Drei Tage später kam er mit einer Statue zurück. Ich weiß wirklich nicht, welcher Teufel ihn geritten hatte, mir dieses hässliche Ding als Geschenk mitzubringen. Was auch immer der obsidianschwarze Stein darstellen sollte, es war seltsam verdreht, verkrümmt, verkrüppelt – einfach falsch. (Das Ding, Bettina Ferbus)

Nach der phantastischen Anthologie Metamorphosen hat die Fortführung der Zusammenarbeit, zwischen dem Verlag Torsten Low und den Geschichtenwebern, erneut düstere Früchte getragen. Sie finden das Grauen, lautete der Titel der Ausschreibung zu dieser Anthologie und auf entsprechend schaurige Pfade haben sich 15 AutorInnen begeben. Angelehnt und eingebettet in den Cthulhu Mythos von H.P. Lovecraft sorgen sie für weitere Facetten im skurrilen Gebilde cthulhuoiden Horrors.

Den Auftakt der Anthologie bildet die titelgebende Geschichte Die Klabauterkatze von Arndt Ellmer, welcher bereits eine Trilogie um die Grossen Alten geschrieben hat. Der Autor entführt die Leserschaft in Lovecrafts Dreamlands, genauer gesagt, die staubige Hatheg Wüste, in welcher der wandernde Heiler Ranulf einer Katze von sonderbarem Aussehen begegnet. Die Geschichte besticht durch ihr exotisch-phantastisches Setting, eine interessante Hauptfigur und stimmt den Leser in schaurige Vorfreude auf die folgenden Stories.

Matthias Töpfer weiss in Goldene Locken, kaltes Herz eine subtil-bedrohliche Atmosphäre aufzubauen, wenn er den Leser in die kleine, alte Mietskaserne führt, mit dem merkwürdigen Hausmeisterehepaar und diesem verstörenden Kind auf seiner Etage, von dem alle Bewohner schweigen. Hier liegt schlichtweg eine gelungene Geschichte vor, mit der schaurigen Umsetzung einer guten Idee.

Bereits mit der dritten Kurzgeschichte steuerte diese Anthologie auf einen ihrer Höhepunkte zu. Hinter dem etwas belanglos wirkenden Titel Spuren im Watt spinnt Johannes Harstick ein Gruselwerk, welches sich hervorragend in Lovecrafts Cthulhu Mythos integriert. Das Verschwinden des Ornithologen Windheim von seiner einsamen Vogelwarte, auf dem kargen Landstrich Südfall in der Nordsee, und die Nachforschung in diesem mysteriösen Fall entwickeln sich zu einem schauderhaften Lesegenuss, mit einer absolut eindrucksvollen, beklemmenden Atmosphäre und Ereignissen, welche die geistige Gesundheit des Protagonisten wahrlich auf die Probe stellen. Ohne diese Geschichte wäre die Anthologie um ein eindrucksvolles Mosaik ärmer. Beeindruckend, packend und hochwertig in all ihren Facetten. Johannes Harstick mausert sich zu einem Geheimtipp in Sachen Kurzgeschichten und man möchte seine Beiträge in Anthologien nicht mehr missen.

Mitherausgeber Thomas Backus formt in Bausteine aus Le(h)m eine spannende Schauergeschichte, mit einer dramatische Zuspitzung. Eine kleine, alternativ lebende Familie und diese seltsamen Le(h)mbausteine vom Trödelmarkt, sind die Mixtur zu düsteren Ereignissen, die sich auf leisen Sohlen anbahnen und in den Leser unheilvollen Vorahnungen pflanzen. Der Autor zeigt hier, dass es manchmal ganz simple Elemente sein können um eine grandiose Geschichte, mit sehr gelungenen Charakteren, entstehen zu lassen, die auf schauerliche Weise zu beeindrucken weiss.

Das Ding von Bettina Ferbus ist eine Geschichte, die bei dem Leser vor allem einen Gedanken beständig nährt, und dieser lautet: „Das wird jetzt doch nicht wirklich passieren!“. In der Ich-Perspektive erzählt die Autorin von einem Wracktaucher, der seiner schwangeren Frau eines Tages eine abscheuliche, kleine Statue aus den Tiefen des Meeres mitbringt und damit Ereignisse in Gang setzt, die durchaus als schockierend zu bezeichnen sind. Hier haben wir absolut gelungene Charaktere mit Tiefgang, die an Grenzen stossen, welche wirklich nachempfindbar und doch zutiefst grotesk und widerlich sind. Diese Geschichte ist ein Horror Erlebnis und verstörender Juwel in dieser Anthologie.

Faustpfand von Matthias Töpfer beeindruckt bereits durch das Thema männliche Prostitution und Strassenstrich, belässt es dabei aber bei weitem nicht. In einer ereignislosen Nacht, die bislang kein Geld gebracht hat, schlägt Manuel die oberste Strassenstrichregel in den Wind und steigt in das Auto des freundlichen Herren, um zu ihm nach Hause zu fahren… Aus dieser befremdlichen Situation entwickelt sich eine alptraumhafte Geschichte, ohne Erotik, die zwar recht gradlinig verläuft, aber durchweg gut gemacht ist und über eine sehr eigenständige Note des Unbehagens verfügt.

Das Lied des Meeres von Sabrina Hubmann ist in weiten Teilen der Brief eines Grossvaters an seine nie gekannte Enkelin und eindringliche Warnung zugleich. Idee und Thema sind hier sehr gut gewählt, als dann das Lied des Meeres erklingt wäre aber deutlich mehr möglich gewesen, um das Schaurige der Geschichte noch zu vertiefen. Hier wurden leider Möglichkeiten verschenkt, was wirklich bedauerlich ist, liegt doch sonst eine gute, cthuluoide Geschichte vor.

Chris Schlicht, ebenfalls verantwortlich für die grandiose Umschlagsgestaltung, nimmt den Leser in Schwarzes Glas mit auf eine Dschungelexpedition, bzw. zwei in unterschiedlichen Zeiten, zu einem überwucherten Tempel, am Fusse eines riesigen Baumes. Ein bißchen Abenteuer- und Entdeckerflair, exotischer Aberglaube und eine grausige Offenbarung machen diese Geschichte zu einem gelungenen Werk, im beklemmenden Zwielicht verbotener Tempelgewölbe.

Der Fang von Benjamin Nemeth besteht aus einem abscheulichen Fundstück, welches die Netze des Kutters an Bord hieven. Das beklemmende Gefühl der Weite des Meeres und des Ausgeliefertsein, was immer auch geschehen mag, fängt der Autor in seiner Geschichte ein, die zwar sehr gradlinig verläuft und noch über Platz für einen zweiten Handlungsfaden verfügen würde, aber durch ihren glitschigen Schrecken zu punkten weiss.

Martin Beckmann präsentiert in O Bruder mein die unheilvolle Zusammenkunft zweier Adoptivbrüder und taucht tief in persönliche Schicksale, dunkle Machenschaften, die Verlockungen blasphemischen, okkulten Wissens und ihre grauenhaften Konequenzen. Eine sehr gelungene Horror Geschichte, die Schicht für Schicht in vergangenen Schrecken gräbt.

Auch Carsten Steenbergen zieht es in Treibgut aufs Meer hinaus und auch er lässt seinen Protagonisten einen schaurigen Fund angedeihen. Das hier ein erfahrener Autor am Werk ist, ist der Geschichte deutlich anzumerken und so bestechen die Figuren durch charakterliche Individualität, die Story durch eine gute, abgeschlossen ausgeführte Idee und das Schaurige durch glitschiges Grauen, von monströsen Ausmassen. Das ganze gipfelt in einem bemerkenswerten Kampf, nicht nur um die geistige Gesundheit der Hauptfigur.

Da jede Anthologie in sich Höhepunkt hat gibt es auch zumindest einen Tiefpunkt und diesen bildet Die perfekte Musik von Sabine Völkel. Obwohl die Idee der Geschichte gut ist, driftet sie durch ihre Ausführung doch in die Gefilde der Langeweile ab. Zwei spärlich bekleidete junge Frauen treffen auf überdimensionierte Nacktschnecken und das morbide Geheimnis eines wenig bekannten Musikers. Das ganze wirkt durch seinen flotten, unbekümmerten und bedingt gewitzten Stil wie der Versuch Cthulhu auf modernen Schauer für Heranwachsende zu trimmen. Und scheitert wenig überraschend. Auch lässt die Geschichte eher an zahllose schlechte U.S. Horrorfilme, mit ihren Standartstudentinnen in den belanglosen Hauptrollen, denken, als an Lovecrafts Chtulhu Kosmos. Eine gute Idee, aus der dann leider Teenie Horror wird.

Samuel White entführt den Leser in Krieg der Kraken in die Weiten des Südpols und weckt unweigerlich Erinnerungen an die arktischen Horrorerzählung Berge des Wahnsinns von H.P. Lovecraft. Dementsprechend lässt der Autor ein leicht mulmiges Gefühl beim Leser zurück, kann diese Geschichte natürlich dem lovecraftschem Werk, in dem sich aufdrängenden Vergleich, nicht Stand halten. Nichtsdestotrotz liegt hier eine sehr gelungene Kurzgeschichte vor, die das atmosphärische Potential jener verlassenen, eindrucksvollen Landschaft leider kaum zu nutze weiss, aber eine prägnante, durchdachte und schaurige Story zu bieten hat, die sich absolut spannend liest.

Fleischmanns Trophäe von Jan-Christoph Prüfer entpuppt sich als unheiliger Pfund und verfluchtes Artefakt, welches der studentische Hilfskraft Hagen zum Verhängnis wird. Einen völlig unbescholtenen, jungen Mann präsentiert der Autor als Hauptfigur und lässt ihn sogleich hilflos in erschreckende Ereignisse schlittern. Eine Geschichte, mit einem gewissen Witz, der durch den komplett überforderten Protagonisten entsteht, und einer schaurigen Note. Sehr gelungen.

Ein weiteres Highlight der Anthologie legen die Brüder T. S. Orgel mit Wo die Strasse dunkel ist vor. Eine Flucht aus unheilvollem Vergangenen wird zu einer Roadstory in der amerikanischen Prärie. Hier sind zwei Schreiber am Werk, die nicht nur genau wissen was sie wollen, sondern dieses auch gekonnt und eindrucksvoll umsetzen. Eine sehr durchdachte Geschichte, die sich als packender Page Turner, mit überraschenden Wendungen, liest und deren Idee zu den besten der Anthologie zählt. Brillant gemacht.

In Zauber der Karibik verschlägt Andreas Zwengel den Leser auf die kleine Insel St. Elias und das dort ansässige Luxushotel. Ein Klavierspieler, der das Hotel nicht verlassen darf ehe er seine Schulden abgearbeitet hat und ein Gast, der nicht bereit ist, dem Rauswurf des Hotelbesitzers Folge zu leisten. Diese zwei Komponenten führen in eine schaurige Geschichte, mit skurrilen Zügen und unerwarteten Momenten. Gut durchdacht, spannend und im positiven Sinn leicht sonderbar.

Matthias Töpfer lässt Im Knusperhäuschen eine glückliche Familie in eine beschauliche Waldhütte ziehen, von der die karg gesäten Bewohner der Gegend jedoch nichts Gutes zu berichten wissen. Hexenhaushorror in skurriler Ausformung und ein Familiendrama, das unter die Haut geht.

Abgerundet wird die über 400 Seiten starke Anthologie durch eine sehr passende Umschlaggrafik, ein Lesezeichen und eine Vorstellung der beteiligten AutorInnen. Eine Vorstellung der Person H.P. Lovecraft und seiner Bedeutung für die Phantastik wäre schön gewesen.

Die Klabauterkatze und andere Fundstücke des Grauens – Eine facettenreiche Anthologie im Rahmen von H.P. Lovecrafts Cthulhu Mythos, mit eindrucksvollen, spannenden und dramatischen Schauer und Horror Geschichten. Hochwertige Kurzgeschichten, mit Gänsehautgarantie, die zu überraschen und zu fesseln wissen. Für Neueinsteiger ebenso empfehlenswert, wie für hartgesottene Cthulhu Anhänger.

Mehr zu dem Buch: Die Klabauterkatze und andere Fundstücke des Grauens

Buchfakten:
Die Klabauterkatze und andere Fundstücke des Grauens – Auf den Spuren H.P. Lovecrafts 2
(Hrsg.: T.Backus, M.Bianchi, S.Hubmann)
Verlag Torsten Low
Taschenbuch
ca. 420 Seiten
Oktober 2011
ISBN 978-3-940036-09-4

Advertisements