Weitab des mächtigen Reiches Tristborn, nördlich der Narbe, westlich des Schwarzen Hains und verborgen durch die Götterzacken, schlummern die Immergrünen Almen, weitab der Kriege mit den Barbaren und dem hektischen Treiben der Menschen. Als der Halbling Namakan zu seinem geliebten, heimischen Gehöft, nach einem harten Tag Skaldatsuche, zurückkehrt, verändert sich sein beschauliches Leben mit einem Schlag. Die Mauern seines Heims niedergebrannt, seine Stiefgeschwister grausam verstümmelt. Und während der Halbling von Trauer geschüttelt in den blutigen Matsch sinkt, schwört sein Ziehvater Dalarr Rache und kündet von einer Spur des Zorns, die er nach Tristborn ziehen wird.
Denn die Mörder liessen ihr Wappen zurück – Das Banner König Arivds.

Mit Heldenwinter hat Jonas Wolf ein packendes Fantasy Abenteuer erschaffen, das sich als gewitzter und rasanter Page Turner entpuppt. Als eine Homage an J.R.R. Tolkien kann dieser Roman, in der Welt des Skaldats, beschrieben werden und ist doch viel mehr und vor allem ganz anders, als das grosse Vorbild Mittelerde. Robert E. Howard muss hier eine gleichberechtigte Erwähnung finden, aber auch Michael Ende darf genannt werden und es ist davon auszugehen, dass der Autor auch einmal etwas von H.P. Lovecraft, R. A. Salvatore und George R.R. Martin in der Hand hatte. Doch eine Aufzählung von bedeutenden Namen der Fantasy und Phantastik Literatur mag zwar andeuten mit welchen Elementen Jonas Wolf in seinem Buch zu spielen beliebt, es verrät wenig über die konkrete Umsetzung.
Rotzige Dialoge und liebevolle Charaktere, dramatische Action und atmosphärische Schauplätze, romantische Liebe, düstere Omen, Heldenmut und ein fantastischer Weltenbau sind es, die diesen Roman zu einem abenteuerlichen Lesegenuss machen.

Geschichten könnte man als das Überthema von Heldenwinter nennen. Geschichten, als Halbwahrheiten, überzogene Legenden, Notlügen und bewusste Täuschungen, bilden ein Geflecht um die eigentliche Handlung des Romans und wagen nicht nur den Leser auf falsche Fährten zu führen. Was als zorniger, erschütterter, aufgewühlter und vor allem hilfloser Rachefeldzug gegen den Volkshelden König Arvid beginnt, entwickelt mehr und mehr eine tiefere Ebene, in der wohl behütete Geheimnisse schlummern, die das Bild der Hauptfiguren nachhaltig demaskieren werden. Das nicht nur optisch deutlich ungleiche Paar, des Halblings Namakan und des großgewachsenen, menschlichen Hünen Dalarr, bricht auf einen Königsmord zu begehen und muss sich hierfür auf düstere Pfade begeben.
Zu ihnen gesellen sich im Laufe turbulenter Ereignisse weitere Verbündete, die allesamt das wahre Antlitz eines kaltherzigen und machtversessenen Monarchen erblicken mussten. Hier hat Jonas Wolf eine bunte Gefährtentruppe geformt, die über ein erfreudig hohes Maß an Konfliktpotential verfügt, aber auch tiefe Freundschaft und Liebe birgt. Lediglich der genial skizzierte Zwerg Eisarn, ein Suffkopf und Wüterich vor dem Herren, kommt hier leider zu kurz. Auf Grund der Länge des Romans von 500 Seiten war eine Vertiefung seiner Figur wohl kaum möglich. Neben diesem bedauerlichen Umstand glänzt Jonas Wolf aber in einem Höchstmaß an individuellen Charaktergestaltungen. Selbst der neckische Seitenhieb, an die zur Zeit modernen romantischen Gestaltwandler Romane, entwickelt eine wundervolle Nebengeschichte, mit eindrucksvoller aber auch herzerwärmender Skurrilität. Und das Aufgreifen der Thematik untoter Umtriebe wird bei Jonas Wolf zu einem Ansturm von Leichenarmeen, der schauriger nicht sein könnte.

Wo Jonas Wolf eine Nähe zu Tolkiens Der Herr der Ringe durchblicken lässt, kann sich der Leser bewusst sein, diese dort auch zu finden, um dann mit einem völlig anderen Szenario überrascht zu werden. Wenn Namakan und Dalarr ein gigantisches Geflecht aus abscheulichen, klebrigen Spinnennetzen überqueren und jedes Zittern der seidenen Fäden das Bild Kankras beschwört, kommt alles viel bizarrer, grösser, schlimmer und anders als Tolkien es sich erdacht hatte. Wenn die Heldengruppe in den geheimen Elfenwald vorstösst und verbotene, sagenumwobene Gefilde betreten, der Leser den wundervollen Namen Lothlórien in Gedanken formt, offenbart sich ein Ort, der nur noch schemenhaft an sein tolkiensches Vorbild erinnert. Nicht nur hier ist dem Autoren ein grandioses Spiel mit vertrauten Elementen, Lesererwartungen und kreativer Eigenständigkeit gelungen. Neben den düsteren und eindrucksvollen Etappen der Heldenqueste, ist es in gleichen Maßen der Flair der Geschichte, der sich als facettenreich entpuppt.
Von sympathischen Helden, über verschrobene Priesterinnen der krähenhaften Gottheit Kroka, bis zu raubeinigen Schwertschwingern, denen kein Ausspruch zu deftig und kein Fluch zu weit unter der Gürtellinie ist, hält Heldenwinter ein überraschend stimmiges Maß an Vertrautem und Unerwartetem bereit, das sich zu einem epischen Abenteuer mit durchgehender Spannung ergänzt.

Eindrucksvolle Fantasy, die sich an ein erwachsenes Publikum wendet und rundum überzeugt.

Jonas Wolf: Heldenwinter – Abenteuer Fantasy, mit überraschenden Elementen, gekonnt gezeichneten Figuren, einer packenden und turbulenten Geschichte, sowie einem gelungenen Mix aus epischem Heldentum und rauer Gossenromantik. Eine Widmung an Tolkien und Howard, die eigene Wege geht und gerade dadurch die Fantasy Literatur mit einem äusserst lesenswerten Buch bereichert.

Mehr zu dem Buch: Heldenwinter

Buchfakten:
Jonas Wolf
Heldenwinter
Roman
Erschienen: 16.01.12
Piper
512 Seiten
Kartoniert
ISBN: 9783492267199

Advertisements