht ungefährlich aber auch sehr interessant.

Das Leben nach der Apokalypse…

… kann auch seine Reize haben, denn ist die Welt erst ruiniert, so lebt es sich ganz ungeniert.

Ich weiss, dass an mir (keine) medizinischen Experimente durchgeführt wurden, weil…

… das in dem Erinnerungsimplantat steht, das die mir gestern eingepflanzt haben.

Vielen Dank für die interessanten und spannenden Antworten!

Homepage des Autoren: Asylon

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